Die Ankündigung klang ganz nett: «In unsere Kühe kommt nur Wasser, Getreide und Gras», sagte die deutsche Landwirtschaftsministerin Renate Künast Anfang 2001, kurz nach der Rinderwahnsinn-Krise. Zehn Jahre später stellt sich heraus: Die armen Viecher fressen auch «technische Fette», die aus Resten der Biogasproduktion oder aus altem Frittieröl zusammengebraut werden, und einen Schuss Dioxin dazu. Die fassungslose deutsche Öffentlichkeit rätselt seit Ausbruch des jüngsten Lebensmittelskandals, wie Dioxin ins Tierfutter und damit in die Nahrungskette gelangen konnte. Experten rechnen vor, wie viele verseuchte Eier man essen darf, ohne an Krebs zu erkranken.

Klar – es ist kriminell, dioxinbelastetes Futtermittel zu verhökern. Klar – die Kontrollen haben versagt. Doch die Aufregung über den Einzelfall vernebelt den Blick aufs Grundsätzliche: Die Eier-, Milch- und Fleischproduktion hat fast nichts mehr mit grünen Wiesen und glücklichen Kühen zu tun, sondern ist ein hochindustrieller Prozess – auch in der Schweiz.

Das Ziel: «Dass das Kalb so schnell wie möglich auf 180 Kilo gemästet wird», sagt Mastviehspezialist Andreas Elmer in einem Werbevideo für Bauern. Elmer verkauft Kraftfutter für eine Tochtergesellschaft der Fenaco, des fast marktbeherrschenden Schweizer Landwirtschaftskonzerns. Fenaco kontrolliert unter anderem rund die Hälfte des Futtermittelmarkts.

Möglich macht die im Video versprochene «Power-Aufzucht in der Munimast» das Kraftfutter UFA 116, von dem die Kälber laut Elmers Empfehlung täglich zweieinhalb Kilo fressen sollen. Der computergesteuerte Tränkeautomat mit Durchlauferhitzer und Vorderfusswaage, ebenfalls von Fenaco, erleichtert es dem Bauern, die erwünschte Gewichtszunahme zu kontrollieren. Die Fenaco-Kundenzeitschrift kalkuliert, dass sich das auszahlt: «Trotz leicht höheren Aufzuchtkosten resultiert dank den höheren Tageszunahmen und besser taxierten Schlachtkörpern ein deutlich besserer Deckungsbeitrag pro Tier.»

«Fresstraining für Ferkel»

Rentabel muss es sein. Darum rechnen die Futtermittelhersteller den Bauern exakt vor, wie viel sie sparen können, wenn sie Chemie einsetzen. Hat eine Milchkuh Durchfall, verursache das einen «Verlust pro Störung» von 88 Franken, ein Spätabort kostet 872 Franken, eine chronische Euterentzündung 866 Franken, heisst es auf der Internetseite des Mischfutterherstellers Haefliger AG in Herzogenbuchsee. Getreu dem Firmenmotto «Für alle Fälle ein Produkt» gibts Mittelchen gegen Appetitmangel, Hitzestress, Blähungen, Brunst. UFA 302 ist «Fresstraining für Ferkel», UFA 206 finish soll den Kälbern «zur Verbesserung der Fleischfarbe fünf bis zehn Tage vor der Schlachtung» verabreicht werden. Einen Grossteil der Produkte gibt es auch in Bioqualität für vermeintlich tierfreundliche Betriebe, etwa UFA 174 F als «Hochleistungsfutter» für Biokühe «im höheren Leistungsbereich».

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Damit die Hochleistungsmast möglich ist, müssen den Rindern und Schweinen Vitamine und Mineralstoffe zugeführt werden. Aber auch Aromen, Geschmacksverstärker, Appetitförderer, synthetische Farbstoffe, Enzyme, probiotische Bakterien, Konservierungsmittel und, und, und. Gras und Heu, Stroh und Spreu sind manchmal nur noch Beilage. In zahllosen Labors wird weitergetüftelt, an noch ausgefeilteren, günstigeren Mischungen, an Ersatz für die verbotenen Antibiotika-Wachstumsförderer. «Tuning fürs Vieh» nennt die «Süddeutsche Zeitung» diese Forschung.

All das ist legal. Überhaupt ist sehr vieles legal. Die Liste der verbotenen Stoffe in Futtermitteln findet auf anderthalb Seiten Platz; es sind im Wesentlichen Kot, Urin, Blutmehl von Wiederkäuern und Hanf. Satte 118 Seiten lang ist hingegen die Liste der 904 erlaubten Stoffe, die in der «Verordnung 916.307.1 über die Produktion und das Inverkehrbringen von Futtermitteln, Zusatzstoffen für die Tierernährung, Silierungszusätzen und Diätfuttermitteln» des Bundes aufgezählt sind.

Doch längst nicht alles, was zugelassen ist, ist unbedenklich. Ethoxyquin (E 324) zum Beispiel, das als starkes Antioxidationsmittel verwendet wird, ist ab einer gewissen Menge für Mensch und Tier gesundheitsschädigend. In Nahrungsmitteln für Menschen ist Ethoxyquin deshalb verboten, für Tiere dagegen ist es erlaubt. Einen Grenzwert, wie viel dieses giftigen Stoffs maximal in tierischen Lebensmitteln als Rückstand zurückbleiben darf, gibt es nicht.

Viele der in Kraftfutter verwendeten Zusatzstoffe «dienen dazu, Fütterungsmängel zu beheben», sagt Futtermittelexpertin Barbara Früh vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick. Etwa Propylenglykol, das bei Hochleistungskühen eingesetzt wird, um eine Ketose, eine Stoffwechselerkrankung nach dem Abkalben, zu verhindern. «Mit einer bedarfsgerechten Fütterung wäre dies nicht nötig», erklärt Barbara Früh.

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Mit Zinkoxid gegen Schweinedurchfall

Hansuli Huber, der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes, kennt die Tricks der Futtermittelbranche: Er ist selber Agronom. Seit vor einem Jahrzehnt Antibiotika in Tierfutter verboten wurden, weichen die Hersteller einfach auf Mineralstoffe und Spurenelemente aus: beispielsweise auf Zinkoxid, das gegen Durchfall bei Schweinen hilft und gleichzeitig antibiotisch leistungssteigernd wirkt. «Zwar gibt es dafür Grenzwerte, aber unsere Erfahrung zeigt, dass diese oft überschritten werden, um den erwünschten Effekt zu erzielen», sagt Huber.

Zudem deute Durchfall bei Schweinen oft auf schlechte Haltungsbedingungen oder auf ungesunde Ernährung hin. Bei Masthühnern und Schweinen sei die Leistung durch die einseitige Zucht sowieso ausgereizt: «Diese Tiere haben das Skelett eines Jungtiers, aber eine Muskelmasse wie Arnold Schwarzenegger» – was zu schmerzhaften Skelettschäden führe.

Als wäre einem ob all der erlaubten Futterzusätze der Appetit nicht längst vergangen: Viel zu oft weiss der Bauer gar nicht, was er verfüttert. Die Forschungsanstalt Agroscope analysiert im Auftrag des Bundes stichprobenweise die hierzulande erhältlichen Nutztierfuttermittel. 1460 Proben nahmen die Tester im Jahr 2009. Bei jeder fünften waren die Beanstandungen so gravierend, dass Bussen verhängt wurden, weil «inakzeptable Deklarationsfehler» vorlagen, sprich: weil nicht das drin war, was draufsteht – oder zu wenig oder zu viel davon. Das kann durchaus gefährlich sein. Selen beispielsweise ist zwar ein wichtiges Spurenelement, aber in höherer Dosierung giftig; entsprechend klein ist die Spanne zwischen Unterversorgung und Vergiftung.

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Wer erwischt wird, kommt glimpflich davon

Mehr als ein Viertel der Proben wies «kleinere Mängel» auf, etwa einen erhöhten Zinkgehalt, der aber noch innerhalb der tolerierten Grenzen lag. Insgesamt entsprach knapp die Hälfte aller kontrollierten Futtermittel nicht den Normen. «Wir gehen davon aus, dass nicht in all diesen Fällen mutwilliger Betrug vorliegt», so Michel Geinoz von Agroscope. «Aber wir stellen aufgrund der Analysen der letzten Jahre fest, dass die Unternehmen oft im Grenzbereich der gültigen Normen arbeiten.» Auf Deutsch: Um zu sparen, nehmen es die Hersteller mit der Zutatenliste nicht so genau. Das Tricksen fällt leicht, denn wer erwischt wird, muss nur mit lächerlich tiefen Bussen rechnen: in der Regel 200 bis 600 Franken.