Hat sie es morgens nicht allzu eilig, isst Jennifer DeMattia ein bis zwei Bioeier und Fleischreste vom Vortag, oder sie trinkt einen Protein-Shake mit Heidelbeeren und Mandelmilch. Dazu Kaffee, schwarz und ungezuckert. Zwischendurch genehmigt sie sich Walnüsse. Oder ein paar Rädchen Trüffelsalami mit Sbrinz – streng genommen eine Sünde. Mittags und abends gibts geräucherten Lachs, Fleisch vom Grill, Salate, gedämpftes Gemüse oder selbstgekochte Suppe. Regt sich die Lust auf Süsses, darf es ein Stück dunkle Schokolade sein. Pasta, Reis, Brot, Zucker, Milch und Joghurt sucht man in ihrer kulinarischen Palette vergebens. Denn das, sagt sie, sei nicht «Paläo».

Die Paläo-Diät ist eine Ernährungs­philosophie, die der amerikanische Paläoanthropologe Loren Cordain bekannt gemacht hat. Sie beruht auf der Annahme, dass der Mensch sich genetisch nicht an die moderne Zivilisationskost angepasst hat. Deshalb seien für ihn nur Nahrungsmittel geeignet, die bereits vor 500 Generationen, in der Altsteinzeit, auf dem Speiseplan standen. Das heisst: Beeren, Gemüse, Kräuter, Pilze, Nüsse, Früchte, Fleisch, Fisch und Schalentiere. Was erst nach der neolithischen Revolution, als der Mensch mit Ackerbau und Viehzucht begann, auf den Speisezettel gelangte, gilt es zu vermeiden, allem voran Milch- und Getreideprodukte, Kartoffeln und indust­riell verarbeitete Lebensmittel.

Wer sich nach diesen Richtlinien ernährt, so das Credo der Paläo-Diät-Anhänger, vermeide nicht nur Übergewicht, sondern reduziere auch das Risiko, an Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt oder gar Krebs zu erkranken.

In Fachkreisen ist das höchst umstritten. Die Aussagen zur Ernährungskultur in der Steinzeit basierten auf reinen Hypothesen, betonen Kritiker. Und noch gebe es keine Langzeitstudien, die die Wirksamkeit der Paläo-Diät belegten. Auch das Argument der genetischen Stag­nation sei nicht haltbar. Im Gegenteil: Das Genom des Homo sapiens passe sich den Lebensumständen an. Deshalb besitzen heute 80 bis 90 Prozent der Menschen ein ­Enzym, das Laktose spalten kann. Fazit: Die Steinzeit mag attraktive philosophische Ansätze bieten, die damit propagierte Ernährungsweise ist jedoch nichts anderes als eine Variante der Diäten, die auf einen tiefen Blutzuckerspiegel abzielen. Dennoch: Das Konzept fällt auf fruchtbaren Boden, die Gemeinde seiner Anhänger wächst.

Jennifer DeMattia, 35 Jahre alt, klein und athletisch, gerade Haltung, lange schwarze Haare, rascher Gang, gestricktes Schlauchkleid, ist seit gut zwei Jahren «Steinzeitfrau». Seit sieben Jahren lebt die gebürtige Kalifornierin in der Schweiz. Sie arbeitet als Marketingspezialistin bei einer Versicherungsgesellschaft, trainiert Kraft- und Ausdauersport und will im März in Barcelona ihren ersten Marathon laufen. Wie viele andere Frauen investierte sie lange einen Grossteil ihrer Energie darin, die für ihren Körper geeignete Ernährungsweise zu finden. Sie fühlte sich zu dick, nicht fit genug, litt an Blähungen. Pizza, Pasta und Latte macchiato wechselten sich mit unzähligen Diäten ab. Sie versuchte sich als Vegetarierin, hielt es aber nicht lange aus. Der Verzicht auf Milchprodukte linderte immerhin ihre Verdauungsprobleme.

Die Wende kam vor zwei Jahren, als sie den Kilimandscharo bestieg: «Wir ernährten uns während der Exkursion fast ausschliesslich von Fleisch und Gemüse, und es ging mir sehr gut dabei. Nach dieser Reise habe ich mit der Jäger-und-Sammler-Diät weitergemacht, lange bevor mir klar wurde, dass diese Ernährungsweise einen Namen hat.»

Den Begriff «Paläo» hörte sie zum ers­ten Mal von einem Trainingskollegen, der ihr riet, zur Steigerung ihrer Leistung auf Steinzeiternährung umzustellen. Also entschlackte sie ihren Speisezettel, hütete sich vor Ausrutschern, aber auch davor, in Extremismus zu verfallen. «Meine Ernährungsweise muss psychisch und physisch nachhaltig sein, sonst macht sie keinen Sinn», sagt sie. «Ich will ja nicht einfach Kilos verlieren, sondern in Form kommen und bleiben. Insofern ist ‹Paläo› für mich keine Diät. Es ist ein Lebensstil.»

17 Kilogramm hat sie inzwischen abgenommen. Nach einer Baisse zu Beginn ist ihr Energiepegel stetig gestiegen. Sie sei weniger müde, konzentrierter an Sitzun­gen, habe bessere Ideen.

Doch wie kann man auf Brot, Pasta, und Reis verzichten und auf andere Speisen bei gesellschaftlichen Anlässen? Der Verzicht auf Pizza tue weh, sagt Jennifer. Steht im Restaurant Brot auf dem Tisch, schiebt sie es weit von sich. Beim Italiener isst sie Fisch mit Gemüse, beim Thailänder bestellt sie Curry ohne Reis, im Steakhouse Fleisch mit Broccoli, nach dem Rockkonzert Bratwurst ohne Bürli. Nur bei Fondue werde sie schwach. «Aber ich plane diese Abende bewusst ein und geniesse sie dann umso mehr.»

Kocht Jennifer selber, vermischt sie Stein- und Neuzeit: Bei Fajitas ersetzt sie die Weizenfladen durch Salatblätter. Fisch beträufelt sie mit Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Pfeffer, lässt ihn eine knappe halbe Stunde lang im Ofen und serviert ihn dann mit frischem Spinat. Ihre Gäste seien bis jetzt immer begeistert gewesen, sagt DeMattia, ihr Partner ebenso. Der sei zwar noch kein «Caveman», aber auf dem besten Weg dazu.