Aidsmedikamente, die für süd­afrikanische Patienten bestimmt waren, gelangten auf verschlungenen Wegen nach Europa und wurden teuer verkauft. Darüber berichtete der Beobachter diesen Mai. Der ehemalige Zürcher Banker Moses K.* hatte mit südafrikanischen Partnern und dem deutschen Pharmahändler Ernst S.* einen äus­serst lukrativen Handel aufgezogen. Von seiner Wohnung im Zürcher Kreis 3 aus nahm K. die Bestellungen vom Deutschen S. entgegen und leitete sie an die Rainbow Pharmaceuticals and Exports in Kapstadt weiter.

Deren Besitzer James B.* hatte ­Mitte der nuller Jahre quasi die Lizenz zum Gelddrucken entdeckt. Weil Aidsmedikamente auf dem Schwarzen Kontinent einen Bruchteil dessen kosten, was man in Europa dafür bezahlt, kaufte er in Südafrika aus verschiedenen Quellen grosse Mengen zusammen. Die so beschafften Medikamente liess er in gefälschte Verpackungen mit deutschen Aufschriften und Beipackzetteln umfüllen und leitete sie umgehend via Zürich nach Deutschland weiter.

Franzose geschäftet in der Schweiz

Moses K. war aber nicht der einzige Schweizer Zwischenhändler, mit dem James B. illegale Geschäfte abwickelte. Schon rund ein Jahr zuvor war der Südafrikaner James B. für die gleiche Art Geschäfte mit der Genfer Oxet SA einig geworden. Das zeigt eine Ende Oktober publi­zierte, aber noch nicht rechtskräftige Strafverfügung der Heilmittelkontrolle Swissmedic.

Die kleine Firma an der Rue du Rhône 118 handelte laut Handelsregister mit pharmazeutischen und medizinischen Produkten und bestand ­gerade mal aus dem Buchhalter und offiziellen Geschäftsführer Georges M.* sowie einer Sekretärin. Besitzer der Oxet aber war ein anderer: der Franzose Antoine M.*, der im interna­tionalen Geschäft mit Medikamenten immer wieder auftaucht. Seine Methoden sind nicht immer legal.

Oxet-Besitzer stand schon mehrmals vor Gericht

2012 etwa wurde Antoine M. vom englischen High Court of Justice wegen Betrugs an einem Geschäftspartner aus der Pharmabranche zu einer Entschädigung von 8,7 Millionen britischen Pfund verpflichtet. Und bereits in den neunziger Jahren hatten sich französische Gerichte mit M.s Geschäften herumgeschlagen. Sein Name taucht auch in den Panama Papers auf – im Zusammenhang mit nicht ­weniger als 19 Offshorefirmen.

Antoine M. war 2005 über den südafrikanischen Geschäftsmann Izak C.* an Pharmahändler James B. und ­dessen Kapstädter Firma Rainbow Pharmaceuticals and Exports geraten. Izak C., so vermuten verschiedene ­Insider, sei der eigentliche Kopf hinter den illegalen Deals gewesen. C. streitet das ve­hement ab. Er habe lediglich den Kontakt zwischen Händler James B. und Antoine M. vermittelt, erklärte er gegenüber dem Beobachter am ­Telefon – und hängte auf.

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James B.s Geschäfte jedenfalls ­liefen prächtig. Von Juni 2006 bis November 2009 lieferte er knapp 3500 Packungen des Medikaments Norvir und 258 Packungen Viracept an Antoine M.s Oxet. Innerhalb dieses Zeitraums, von Mai 2007 bis Oktober 2009, bediente James B. aber auch den Zürcher Moses K. Für beide Zwischenhändler schickte er die in gefälschte Schachteln verpackten Medikamente per Luftfracht nach Zürich. Von dort aus wurden sie umgehend via Belgien – und zum Teil mit einem Umweg über Grossbritannien – zum deutschen Grosshändler Ernst S. transportiert.

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Quelle: Getty Images

Netzwerke aus Krieg und Apartheid

Bei der Herkunft der Medikamente war James B. nicht heikel. Ein Teil war abgelaufene Ware aus Lagern von Grosshändlern. Andere Packungen beschaffte sich der Pharmahändler, der über keine entsprechende Lizenz verfügte, über kleine Apotheken. Und dann konnte James B. auch noch auf ­Lieferungen aus Nachbarländern zählen, wie ein Insider aus Südafrika erzählt, der anonym bleiben will: «Es gibt aus der Zeit der Apartheid und der Kriege im südlichen Afrika Netzwerke und Lieferketten für alles Mögliche, die immer noch intakt sind. An gewissen Orten ‹verschwanden› Medikamente einfach.»

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Für den südafrikanischen Experten Mark Heywood ist das wenig erstaunlich. «Wir haben eine schlechte Logistik, und die Lieferketten sind oft mangelhaft dokumentiert», sagt der Gründer der Treatment Action Campaign. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass alle 3,5 Millionen Aidskranken im Land Zugang zu Medikamenten haben. «Korruption und Diebstähle sind da an der Tagesordnung. Und wenn das organisierte Verbrechen eine Chance wittert, dann ist alles möglich.»

Fehlende Pillen, falsche Farben

Das Geschäft über den Zürcher Vermittler Moses K. flog im Juni 2009 auf, als ein HIV-positiver Patient im norddeutschen Delmenhorst eine Packung des HIV-Medikaments Combivir in die Apotheke zurückbrachte, weil darin Tabletten fehlten. Später fanden Spezialisten des deutschen Bundeskriminalamts heraus, dass noch viel mehr Verpackungen gefälscht waren. Moses K. hatte insgesamt 3361 Packungen Combivir mit der Chargennummer 343741 an Ernst S. geliefert. Der Hersteller GlaxoSmithKline hatte von dieser Charge aber nur 1040 Stück produziert.

Die Genfer Connection hielt noch ein paar Monate länger – bis im Frühling 2010 ein von Ernst S. belieferter deutscher ­Zwischenhändler routinemässig eine Packung Norvir vom Hersteller untersuchen liess, dem britischen Sitz des Pharma­unternehmens Abbott. Dort stellte man schnell fest, dass etwas nicht stimmen konnte: Die Farbe der ebenfalls gefälschten Verpackung passte nicht.

Ermittler finden fast nur leere Konten

Es dauerte lange, bis die Ermittler des Bundeskriminalamts und von Swiss­medic erkannten, dass die beiden Fälle zusammenhingen. Zu lange. Im ­August 2009 fanden die ersten Hausdurchsuchungen in Deutschland statt. Swiss­medic wurde jedoch erst im April 2010 durch eine Anzeige der britischen Heilmittel-Aufsichtsstelle MHRA auf den Fall aufmerksam und begann zu ermitteln.

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Die Konten waren leer geräumt. Die Ermittler konnten gerade mal 6024 Euro und 16 Cent beschlagnahmen.

Als Swissmedic schliesslich Anfang November 2010 die Verfahren gegen den Zürcher Moses K., den Genfer Georges M. und den Franzosen Antoine M. offiziell ­eröffnete und Hausdurchsuchungen in verschiedenen Kantonen durchführte, hatten sich die Medikamentendealer längst gegenseitig gewarnt und ihre Konten leer geräumt.

Um die Herkunft der Gelder zu verschleiern, hatten sowohl die beiden Südafrikaner James B. und Izak C. als auch der Sambier Alexander L.*, der ­einen Teil der Medikamente beschafft hatte, in Panama Offshorefirmen gegründet und für diese bei der Zürcher Privatbank Sallfort Konten eröffnet. Als die Ermittler von Swissmedic im November 2010 die Beschlagnahmung der Guthaben anordneten, wies nur noch dasjenige von Alexander L. einen ­positiven Saldo auf. Die Untersuchungsbeamten konnten 6024 Euro und 16 Cent beschlagnahmen.

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Ein Gewinn von 3,6 Millionen Euro

Die gemeinsamen Recherchen des ­Beobachters, des African Network of Centers for Investigative Reporting (ANCIR) und des Bayerischen Rundfunks zeigen nun, dass die Gewinne astronomisch hoch waren. Die Risiken hingegen mit ein paar tausend Franken Strafe waren vernachlässigbar. ­Eine Packung des Medikaments Epivir zum Beispiel gab es in Südafrika für umgerechnet fünf Euro. In Deutschland kostete die Packung 227 Euro – 4440 Prozent mehr.

Anhand der umfangreichen Untersuchungsakten der deutschen Behörden, die dem Rechercheverbund vorliegen, lässt sich das Ausmass der Deals rekonstruieren. So errechneten die deutschen Ermittler, dass allein bei den Geschäften zwischen dem deutschen Grosshändler Ernst S. und dem Schweizer Zwischenhändler Moses K. ein Gewinn von 3,6 Millionen Euro resultierte. Diese Summe, so hielten die beiden mit einem offiziellen Vertrag fest, sollte hälftig geteilt werden.

Für Moses K. bedeutet das einen Gewinn von rund 1,8 Millionen Euro. Swissmedic beschlagnahmte bei ihm allerdings nur knapp 900'000 Euro – sowie 140'000 britische Pfund aus ­einem weiteren illegalen Geschäft.

Preis einer Packung des Medikaments Epivir in Südafrika: 5 Euro. Preis in Deutschland: 227 Euro – 4440 Prozent mehr.

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Dass nur rund die Hälfte des ­Gewinns gefunden wurde, «dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass Ernst S. lange nicht alle Profite, die er mit den von Moses K. bezogenen Arzneimitteln erzielte, mit diesem hälftig geteilt hat», sagt Swissmedic-Sprecherin Danièle Bersier. Ein Betrüger dürfte damit einen anderen betrogen ­haben. Moses K. will sich allerdings nicht an Vertragsdetails erinnern: «Wenn so viel Geld geflossen sein sollte, dann nicht in meine ­Tasche.» Wer das grosse Geld gemacht haben soll, will K. nicht preisgeben.

Der Deutsche Ernst S. starb im ­April 2014, worauf die deutschen Behörden die Untersuchung umgehend einstellten. Seine Witwe, über deren Konten ein Teil der Zahlungen gelaufen waren, musste lediglich eine Strafe von rund 400'000 Euro zahlen – und blieb ansonsten unbehelligt.

Die meisten Taten sind verjährt

Auch der Franzose Antoine M., der zweite Zwischenhändler, der über die Schweiz illegale Arzneimittel nach Deutschland schickte, kann sich ­voraussichtlich über satte Gewinne freuen. Gemäss der – noch nicht rechtskräftigen – Strafverfügung von Swissmedic muss er nur einen Gewinn von rund 69'000 Euro abliefern und ­eine Busse von 2500 Franken zahlen und die Verfahrenskosten tragen.

Antoine M. hat auf Kontaktver­suche des Beobachters nicht reagiert. Er profitiert davon, dass das Verwaltungsstrafverfahren von Swissmedic von Gesetzes wegen sehr aufwendig ist und Beschuldigten ermöglicht, mit Einsprachen einen definitiven Entscheid sehr lange hinauszuzögern.

Bis auf die letzten zwei Lieferungen, die Antoine M.s Genfer Firma Oxet nach Deutschland vermittelte, sind alle illegalen Geschäfte verjährt. Der Medikamentendealer kann mehrere hunderttausend Euro für sich ­behalten, die er auf dem Rücken von Aidspatienten im südlichen Afrika ­gemacht hat.

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*Name der Redaktion bekannt

Dieser Text entstand durch eine Zusammen­arbeit des Beobachters mit dem African Network of Centers for Investigative Reporting (ANCIR) und dem Bayerischen Rundfunk.