Auf dem Fischmarkt in Tokio bringt ein stattliches Exemplar des Roten Thunfisches, den Wissenschaftler Thunnus thynnus nennen, gut und gern 30'000 Euro. Zwar werden die pfeilschnellen Räuber der Weltmeere bis zu 458 Zentimeter lang, der schwerste Fang brachte mit 684 Kilogramm das Gewicht einer Kuh auf die Waage. Mit mehr als 40 Euro pro Kilogramm weist der Preis aber auf eine exklusive Verwendung hin: Der Rote Thun ist eine der wichtigsten Zutaten für das japanische Sushi-Gericht. Naturschutzorganisationen wie der WWF haben daher schon lange den Verdacht, Thunnus thynnus könnte völlig überfischt sein. Auf den Roten Listen der Weltnaturschutzunion IUCN aber taucht diese Art nur unter der Rubrik «Daten ungenügend» auf.

Als der renommierte Thunfisch-Experte Bruce Collette vom National Marine Fisheries Service Systematics Laboratory in Washington und sein Team die vorhandenen Zahlen zu den Beständen dieser Art nach den Kriterien der IUCN jetzt zusammenfassten, entpuppte sich der Rote Thun tatsächlich als «stark gefährdet». Anderen Edelfischen wie dem Nördlichen und Südlichen Blauflossen-Thunfisch, aber auch Schwertfischen und Marlinen geht es ähnlich schlecht, berichten die Forscher in «Science».

«Vor allem die Arten, die lange leben und hohe Preise auf den Märkten bringen, sind gefährdet», erklärt Bruce Collette. Solche wissenschaftlichen Daten zu kommerziell gefangenen Fischen aber sind Mangelware. Weltweit werden einige Tausend Arten gefischt. «Aber nur für wenige Hundert Arten gibt es Bestandsschätzungen», sagt der Fischereibiologe Rainer Froese vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaft IFM-Geomar in Kiel.

Häufig werten die Forscher daher indirekte Daten aus dem kommerziellen Fischfang aus. Mit welchem Aufwand bringt ein Schiff wie viele Fische oder wie viel Tonnen Fang in den Hafen? Braucht ein Schiff inzwischen zum Beispiel erheblich mehr Diesel, um den gleichen Fang wie früher an Bord zu holen, muss der Kapitän wahrscheinlich weiter fahren, um die Schwärme zu finden.

Da die Flotten den Fischen gleichzeitig mit immer besseren Methoden nachspüren, wird der Fang in zehn Jahren rund 40 Prozent effizienter. Zusammen deuten bessere Methoden und höherer Dieselverbrauch dann stark darauf hin, dass weniger Fische im Meer schwimmen. Viele der untersuchten Arten und Bestände sind demnach überfischt, von Nachhaltigkeit ist nur selten die Rede.

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«Besonders schlimm ist die Situation zurzeit bei den europäischen Fischern», fasst IFM-Forscher Rainer Froese die Situation zusammen. Das Paradebeispiel für die Probleme der Fischer in der Europäischen Union (EU) aber ist genau der Rote Thunfisch, den Bruce Collette gerade als stark gefährdet eingestuft hat.

Diese Art kommt vor allem im Mittelmeer und im Atlantik vor, wird aber zum grössten Teil für den japanischen Markt gefangen. Im Jahr 2009 veröffentlichte die Naturschutzorganisation WWF eine Studie, die ein Zusammenbrechen der Bestände nachwies. Bis zum Jahr 2012 könnte die Art ausgerottet sein, vermuteten die Naturschützer damals.

Das Hauptproblem für den Roten Thun ist die illegale Fischerei. Die hohen Preise für die Sushi-Spezialität in Japan locken Kriminelle an, die mit Flugzeugen und Helikoptern über dem Mittelmeer die Vogelschwärme suchen, die über Wasser oft eine Gruppe Thunfische verfolgen. Über Handy wird die Position des Schwarms an ein Fischerboot gemeldet, das dann in seinen Netzen die fette Beute an Land holt. Diese Methoden sind zwar illegal, aber in vielen Ländern fehlt das Personal, um diesen illegalen Fischern das Handwerk zu legen.

Ein Schwarm roter Thunfische. Bald ein Bild der Vergangenheit?

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Damit der Rote Thun nicht ausstirbt, müssten wahrscheinlich drastische Mittel eingesetzt werden. «Helfen würde wohl nur ein totales Fangverbot», sagt Rainer Froese. Dann könnten sich die Bestände erholen, und gleichzeitig könnte ein Kontrollsystem aufgebaut werden, das den Fang der in die Häfen einlaufenden Schiffe kontrolliert. So könnte der illegale Fang unterbunden und der Rote Thun nachhaltig bewirtschaftet werden.

Dazu müssten allerdings auch die Fangquoten so gewählt werden, dass deutlich weniger Fische aus dem Meer geholt werden als gleichzeitig nachwachsen. Die Chancen für einen solchen Fangstopp und für die Einrichtung derartiger Überwachungsmethoden aber scheinen schlecht, der illegale Fang geht weiter.

Im Mittelmeer kann man noch einen weiteren Boom um den Roten Thun beobachten. An vielen Felsküsten liegen mittlerweile Netzkäfige, in denen junge Thunfische gemästet werden. Dazu suchen Hubschrauber die Schwärme und dirigieren Fangboote zu ihnen. Die schliessen den Schwarm mit einem Netz ein und ziehen ihn dann vorsichtig und in langsamer Fahrt an die Küste.

Dort werden die Fische in Netzkäfigen für den japanischen Markt mit Sardinen und Makrelen gefüttert. Beides sind zwar begehrte Speisefische, ausserdem ist das Mästen nicht sonderlich effizient: «Bis zu 20 Tonnen Fisch muss man in die Käfige werfen, um eine Tonne Zuwachs zu ernten», erklärt Froese. Nachhaltig ist das kaum. Aber betriebswirtschaftlich geht die Rechnung auf, weil das etwas fettere Muskelfleisch der so gemästeten Thunfische auf dem Sushi-Markt teurer bezahlt wird als ein Schwarm Makrelen oder Sardinen.

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Etwas besser managen inzwischen Länder wie Norwegen ihre Fischfarmen. Dort ist das Verhältnis von eingesetztem Futter und gewonnenem Fleisch zumindest besser. Zudem werden möglichst wenige Antibiotika eingesetzt.

Die Käfige mit den Lachsen werden regelmässig an andere Küstenabschnitte geschleppt, um die Umweltbelastung unter den Fischfarmen zu verringern. Denn unter den Käfigen rieseln Exkremente, überschüssige Nahrung und Antibiotika und vieles mehr zu Boden.

Einen Teil des verfütterten Fischmehls versuchen die Fischfarmer Norwegens mit Algenpasten oder Schlachtabfällen ihrer Kollegen zu ersetzen, die Wildfisch fangen. «Aber immer noch wird drei Mal mehr Fisch in die Käfige reingeworfen als wieder rausgeholt wird», erzählt Rainer Froese. Das ist zwar erheblich besser als bei der Thunfisch-Mästerei, aber noch immer nicht nachhaltig.

Das Hauptproblem bei solchen Fischfarmen heisst nämlich Omega-3-Fettsäuren. Die gelten nicht nur als sehr gesundheitsfördernd für den Menschen, sondern kommen auch besonders reichlich in Fischen vor. Allerdings baut der Organismus der Fische die Omega-3-Fettsäuren nicht selbst zusammen, sondern nimmt die Substanz mit der Nahrung auf.

Und weil Fischöl eben den Grossteil dieser Fettsäuren in den Lachskäfig bringt, lässt es sich bisher noch nicht ersetzen. Man muss also tatsächlich Fische mit Fischen füttern, damit sie für den Menschen weiterhin besonders gesund bleiben.

Rainer Froese hat noch ein weiteres Argument, das gegen die Fischmästerei spricht: «Farmlachs schmeckt weich und fettig, Wildlachs dagegen ist fest und schmeckt traumhaft», erinnert sich der Fischereibiologe an eine Testmahlzeit.

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Aber wie soll der Verbraucher wissen, ob ein Wildfisch aus überfischten Beständen stammt oder ob er eine nachhaltig bewirtschaftete Art einkauft? «Dabei können Fischführer helfen», erklärt Rainer Froese. Empfehlenswert sei zurzeit zum Beispiel der Fischführer von Greenpeace, der verschiedene Arten sehr detailliert bewertet.

Für weniger gut hält er dagegen das Gütesiegel des Marine Stewardship Council (MSC), das keine Details über die jeweilige Art verrät. Der Käufer sieht daher nicht, ob Fisch aus nachhaltigen oder bedenklichen Beständen verkauft wird. Existiert zum Beispiel ein Erholungsplan, wird das MSC-Siegel vergeben, auch wenn der überfischte Bestand sich noch gar nicht erholt hat. Da sind die detaillierten Aussagen eines Fischführers erheblich aussagekräftiger.

Die vielleicht beste Nachricht für den Fisch kommt derzeit aus dem Handel. Weil die Käufer inzwischen häufig fragen, ob die dort verkauften Produkte auch nachhaltig erzeugt wurden, wird der Fischeinkauf vermehrt kritisch hinterfragt. Langfristig dürfte dieser Druck des Marktes den Fischfang insgesamt nachhaltiger machen.

«Das aber kommt allen zugute», ist Rainer Froese überzeugt. Nachhaltig bewirtschaftete Bestände sollten so nämlich preiswerteren Fisch als Farmen liefern. Schmackhafter sind sie ohnehin. Das wäre eine gute Nachricht – für Konsumenten, Händler und nicht zuletzt für bedrohte Fischbestände.