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Berufsbildung«Das sind ja die, die arbeiten»

Christine Davatz-Höchner, 55, ist Fürsprecherin und Notarin. Seit 27 Jahren ist sie im Schweizerischen Gewerbeverband tätig, heute als Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche. Bild: Privat

Durch den Ansturm aufs Gymnasium fehlen der Berufswelt gute Lehrlinge. Christine Davatz-Höchner vom Schweizerischen Gewerbeverband über falsch verstandene Bildungsideale.

von Daniel Benz

Beobachter: Sie haben zwei Kinder im ­Ausbildungsalter. Welchen Weg haben sie ­eingeschlagen?
Davatz-Höchner: Christine Davatz-Höchner: Unser Sohn ist 15 und hat soeben eine Schreinerlehre an­gefangen. Die 21-jährige Tochter hat Konstrukteurin mit technischer Berufs­matur gelernt. Jetzt studiert sie an ­einer Fachhochschule.

Beobachter: Also der berufspraktische Weg – das wird Sie freuen. Mussten Sie nachhelfen?
Davatz-Höchner: Nein. Oder höchstens insofern, dass wir bei unseren Kindern die Berufswahlvorbereitung so gestaltet haben, wie es jedes Kind zugut haben sollte: genau abklären, wo die Neigungen und die Eignungen sind und welche beruflichen Möglichkeiten es dazu gibt – und diese dann auch ausschöpfen. Das ist ein wesentlicher Aspekt, der leider oft vernachlässigt wird. Dabei täten wir mit einer besseren Vorbereitung aufs Berufsleben uns allen einen Gefallen. Es gäbe weniger Lehrabbrüche und wohl auch weniger, die im Gymi sind und nicht recht wissen, was sie dort sollen.

Beobachter: War in Ihrem Fall das Gymnasium nie ein Thema?
Davatz-Höchner: Doch. Unsere Tochter hatte immer gute Noten, für den Lehrer war klar: ab ins Gymi. Doch nur weil jemand schulisch leistungsstark ist, heisst das noch lange nicht, dass er ins Gymnasium muss. Gegen diesen Reflex wehre ich mich. Das Assessment bei einer Berufsberatung hat dann gezeigt, dass unsere Tochter auch viel technisches Flair hat. Einer Frau mit diesem Talent ­stehen alle Türen offen. Es wäre leichtfertig gewesen, nicht darauf zu setzen.

Beobachter: Der Drang nach Bildung ist erfreulich. Doch: «Bildung» wird oft gleichgesetzt mit «Schule». Wie erklären Sie sich das?
Davatz-Höchner: Dahinter steht wahrscheinlich Humboldts Bildungsideal: Bildung ist Schule, mehr Bildung ist mehr Schule. Und Berufsbildung gilt in diesem Verständnis nicht als Bildung, weil das ja die sind, die arbeiten. Aber wenn man die Anforderungen in der beruflichen Grundbildung anschaut, ist das vielfach sehr anspruchsvoll, sowohl für die Berufsfachschule wie für den Betrieb. Auch dort geht es ums Lernen, nicht «nur» ums Arbeiten. Zudem haben wir heute Gott sei Dank eine Durchlässigkeit, die den Zugang zu akademischen Weihen ja auch über den berufspraktischen Weg ermöglicht, wenn es denn sein muss.

Beobachter: Der Ansturm aufs Gymnasium zeigt: Das wird häufig nicht erkannt.
Davatz-Höchner: Gefestigte Bilder sind nicht so leicht aus den Köpfen zu kriegen. Früher war es tatsächlich so, dass diese beiden Welten, die schulische und die berufliche, nichts voneinander wussten. Keine Spur von Durchlässigkeit. Dass das heute ganz anders ist, ist bei vielen aber noch nicht angekommen. Und die hochqualifizierten Zuwanderer, die hierherkommen, kennen schlicht unser duales System nicht. Ihnen und vielen anderen Eltern erscheint es immer noch der sicherste Weg, ihre Kinder im Gymnasium unterzubringen, je früher, desto besser. Aber was heisst schon sicher? Immerhin brechen an den Hochschulen 30 Prozent der Studenten ihr Studium ab. Die stehen dann erst einmal ohne Job da.

Beobachter: Stellt sich die Berufswelt nicht gut genug dar?
Davatz-Höchner: Es kann schon sein, dass wir in der Kommunikation zulegen müssen.

Beobachter: Wie müsste denn die Kernbotschaft ­lauten?
Davatz-Höchner: In erster Linie müssen wir aufzeigen, wie wichtig der Zusammenhang zwischen der Ausbildung und der Arbeitswelt ist. Deshalb ist eine seriöse Berufswahlvorbereitung auch so wichtig. In einigen Kantonen ist das als Schulstoff bereits üblich. Aber gerade im Langgymnasium passiert das heute nicht. Dabei müssten sich auch diese Schüler fragen: «Welche Arbeit will ich am Schluss verrichten?» Und nicht nur, was sie nach der Mittelschule studieren wollen.

Beobachter: Wie viele kluge Schülerinnen und Schüler gehen der Berufsbildung so verloren?
Davatz-Höchner: Quantifizieren lässt sich das nicht. Kürzlich hat mir der Schulleiter eines Langgymna­siums im Berner Oberland erzählt, dass 45 Prozent seiner Schüler nach der neunten Klasse nicht im Gymnasium fortfahren, sondern eine Lehre machen. Das sind genau die schulisch Leistungsstarken, die wir auch in der Berufsbildung brauchen. Aber das ist die Situation auf dem Land. In den städtischen Gebieten läuft das meist anders, hier fehlen uns ­solche Leute.

Beobachter: Setzt der Trend zur Akademisierung die Berufsbildung herab?
Davatz-Höchner: Nein, dazu besteht auch überhaupt kein Anlass! Wer schafft denn Arbeitsplätze? Wer generiert Wertschöpfung? Manchmal macht sich das Gewerbe in der Aussendarstellung aber selber kleiner, als es ist. Stellen Sie einen Handwerker und einen Akademiker nebeneinander. Der Akademiker hat keine Probleme, sich positiv zu verkaufen – und der Handwerker, selbst wenn er einen eigenen Betrieb mit 50 Angestellten hat, sagt dann vielleicht kein Wort. Ganz einfach weil er einen Minderwertigkeitskomplex hat.

Beobachter: Also ist es eine Prestigefrage. Spielen sich die beiden Systeme Schule und Berufsbildung gegeneinander aus?
Davatz-Höchner: Ich würde nicht sagen, dass sie gegen­einander arbeiten. Aber das akademische System steht immer noch so da, als ob es besser wäre und die Elite verträte. Wenn ich erzähle, dass mein Sohn Schreiner wird – und ich bin sehr stolz auf ihn –, dann kommt als Reaktion oft ein vieldeutiges «Aha». Man nimmt das nicht richtig ernst. Aber es gibt für mich kein besseres und schlechteres System. Wir brauchen beide Wege, und die sind gleichwertig.

Beobachter: Stichwort Elite: Die Schweizer Wirtschaft ist auf auserlesene Praktiker angewiesen. Braucht es mehr Berufsmaturanden?
Davatz-Höchner: Nicht zwingend. Die besten Talente sind auch nicht unbedingt diejenigen, die die Matur machen. Im Juli haben die jungen Schweizer an der Berufsweltmeisterschaft in Leipzig kräftig abgesahnt. Da waren ein paar mit Berufsmatur am Start, aber auch solche, die einfach ihr Metier hervorragend beherrschen. Die können sich dann in der höheren Berufsbildung, etwa mit einer Berufs- oder höheren Fachprüfung, noch weiterentwickeln. Das macht diese Praktikertalente zu gefragten Leuten, die eine Bombenkarriere machen können – zur Elite.

Veröffentlicht am 2013 M08 20