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Convenience FoodDer Kick beim schnellen Essen

Was Manager der Lebensmittelindustrie und Drogendealer gemeinsam haben: Beide vermeiden es, ihre Produkte selbst zu konsumieren.

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Als US-amerikanische Präventivmediziner in den 1980er Jahren erkannten, dass die Fettsucht in ihrem Land epidemische Züge angenommen hatte, starteten sie eine umfangreiche Studie. 120'000 Menschen beteiligten sich daran. Ab 1986 gaben sie alle vier Jahre minutiös Auskunft über ihre Essgewohnheiten. 2011 wurden die Ergebnisse im renommierten «New England Journal of Medicine» publiziert. Wie erwartet waren für die Gewichtszunahme der Probanden die ­üblichen Verdächtigen verantwortlich: rotes und ver­arbeitetes Fleisch, Süssgetränke, Glace et cetera. Am schlimmsten waren ­jedoch die Kartoffelchips.

Kartoffelchips bestehen aus Zucker (in Form von ­Stärke), Salz und Fett in hoher Konzentration. Diese drei Substanzen sind auch die Grundpfeiler von Convenience-­Food. In den USA sind heute rund 70 Prozent aller verkauften ­Lebensmittel solche Fertiggerichte. Tiefkühl­pizzas, Frühstücksflocken und Joghurts machen auch bei uns einen beträchtlichen Teil der Ernährung aus. Das ist nicht verwunderlich. Der Aufstieg von Convenience-Food verläuft parallel zum Eintritt der Frauen ins Berufsleben. Wenn beide Elternteile arbeiten, bleibt fürs ­Kochen kaum Zeit. ­Zudem haben die Lebensmittel­ingenieure ganze Arbeit geleistet: Convenience-Food schmeckt und ist günstig.

Solche Ernährung kann niemals gesund sein. Con­venience-Food liegt oft Monate im Supermarkt, bevor es ­gekauft und verzehrt wird. Ohne den Einsatz von viel Chemie, Hitze und Gewalt wäre dies unmöglich. Viele Frühstücksflocken, die so natürlich frisch und knackig aussehen, haben eine Tortur hinter sich. Das Getreide, aus dem sie bestehen, wurde gemahlen, gekocht, mit Chemikalien behandelt und mit Zucker gepudert. Alles, was gesund ist, wird dabei zerstört. Vitamine müssen nachträglich hinzugefügt werden. Ausser für tiefgefrorenes Gemüse gilt dies für Convenience-Food generell.

Wie neurologische Forschungen zeigen, wirken ­Zucker, Salz und Fett im Gehirn wie Drogen. Der amerikanische Journalist Michael Moss macht in seinem Buch «Salt, Sugar, Fat» folgenden Vergleich: «Wenn Zucker mit seinem direkten Angriff auf unsere Gehirnzellen das ­Amphetamin der industriell ­gefertigten Nahrung ist, dann ist Fett das Opium, die weiche Droge, deren Effekt jedoch nicht weniger wirkungsvoll ist.» Salz wäre dann das Kokain im Convenience-Food.

Abhängige tendieren dazu, ihre Drogendosis zu ­erhöhen. Dasselbe passiert bei den drei Substanzen der Fertiggerichte. Bei Fett lässt sich die Dosis beliebig steigern. Die Amerikaner essen deshalb heute rund dreimal so viel ­Käse wie in den 1970er Jahren. Der grösste Teil ist weder Emmentaler noch Brie, sondern ein Industriekäse, der in Fertigpizza, Lasagne und ähnlichen Produkten Verwendung findet. Auch der Salzanteil in den Fertigprodukten hat ­stetig zugenommen. Beim Zucker sprechen die Lebensmittelingenieure von einem Bliss-Punkt, von der Menge, bei der sich der Zuckergeschmack ideal im Mund entfalten kann. Zucker, Fett und Salz sind bei den Kartoffelchips ideal ausbalanciert, deshalb machen sie auch augenblicklich süchtig. Wer das bezweifelt, sollte einmal versuchen, bloss ein einziges Stück zu essen.

Immer öfter wird Convenience-Food aus Schulkantinen verbannt. Wäre es nicht viel sinnvoller, eine gesunde Variante davon herzustellen? Bisher sind alle Versuche in diese Richtung kläglich ­gescheitert. Wenn Fertigprodukte schmecken sollen und nicht zu viel kosten dürfen, dann kommt man offenbar an Zucker, Salz und Fett nicht vorbei. Die Hersteller ­wissen das. Michael Moss hat viele Manager der Lebensmittelindustrie interviewt und eine Parallele zu den Drogendealern entdeckt: Beide vermeiden es tunlichst, ihre Produkte selbst zu konsumieren.

Veröffentlicht am 31. Mai 2013