Das Problem:

«Mir fehlt die innere Ruhe. Wenn ich vor anderen Leuten reden muss oder wenn ich eine schwierige Aufgabe zu lösen habe, gerate ich sehr leicht «aus dem Häuschen». Sogar in der Freizeit werde ich total nervös, wenn ich für Freunde koche – und vor allem wenn ich jemandem begegne, den ich sehr anziehend finde. Ob mir wohl ein Meditationskurs oder autogenes Training helfen würden?»

Monika P.

Koni Rohner, Psychologe FSP, rät:

Dass man in der Liebe Lampenfieber hat, ist normal. Ihnen aber würden regelmässige Momente der Stille und der Zentrierung zweifellos helfen, sich weniger schnell zu verlieren. Grundsätzlich suchen Sie deshalb sicher in der richtigen Richtung. Meiner Ansicht nach ist es jedoch nicht nötig, dass Sie dafür eine bestimmte Technik erlernen. Eine solche kann zwar hilfreich sein, birgt aber auch einige Gefahren. Versuchen Sie es doch einmal mit schlichtem, aber gezieltem Nichtstun! Ein Beobachter-Leser hat mir kürzlich ein Buch mit genau diesem Titel geschickt: «Nichts tun». Geschrieben hat es der Amerikaner Steven Harrison.

Nichtstun ist in unserer hektischen Leistungsgesellschaft ziemlich verpönt. «Müssiggang ist aller Laster Anfang», sagt man zum Beispiel missbilligend. Wer nach den Ferien auf die Frage, was er gemacht habe, mit «Nichts» antwortet, erntet meist nur ein mitleidiges Lächeln.

In unserer modernen Welt wird jede Form von Aktivität hoch bewertet. Wir neigen zu zwanghaftem Zeitvertreib. Obwohl am Arbeitsplatz ungesunder Stress herrscht, glauben wir, Erholung bestünde darin, ständig etwas zu unternehmen. Statt dass wir zur Ruhe kommen, verschaffen wir uns auch in der Freizeit eine gehörige Portion Stress – durch Sport, Ferien, Kino, Theater oder Ausgang. Wenn ich Freizeitsportler mit verbissenen Gesichtern auf dem Rad vorbeisausen sehe, frage ich mich allerdings, ob sie nicht vor irgendetwas auf der Flucht sind.

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Wer es schafft, auf die üblichen Ablenkungen und Zerstreuungen zu verzichten und zur Ruhe zu kommen, erlebt nicht nur Angenehmes. Denn er oder sie wird entdecken, wie schwierig es ist, Stille zuzulassen. Wirkliche Ruhe führt nämlich unwillkürlich zur Betrachtung des eigenen Lebens. Defizite, Ängste, Konflikte, Ärgernisse, unerfüllte Wünsche können aus dem Unbewussten auftauchen und uns beunruhigen. In einem Meditationskurs oder beim autogenen Training können verdrängte Probleme plötzlich zum Vorschein kommen.

Diese Dinge anzupacken und im täglichen Leben zu verändern, ist eine Chance. Nichts tun kann zu einer kraftvollen Quelle für das Wachstum der Persönlichkeit werden. Im Bereich von Spiritualität und Religion ist dies längst erkannt: Um im Gebet still zu werden und so Gott näher zu kommen, ziehen sich Mönche und Nonnen ins Kloster zurück. Auch im Buddhismus ist die Meditation ein bevorzugtes Vehikel, um sich der Erleuchtung anzunähern und sich vom Leid der Welt zu befreien.

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Das Problem mit allen Meditationstechniken besteht leider darin, dass sie zum Selbstzweck werden können. Eigentlich sollte die Kerze, die man anschaut, die Musik, die man hört, oder das Mantra, das man murmelt, nur eine Hilfe sein, um sich zu konzentrieren und von den Alltagsreizen nicht abgelenkt zu werden. Die Technik sollte ein Fenster zur wirklichen Stille und Offenheit aufmachen. Leider werden solche Übungen aber oft zu einer Art Selbsthypnose. Sie führen eher zur Einengung des Bewusstseins als zu seiner Erweiterung, da die Übenden an der Form kleben bleiben.

So gesehen ist reines Nichtstun der einfachere Weg. Man braucht sich dazu auch nicht mit verschränkten Beinen in eine dunkle Höhle oder in ein Kloster zurückzuziehen, sondern man kann überall nichts tun: im Garten, am Strand oder am Schreibtisch. Fünf Minuten, eine halbe Stunde oder mal einen ganzen Tag. Es wäre ein weiterer häufiger Fehler, dabei zu sehr ein Ziel im Auge zu haben. Die vollständige Weisheit oder Erleuchtung wird ein Mensch ohnehin nie erlangen. Vielmehr ist, wie der Psychiater C. G. Jung gesagt hat, der Weg das Wichtige – und nicht das Erreichen des Ziels.

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Wer wirklich nichts tun und dabei zur Ruhe kommen kann, lernt immer besser, loszulassen und sich zu entspannen. Ausserdem erfährt er oder sie eine kontinuierliche Bewusstseinserweiterung. Diese ist zwar nicht immer angenehm, ermöglicht es aber, das eigene Leben immer besser ins Gleichgewicht zu bringen.

Buchtipp

Steven Harrison: «Nichts tun.» Am Ende der spirituellen Suche. Edition Spuren, 2000, 28 Franken

dreieck_rot.gifDieses Buch ist im Beobachter-Buchshop erhältlich.