TrendforschungWie wir künftig arbeiten

Sven Gábor Jánszky, 40, ist Direktor des deutschen Business-Thinktanks 2b Ahead. Jánszky und sein Team erstellen Trendstudien, zum Beispiel zum Thema Arbeit. Dafür führt die Denkfabrik regelmässig Interviews mit den Innovationschefs von trendprägenden Firmen. Jánszky hat unter anderem zusammen 
mit einem Co-Autor das Buch «2025 – So arbeiten wir in der Zukunft» verfasst. Bild: Jörg Gläscher

Der Trendforscher Sven Gábor Jánszky prophezeit Jugendlichen in der Schweiz eine rosige berufliche Zukunft. Allerdings nicht allen.

von Claudia Imfeld

Beobachter: Wie wird die Arbeitswelt im Jahr 2025 aussehen?
Sven Gábor Jánszky: Es wird viel mehr Jobs geben, für die es sehr gut ausgebildete Menschen braucht. Diese Entwicklung sehen wir bereits heute. Sie wird sich noch verstärken. Entsprechend werden mehr junge Leute an die Hochschulen drängen, weil sie später einen dieser Jobs wollen. Denn diese Stellen bieten die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Und sie gehen einher mit guter Entlöhnung.

Beobachter: Was heisst das für die klassische Lehrlingsausbildung?
Jánszky: Sie wird weiter an Bedeutung verlieren. Zwar beneidet die ganze Welt die Schweiz und auch Deutschland um das duale Bildungssystem mit den Schulen einerseits und den praktischen Lehrlingsausbildungen anderseits. Das System ist auch sinnvoll: in allen Regionen, wo es mehr Arbeitskräfte gibt als Jobs und die Jugendlichen entsprechend wenig Wahlfreiheit haben. Aber in den hochentwickelten westeuro­päischen Ländern sieht es anders aus: Es werden in den nächsten Jahren viel mehr Menschen in Rente gehen als Junge nachrücken. Es muss Ziel der Gesellschaft sein, diese Lücke mit einheimischen Arbeitskräften zu decken. Denn andere europäische Länder werden ihre junge Bevölkerung wegen der demografischen Entwicklung ebenfalls vermehrt für die eigene Wirtschaft benötigen. Die Jungen werden plötzlich mehr Möglichkeiten haben. Zumindest jene, die gut ausgebildet sind.

Beobachter: Was ist mit den anderen?
Jánszky: Neue Technologien werden Menschen in vielen Berufen ganz oder teilweise überflüssig machen. Der Beruf der Kassierin ist davon ebenso betroffen wie der Mann, der den Strom ablesen kommt. Die nicht so gut Ausgebildeten werden künftig in ihren Jobs von Systemen angeleitet und kontrolliert. Am Flughafen beispielsweise wird eine Software wissen, welche Fähigkeiten jeder Mitarbeitende hat und wo er sich auf dem Gelände gerade befindet. Sobald irgendwo Arbeit anfällt, schickt das System den Arbeiter zu diesem Standort.

Beobachter: Werden künftig mehr oder weniger junge Leute auf der Strecke bleiben?
Jánszky: Jene Leute, die ganz schlecht ausgebildet sind, werden auch künftig arbeitslos sein. Aber es werden weniger sein als heute. Ich persönlich glaube, dass in sehr vielen Kindern Potenzial schlummert, sie aber einfach nicht gefördert werden. Meine Hoffnung wäre, dass sich die Schule so ändert, dass mehr junge Menschen die Möglichkeit haben, sich zu entfalten. Nicht mehr Auswendiglernen steht im Zentrum, sondern die Talente.

Beobachter: Was geschieht mit den klassischen Lehrberufen – was tun beispielsweise Handwerker künftig?
Jánszky: Der Billigmarkt wird durch Maschinen­arbeit abgedeckt sein. Handwerker wie den Schreiner wird es vermutlich noch im Premium-Bereich geben. Aber da wird es bloss in zweiter Linie um die Fertigkeit gehen, Werkstoffe gekonnt zu bearbeiten. Der Handwerker wird künftig zum Identitätsmanager: Er muss erkennen, welche Identität der Kunde ausdrücken will mit dem Produkt. Will er mit dem neuen Tisch zeigen, dass er sportlich, umweltbewusst, reich ist? Oder vielleicht Design-Fan? Der Schreiner muss ein Gespür für Menschen haben und eine Ahnung von Marketing. Er muss sich und sein Produkt verkaufen können. Auch er wird künftig über komplexe Kompetenzen verfügen müssen.

Beobachter: Komplexe Kompetenzen?
Jánszky: Selbstreflexion, kritisches Denken, Selbstmanagement, Mut, Kreativität. Faktenwissen liefern uns künftig die Technologien. Wir müssen vermutlich nicht einmal mehr danach suchen. Eingebaute Systeme werden die von uns gestellten Fragen automatisch beantworten. Junge Leute müssen einschätzen lernen, welche Infos ihnen da vorgesetzt werden, woher diese kommen und wie man die Angaben kritisch beurteilt. Die gut Ausgebildeten werden wissen, wann sie auf die Technologien verzichten oder diese ausschalten können. Das ist heute nicht viel anders: Die einen schalten den Fernseher ein zur spezifischen Nutzung. Andere schauen immer und nur Müll. Was sich verändert, ist die Techno­logie, die trägt man künftig stets mit sich.

Beobachter: Was ist mit den Jugendlichen, die sich mit Selbstmanagement und Kreativität schwertun?
Jánszky: Alle lernen diese Kompetenzen künftig hoffentlich in der Schule, wo reine Faktenfächer wie Geografie oder Biologie vermutlich verschwinden werden. In der Schule treffen wir dannzumal auch wieder auf einen Aspekt des dualen Bildungssystems: Die Wirtschaft wird noch intensiver die Zusammenarbeit mit den Schulen suchen. Bereits Zehnjährige werden Einblick in die Wirtschaft erhalten. Später folgt das Studium – entweder in Spezialisierungsfächern oder in einem Generalistenstudium. Es wird weiterhin beides brauchen: viele Spezialisten, die etwa als Ingenieur in einem hochkomplexen Feld in die Tiefe vordringen. Aber auch einige Generalisten, die den Überblick bewahren bei Projekten, Teamführung, Innovationen. Diese sollten aber nicht nur Management studieren, sondern zusätzlich beispielsweise Philosophie. Wer sich in zwei Denkwelten bewegen kann, behält die geistige Flexibilität, die künftig noch bedeutender werden wird – gerade für Generalisten.

Beobachter: Was bringt es Zehnjährigen, bereits so früh Kontakt mit der Wirtschaft zu haben?
Jánszky: Sie finden in Praxisprojekten mit Firmen heraus, was ihnen Spass macht. Das ist nicht schlecht. Die Kinder werden sowieso nicht ihr Leben lang das Gleiche tun, sondern es wird vermutlich mehrere radikale Brüche im Lebenslauf geben. Ebenso denke ich, dass es künftig nach dem Studium üblich sein wird, alle fünf Jahre eine Auszeit zu nehmen. Nicht einen Eintageskurs zur Weiterbildung, sondern mehrere Monate, in denen man in etwas völlig Neues eintaucht. So wie es Uni-Professoren heute in ihren Forschungssemestern machen.

Beobachter: Und wer bezahlt das?
Jánszky: Hier entstehen neue Geschäftsfelder. Es wird Bildungsversicherungen geben, die die Eltern für ihre Kinder abschliessen. Die Policen decken Weiterbildungskosten oder zahlen einen «Lohn» weiter, wenn jemand seine Arbeit für eine Auszeit unterbricht.

Beobachter: Wollen die gefragten gut Ausgebildeten künftig überhaupt noch viel arbeiten?
Jánszky: Wenn man unter Arbeiten die typische, strategisch geplante, linear verlaufende Karriere versteht, dann nein. Die Vorstellung von Karriere, wonach man hart arbeiten, Glück haben und sich mit Chefs gut stellen muss – das ist nicht die Karriere der Jobnomaden, jener Menschen, die von Stelle zu Stelle ziehen und nicht zehn Jahre beim gleichen Arbeitgeber bleiben.

Beobachter: Womit hat Karriere dann künftig zu tun?
Jánszky: Befragungen zeigen schon heute, dass diese Menschen die persönliche Herausforderung und sinnvolle Arbeit suchen. Im Sinn von: Schaffe ich Neues oder etwas Sinnvolles für die Gesellschaft? Sie wollen in einem guten Umfeld arbeiten. Das sind die Entscheidungskriterien.

Beobachter: Wie viele Firmen kennen Sie, die auf solche Wünsche effektiv eingehen?
Jánszky: Im Moment ist den allermeisten Firmen noch nicht bewusst, was auf sie zukommt. Aber wenn sich der Mangel an guten Leuten finanziell auswirkt, werden sie alles unternehmen, um die Besten zu kriegen – und zu halten. Wenn nötig werden sie dafür eigene Schulen gründen und eigene Lehrer ausbilden. Nestlé wird in 20 Jahren intern eine Universität führen, in der Leute, auf die Nachfrage der Firma abgestimmt, ausgebildet werden. Arbeitgeber werden das nicht aus uneigennützigen Gründen tun, sondern weil es viel teurer ist, neue Leute zu finden, als in die bestehende Mannschaft zu investieren.

Veröffentlicht am 2014 M01 06