Josef Rennhard war mit einem kleinen Unterbruch von 1963 bis 1996 Redaktor beim Beobachter und während 13 Jahren dessen Chefredaktor.

«Als der Beobachter sein erstes Lebensjahr antrat, kam ich in die erste Klasse der Volksschule eines Berner Oberländer Bergdorfs. Meine Eltern waren einfache Kleinbauersleute, also genau jener Schicht zugehörend, die der Beobachter auch ansprechen wollte und angesprochen hat.» Dies schreibt der Schriftsteller Alfred A. Häsler. Und er fährt fort: «Vater und Mutter sagten oft: Där ischt guet für üüs! Und das hiess: Der Beobachter setzt sich für die kleinen Leute ein. Den kleinen Leuten ging es in den dreissiger Jahren schlecht. Ich erinnere mich, dass viele Kleinbauern über Nacht Hab und Gut verloren. In besseren Zeiten eingegangene Bürgschaften mussten eingelöst, Bankkredite zurückbezahlt werden. Viele kleine Betriebe samt Vieh und Habe kamen auf die Gant. Da war der Beobachter ein solidarischer, verlässlicher Begleiter. Meine Eltern spürten und wir Buben bekamen das mit: Der Beobachter versteht uns, der wagt zu sagen, was andere verschweigen.»

Ich selbst, der später gute drei Jahrzehnte lang als Beobachter-Redaktor wirkte, kam vier Jahre nach seiner Gründung auf die Welt. Es war in meiner frühesten Schulzeit, als ich erstmals erlebte, wie «der Beobachter wacht und kämpft». Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, wie mein Vater an einem Sonntag sagte: «Und iez schriib ich em Beobachter!»

Worum ging es? Ein Onkel von mir war auf einer Radtour im Aargauer Jura gestürzt. Wie lange er bewusstlos am Strassenrand lag niemand weiss es. Am Kopf blutend, suchte er, wirre Worte stammelnd, das Dorfwirtshaus auf und erhoffte sich Hilfe. Der Ortspolizist aber steckte ihn kurzerhand zur «Ausnüchterung» in die Arrestzelle beim Spritzenhäuschen.

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Am nächsten Morgen war mein Onkel tot. Der Polizist schrieb in seinen Rapport, der Mann sei «wg. Trunkenheit gestürzt» und habe sich «sein Ungfäll selber zuzuschreiben». Dies wiederum veranlasste eine «Heftliversicherung» eine früher weit verbreitete Unfallpolice , die Auszahlung des Versicherungssümmchens von 1000 Franken an die Mutter des Verstorbenen zu verweigern.

Und eben deshalb schrieb mein Vater dem Beobachter. Er legte dar, dass der Polizist einen Menschen in unverantwortlicher Weise dem Spritzenhaus statt dem Arzt überantwortet hatte. Und siehe da: Der Beobachter riet meinem Vater, seine Bemühungen um Gerechtigkeit fortzusetzen. Und ging sogar noch weiter: Die Zeitschrift nahm den Kampf auf mit der Versicherung, bis diese schliesslich das geschuldete Geld überwies.

Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass ich 20 Jahre später selbst am Redaktorenpult des Beobachters sitzen sollte und mich mit ungezählten Beratungsfällen auseinander zu setzen hätte. Wer aber glaubt, nur die «einfachen Leute» hätten Rat gesucht, täuscht sich. Sie waren oft zu verschämt, um ihre Not darzulegen; also waren es Lehrer, Pfarrer oder zivilcouragierte Gemeindeschreiber, die in die Bresche sprangen und das Elend der kleinen Leute in ihren Briefen schilderten.

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Kampf gegen die Willkür

An Sorgen fehlte es nicht. Da gabs die Not der Fabrikarbeiter und der ausgenützten Bauernknechte; da gabs die ausgebeuteten Heimarbeiterinnen und die missbrauchten Dienstmädchen; da gabs Wohnungsnot und keinen Kündigungsschutz; da gabs die Hoffnungslosigkeit der Bergbauern und die Ausbeuterei der Kleinkreditgeber.

Bedeutende Persönlichkeiten machten sich zu Verbündeten des Beratungsdienstes. Nur ein Name sei herausgegriffen: Carl Albert Loosli (18771959). Nach einer harten Jugend in Waisenhäusern und Erziehungsanstalten, nach einer Zeit als Leinwandweber, Landarbeiter, Eisenhändler und schliesslich als Journalist sowie Schriftsteller hatte er sich selbst aus Zwängen befreit. Auch im Beobachter machte sich Loosli zum Anwalt der Verstossenen. Er kämpfte hartnäckig gegen die oft willkürliche Versenkung von Menschen in Heimen, Anstalten, Gefängnissen und Irrenhäusern: ein Kampf, den der Beobachter dann noch lange erfolgreich weiterführte. Artikel, die aus Beratungsfällen entstanden, führten zu vielen Verbesserungen: Reformen des Kindes- und Vormundschaftsrechts, des Heimwesens, des Strafvollzugs, der Psychiatrie.

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Manchmal kam die Hilfe spät, zu spät. Etwa bei Gottlieb F., der erst an den Beobachter gelangte, nachdem er mehr als zwölf Jahre in der «Psychi» verbracht hatte. Einzig und allein deshalb, weil er die Busse von zehn Franken wegen einer fehlenden Velonummer nicht hatte anerkennen wollen, einen Moment ausgerastet war und dem Polizisten ein paar Schlötterlinge angehängt hatte. Als ich für ihn vom Kanton Baselland eine namhafte Entschädigung und eine Rente erkämpft hatte, begann er wieder ein bisschen Fuss zu fassen im Leben.

Die Redaktoren der ersten Jahrzehnte waren Schreiber und Berater zugleich. Ob es da nicht an der Kompetenz gefehlt habe, wird etwa gefragt. Da sei darauf hingewiesen, dass schon der führende Redaktor der ersten Stunde Emil Koenig von Haus aus Jurist war. So wurden auch später die Mitglieder der Redaktion nicht allein nach ihrer journalistischen Brillanz ausgewählt auch ihr ursprünglicher Beruf war oft entscheidend: Amtsvormund, Pädagoge, Psychologin, Sozialarbeiter.

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Verfolgt wegen einer Orange

Bald einmal wurde klar, dass es nicht nur darum ging, Menschen mit Rat und Tat zu helfen. Ebenso galt es, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Ich erinnere mich an einen Mann, der mir ein faustgrosses Stück Eisen einen so genannten Wundspanner auf den Tisch legte. 15 Jahre steckte das Eisending in seinem Bauch: Man hatte es bei einer Operation vergessen und die Schmerzen als «psychologisch bedingt» abgetan, bis der Fremdkörper bei einer Röntgenaufnahme endlich entdeckt wurde.

Als ich den Mann darauf hinwies, dass er Opfer eines Kunstfehlers geworden war, gestand er mir, er traue sich nicht, Schmerzensgeld zu fordern. Er fürchte, dass die Ärzte im Spital sich bei Gelegenheit rächen könnten. Ich musste dem Mann die Zivilcourage regelrecht einimpfen, bis er sein Herz in beide Hände nahm. Am Ende erhielt er eine erhebliche Abfindung.

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Mehr Zivilcourage hatte August aus der Ostschweiz. Als Kind hatte er eine Orange, damals eine Delikatesse, geklaut. Damit nahm das Unheil seinen Lauf: Heim, Flucht, Knast, Bevormundung ein Teufelskreis! Immer wieder holte die Vergangenheit ihn ein. Bewarb er sich um eine Stelle, erhielten die Arbeitgeber Akteneinsicht. Als August gegen 30 ging, spukte die Orange seiner Kindertage noch immer in seinem Dossier herum. «Man will einfach nicht wahrhaben, dass ich heute ein anderer Mensch bin!»

Im Beratungsgespräch äusserte ich meinen Ärger über die Vermerke, die damals oft kaum mehr zu tilgen waren. August interpretierte meinen Unmut auf eigene Weise: Beim nächsten Besuch auf dem Vormundschaftsamt liess er sein Dossier mitgehen und warf es nachts in den Rhein. Seither hat er Ruhe, ist längst verheiratet und Vater zweier Söhne.

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Wären all die Beratungsarchive noch vorhanden, liesse sich daraus manche Doktorarbeit über das Befinden der Nation seit den dreissiger Jahren schreiben. Geschichte spiegelt sich nicht nur in den Taten der Generäle, Kardinäle und Aktionäre sie zeigt sich auch im Alltag der «kleinen Leute». Wo immer ein Land das Kleine gering achtet, hat es kein Recht, sich selbst Grösse zuzuschreiben.

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