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Mittelalter-ProjektVorwärts in die Vergangenheit

Sie bestellt in Handarbeit die Felder: Mareike Punzel, Agrarbiologin Bild: Dominic Büttner

Mehr als tausend Jahre lang lag der Plan für das ideale mittelalterliche Kloster in St. Gallen. Jetzt wird es gebaut. Mit den Mitteln von damals.

von Andrea Haefely

Es tut sich Seltsames im Wald. Leute in altertümlichem Gewand bewerfen grob gezimmerte Holzhütten mit Lehm. Sie pappen Moos auf Dachsparren. Flechten Tannenreisig in Weidenkonstruktionen. Einer schnitzt an einem kleinen Holzstück rum, vor sich einen Korb mit fertigen Teilen. Holznägel. Die braucht es für die Schindeln.

Die rund 20 Männer und Frauen haben Grosses vor, hier in Messkirch am Fuss der Schwäbischen Alb, 30 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Sie wollen eine Klosterstadt mit über 50 Gebäuden samt einer Kirche für 2000 Gläubige bauen. Aus Holz, Stein und Lehm. Ohne Strom, ohne Maschinen. Nur mit ihrer Muskelkraft und jener von vier Ochsen. Eingeplante Bauzeit: 40 Jahre.

Nach diesem historischen Pergament richtet sich das Mittelalterprojekt: St. Galler Klosterplan, entstanden zwischen...

Als Vorlage dient ein Dokument aus der St. Galler Stiftsbibliothek, Katalognummer Codex 1092. Es entstand vermutlich zwischen 819 und 826 im Kloster Reichenau und ist die älteste bekannte Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter. Der Plan ist äusserst detailliert und umfasst unter anderem Latrinenanlagen, Brauereien sowie ein Backhaus. Selbst wo welche Heilpflanze im Kräutergarten zu stehen hat, ist in der Legende festgehalten. «Die Frauenminze ist allerdings einem Eselsohr im Plan zum Opfer gefallen», sagt Juliane Ludwig, von Haus aus Agraringe­nieu­rin. Sie kümmert sich zusammen mit Agrarbiologin Mareike Punzel um die Felder, den Kräutergarten und das Wohl der Hühner, Schweine und Ziegen.

Holz, Hanfseile, Moos: Jürgen Mädler baut einen Unterstand für Ziegen.
Quelle: Dominic Büttner

«Das ist kein Disneyland»

Verantwortlich für das archäologische Experiment, das für manchen an der Grenze zum kollektiven Wahnsinn schrammt, ist Bert M. Geurten, ein ehemaliger Radiojournalist. Der 63-Jährige nimmt für sich in Anspruch, in 33. Generation in direkter Linie von Karl dem Grossen abzustammen. Seit er mit 16 in Aachen ein Modell der bis heute nie realisierten St. Galler Klosterstadt sah, träumt der Karolingerspross davon, den frühmittelalterlichen Klosterkomplex in die Realität umzusetzen. Und zwar mit den Mitteln, die den Menschen damals zur Verfügung standen. «Die Klosterstadt ist aber kein Museum und schon gar kein ­Vergnügungspark à la Disneyland», sagt Geurten, «sondern eine wissenschaftliche Baustelle, die man besuchen kann und auf der man gerne auch mitarbeiten darf.»

Nachdem die Standortsuche in Aachen – Geurtens erste Wahl – erfolglos geblieben war, fand er Messkirch: 8000 Einwohner, Geburtsort des Philosophen Martin Heid­egger, ein Renaissanceschloss mit Old­timermuseum, ein mittelalterlicher Stadtkern, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und Bürgermeister Arne Zwick. Der 41-jährige CDU-Politiker sah schnell eine Chance für seine von Abwanderung und Arbeitslosigkeit geplagte Kleinstadt. Um die Ratskollegen zu überzeugen, packte er sie kurzerhand in einen Kleinbus und fuhr mit ihnen nach Guédelon in Frankreich. Dort wird schon seit 1997 in Mittelalter­manier an einer Burg gebaut.

Zwicks Plan ging auf. Die Gemeinde Messkirch hat für das Projekt ein 24 Hektar grosses Wald- und Ackerstück im Bodenrecht zur Verfügung gestellt. Das entspricht einer Grös­se von 34 Fussballfeldern. Zudem investiert sie 400'000 Euro in die Infrastruktur der Klosterstadt, etwa für Busparkplätze und Toiletten. Initiant Bert Geurten besorgte ausserdem Geld vom Bundesland Baden-Württemberg und von der EU – rund 1,2 Millionen Euro Startgeld sind insgesamt zusammengekommen. Die reichen für die ersten vier Jahre. Danach muss das Projekt selbsttragend sein. Ab 125'000 Besuchern pro Jahr schreibt die Klosterstadt eine schwarze Null.

Er hat sich freiwillig als Handlanger gemeldet: Peter Willems, pensionierter Maschinenbauer
Quelle: Dominic Büttner

Moderne Bauhelme müssen leider sein

Dass es gut kommt mit der Klosterstadt, hofft auch Jürgen Mädler. Der 54-jährige Lastwagenfahrer, mit seinen rotblonden Haaren eher Wikinger als Alemanne, war lange Zeit arbeitslos. Über das «Pfullendorfer Werkstättle», ein Wiedereingliederungsprojekt für Langzeitarbeitslose, hat er jetzt endlich wieder eine bezahlte, feste Anstellung: als Schindelmacher. «Gelernt habe ich das Handwerk von unserem Vorarbeiter Dietmar», sagt Mädler, der gerade das Dach des zukünftigen Ziegenunterstands mit Moos abdeckt. «Dietmar wiederum hat es von einem alten Mann in Hohentengen gelernt, der 60 Jahre lang Schindeln herstellte.» Ein Nebeneffekt des Mittelalterprojekts: Altes Handwerk wird vor dem Aussterben bewahrt.

Er dient als Lexikon bei wissenschaftlichen Fragen: Erik Reuter, Mittelalterhistoriker
Quelle: Dominic Büttner

Mädler war schon immer historisch interessiert: «Ich sehe gern Dokumentationen, zum Beispiel über die Azteken oder das Mittelalter.» Jetzt ist er selber Teil eines historischen Projekts. Auch wenn die Arbeit oft beschwerlich ist: «Einer von uns ist bei der Herstellung eines hölzernen Backtrogs mit dem Beil ausgerutscht und hat sich am Bein verletzt. Deshalb müssen wir jetzt lederne Schienbeinschützer tragen», erzählt er. «Und die sind ausgesprochen unbequem.»

Doch Sicherheit auf dem Bau geht vor. Die vorgeschriebenen Arbeitsschuhe mit Stahlkappen dürfen zwar durch hölzerne Clogs ersetzt werden. Bei den Bauhelmen blieben die Behörden aber hart, zumindest für gewisse Arbeiten. Jetzt filzen ein paar Frauen aus dem «Werkstättle» für 1.50 Euro pro Stunde Wollfilzhauben für die Helme – die ihren Trägern den Charme von leicht verpeilten Tropenforschern verleihen.

Der Campus Galli, wie der Komplex genannt wird, ist auch Unterricht in Sachen Besiedelung. Wie damals, als der Fleck, der heute Messkirch heisst, besiedelt wurde, sind Handwerker die Ersten vor Ort. Land muss urbar gemacht, Wald gerodet werden. Es braucht Hütten zum Schlafen und Arbeiten. Dann muss – ora et labora – eine Kirche her, damit gebetet werden kann.

Früher war er Gipser, jetzt hat er seine Passion
Quelle: Dominic Büttner

«So ein Knüppel kann echt wehtun»

So wird auch in Messkirch als Erstes das «Handwerkerdorf» gebaut, konkret ein Rundgang mit 17 Stationen. Dort wird beispielsweise Andy Ollinger den Besuchern zeigen, wie man im Mittelalter Töpfe, Krüge und Tassen herstellte. Der 31-Jährige mit Gardemass 203 Zentimeter ist eigentlich Kellner, hat den Beruf aber zugunsten der Anstellung auf dem Campus Galli an den Nagel gehängt. Seine Werkstatt ist noch im Rohbau. Und Andy übt. Die Töpferscheibe treibt er mit einem Knüppel an – Fusspedale kannte man erst zwei, drei Jahrhunderte später. «Wir haben auch versucht, dass ein Gehilfe anschiebt und ich töpfere», erzählt er, während er sich den Schweiss von der Stirn wischt, «aber das war zu gefährlich. Mit so einem Knüppel kann man sich echt wehtun.»

Auch Andy Ollinger war schon immer von Geschichte fasziniert, von den Ägyptern, den Römern. Anders als Schindel­macher Jürgen hält er es aber mit dem Lesen: «Ich habe gar keinen Fernseher.» Als Ollinger im Frühjahr 2011 von dem Projekt hörte, bewarb er sich kurzerhand. Wie 200 weitere. «Ich bekam den Job, weil ich schon in der Schule getöpfert hatte», sagt er. So wurde aus Andy, dem Kellner, Andy, der Töpfer.

Die Handwerker stossen an Grenzen

1100 Euro netto kriegen die Festangestellten monatlich. Nicht viel, aber es reiche zum Leben. Bert Geurten setzt zudem auf freiwillige Arbeit. Der erste, der sich meldete, war Peter Willems. Der pensionierte Maschinenbauer hatte vom Campus Galli «auf einem der Kultursender im Radio, vermutlich SWR 2» gehört. Als klar war, dass er mittun darf, schnallte er sein Fahrrad aufs Auto, packte sein Radio ein und suchte sich in Messkirch eine günstige Unterkunft. Seither fährt er nur an verregneten Wochenenden nach Hause. «Meine Frau sagt, ich sei bescheuert.» Aber dem 70-Jährigen macht es Spass, den Handlanger zu spielen. Er ist mit heiligem Eifer und grossem Ernst dabei, zieht beim Fotoshooting trotz tiefen Temperaturen sogar die Socken aus. «Das muss alles möglichst original sein. Die kleinsten Kleinigkeiten fallen doch auf.» In Zeiten von Facebook könnten solche Details weite Kreise des Spotts ziehen.

Trotz der Jahrzehnte umfassenden Bauzeit ist derzeit Tempo angesagt. Am 22. Juni wird die Anlage fürs Publikum geöffnet. Doch die Umweltverträglichkeitsprüfung zog sich länger hin als geplant – es musste nachgewiesen werden, dass auf dem Areal keine vom Aussterben bedrohten Tierarten leben. Zudem hat der ungewöhnlich nasskalte Frühling das Terrain in eine riesige Schlammkuhle verwandelt.

Und manchmal ist Flexibilität gefragt. Etwa als man dort, wo die Töpferei geplant war, nur Steine im Boden fand, während der Steinmetz nur auf Lehm statt auf Steine stiess. Hinzu kommt, dass das Frühmittelalter immer wieder neue Rätsel aufgibt. Oder wie Danny Ludwig, der Schmied, es ausdrückt: «Die wissen zwar, wer damals mit wem im Bett war, aber nicht, wie man ein Haus gebaut hat.»

Er bildet junge Ochsen zu Lasttieren heran:
Quelle: Dominic Büttner

Dafür gibt es einen 17-köpfigen wissenschaftlichen Beirat. Und auf der Baustelle selber ist Mittelalterhistoriker Erik Reuter vor Ort. Dennoch stossen die Handwerker immer wieder an Grenzen, weil vieles nicht überliefert ist und auch keine Funde existieren, die Antworten gehen können. Seit Tagen etwa versucht der Küfer herauszufinden, wie man die Dauben eines hölzernen Eimers fasst, wenn kein Metall zur Verfügung steht. Dabei müssen die Eimer bis zur Eröffnung fertig sein. Sie sollen die Plastikkübel auf der Baustelle ersetzen.

Notfalls muss der Bagger her. Mangels Leibeigener wird die Umfriedung des ­Areals mit Maschinenkraft geschaffen. Da und dort lehnt eine Eistee- oder Pepsi­flasche an einen bemoosten Baumstamm. Und noch sind Armbanduhren, Goretex-Jacken und Magas Tätowierungen auf den Unterarmen zu sehen. Maga, mit bürgerlichem Namen Mario Angelo Marani, ist wie schon sein Vater Gipser, hats aber mit dem Rücken. Nach langer Arbeitslosigkeit hat auch er übers «Werkstättle» eine neue Herausforderung gefunden: Korbflechten. «Ich hab mir das jetzt nicht speziell ausgesucht, aber ich bin halt da hängengeblieben. Und jetzt macht es mir richtig Spass.» Gelernt hat er die Technik «von Korbflechtern, deren Finger nicht mehr genügend Kraft hatten für die strenge Arbeit».

Die Tätowierungen müssen weg

Maga, Tannennadeln und Holzspäne in der krausen Mähne, mag Ritterfilme. Gern hätte er auch mal einen dieser Mittelalteranlässe besucht, an denen Zeitgenossen als Burgfräulein, Mönche und Ritter sehr alte Zeiten aufleben lassen. Aber es fehlte das Geld. Jetzt ist er selber Teil einer zum Leben erweckten Vergangenheit. Und er wird Tausenden von Besuchern erklären, wie das so geht mit dem Körbeflechten und Lehmhüttenbepflastern. Nur die Tattoos muss er dann unter seiner leinenen Kutte verschwinden lassen.

Es ist ein ständiger Kampf zwischen Anspruch und Wirklichkeit. «Wir wollen so authentisch wie möglich sein», sagt Initiant Bert Geurten. Selbst die Werkzeuge werden originalgetreu nachgebaut. Den Drang zum totalen Realismus werden auch die Besucher zu spüren bekommen: keine Pommes, keine Cola, keinen Cappuccino wird es auf der mittelalterlichen Schaubaustelle geben. Schliesslich kannte man damals in Europa weder Kartoffeln noch Kaffee. Stattdessen gibt es Met.

«Ich habs versäumt, nein zu sagen»

Nicht immer geht der Anspruch als Sieger vom Platz. Beispiel Ziegenzaun: Für einen historisch korrekten Zaun reicht die Zeit bis zur Eröffnung nicht. Anpflocken geht auch nicht. «Was glauben Sie, wie laut die Besucher dann nach dem Tierschutz rufen würden», sagt Klostergärtnerin Juliane Ludwig. Und das in Zeiten von Facebook.

Eigentlich ist er Kellner: Andy Ollinger wird den Job des Dorftöpfers übernehmen.
Quelle: Dominic Büttner

Im Messkircher Ortsteil Schnerkingen trainiert Eberhard Hauff die künftigen «Lastwagen» der Mittelalterbaustelle: Kilian, Jonathan, Korbinian und Karl. Der Bäckermeister, der noch selber backt und jeweils morgens um zwei aufsteht, trainiert die vier Jungochsen, die dereinst Steinquader von A nach B und die Egge durchs Feld ziehen sollen. Am Anfang stand auch hier die wissenschaftliche Lektüre. Welche heute noch existierende Rinderrasse entspricht am ehesten dem gebräuchlichen Modell des Frühmittelalters? Mit den zierlichen Hinterwälderrindern wurden die Wissenschaftler fündig. Die vom Aussterben bedrohte Rasse soll direkt vom Keltenrind abstammen.

Hauff, ein gelernter Landwirt, kennt sich aus mit Ochsen, egal ob Keltenrind oder nicht. Er hatte schon vor 20 Jahren welche, als er ein Landwirtschaftsmuseum betrieb. Zu Kilian und Co. sei er gekommen wie die Magd zum Kind. «Ich habs halt versäumt, nein zu sagen.» Unglücklich wirkt er nicht dabei. Auch wenn die Ochsendressur aufwendig ist und viel Zeit verschlingt. «Meine Frau kriegt es bald mit den Füssen. Jedes Mal, wenn ich sage, ich gehe zu den Ochsen, geht sie in die Luft und landet dann immer so hart», sagt der 54-jährige Ochsenflüsterer und krault Ochse Kilian hinterm Ohr.

Auf der Baustelle treffen gerade zwei Holzhütten aus St. Gallen ein. Dort haben sie während des Gallus-Jubiläumsjahrs auf dem Klosterplatz gestanden, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Mönche einst gehaust haben. Sie wurden nach Art des 7. Jahrhunderts gebaut, jener Epoche, als die Mönche um Gallus St. Gallen gegründet hatten. Alle helfen mit beim Abladen der Bauteile – natürlich nicht vom Ochsenkarren, sondern vom Lastwagen. Trotz allem findet das Frühmittelalter heute vor allem im Kopf statt.

Veröffentlicht am 2013 M06 10