Beobachter: Herr Margraf, plastische Zentren schiessen in der Schweiz wie Pilze aus dem Boden. Wird die Korrektur des unperfekten Körpers immer mehr zur Selbstverständlichkeit?

Jürgen Margraf: Medizin und Technik sind heute so weit, dass viele Menschen meinen, ihren Körper nicht mehr als naturgegeben und unveränderbar hinnehmen zu müssen. Sie wollen ihn nach eigenem Gutdünken modifizieren. Was machbar ist, wird gemacht.

Beobachter: Der Machbarkeitswahn greift also auch in der Schweiz um sich?

Margraf: Sicher werden viele Eingriffe, die heute noch diskret gemacht werden, bald auch in der Schweiz selbstverständlich sein. Ich glaube aber nicht, dass sich die Situation entwickeln wird wie in den USA, wo Eltern ihrer Tochter zum 18. Geburtstag eine neue Nase oder eine Brustoperation schenken. Gleichwohl haben viele Ärzte die geschäftliche Seite der Medizin entdeckt. Mit Schönheitschirurgie lässt sich gutes Geld verdienen.

Beobachter: Fettabsaugen gehört in der Schweiz zu den am häufigsten gewünschten Eingriffen. Bedeutet denn Schönheit, schlank zu sein?

Margraf: Ja, in Europa und in den USA herrscht eine regelrechte Schlankheitsmanie. Es ist paradox: Während die Modeindustrie und die Medien uns tagtäglich spindeldürre Models vorführen, wird die Gesellschaft immer dicker.

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Beobachter: Diese ausgemergelten Models sind doch nicht schön! Weshalb bloss sind sie unser Ideal?

Margraf: Weil es schwieriger ist, dünn zu sein. Begehrens- und erstrebenswert ist, was schwierig zu erreichen und deshalb selten ist. Die Schönheitsideale haben sich immer nach diesem Prinzip gerichtet. In Zeiten, als die Lebensmittel knapp waren, war der Wohlstandsbauch ein Statussymbol. Einen Bauch konnte sich nicht jeder leisten. Heute hingegen gelten dicke Menschen als ungebildet, willensschwach und schlecht verdienend. Schlank ist, wer es sich leistenkann, gesund zu essen und regelmässig das Fitnessstudio aufzusuchen, oder gar das Geld hat, um einen persönlichen Trainer zu bezahlen.

Beobachter: Oder wer es sich leisten kann, Fett abzusaugen. Trotzdem: Die chirurgischen Eingriffe sind mit Schmerzen verbunden. Weshalb tun sich das die Frauen und Männer an?

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Margraf: Der Leidensdruck ist so gross, dass man sich lieber unter das Messer legt, als sich mit dem Körper abzufinden. Die Schönheit und die mit ihr verbundene Anerkennung von anderen hat seit je einen grossen Stellenwert. Der Mensch ist ein soziales Wesen und will anderen gefallen. Die Bereitschaft, für die Schönheit zu leiden, ist wohl fast so alt wie das Menschengeschlecht selbst.

Beobachter: Dann stimmt es gar nicht, dass die inneren Werte zugunsten des Aussehens an Bedeutung verloren haben.

Margraf: Ich glaube doch, dass die Erscheinung heute wichtiger ist als früher. Die technischen Kommunikationsmöglichkeiten haben im Verhältnis zum direkten persönlichen Kontakt an Bedeutung gewonnen. Damit werden beim Zusammentreffen von Menschen äussere Aspekte wie das Aussehen immer wichtiger. Sie entscheiden oft, ob man miteinander in Kontakt kommt oder Anerkennung erhält. Die Konkurrenz in dieser Beziehung ist gross. Gerade Frauen versuchen, einander durch Schönheit zu übertreffen, und müssen deshalb ständig «aufrüsten». Der Begriff Schönheitsterror kommt nicht von ungefähr.

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Beobachter: Der Schönheitsterror hat aber auch die Männer erfasst. Die grösste Zuwachsrate verzeichneten die ästhetisch-chirurgischen Zentren letztes Jahr bei den Männern.

Margraf: Ja, die Mode- und Kosmetikindustrie nimmt, nachdem sie sich die Frauen unterworfen hat, die Männer ins Visier. Sie müssen jugendlich, frisch und dynamisch aussehen, wenn sie im Beruf Erfolg haben wollen. Zudem stellen auch die Frauen Ansprüche, seit sie selber Geld verdienen und dadurch nicht mehr auf den Mann angewiesen sind.

Beobachter: Jeder will auffallen und gefallen, letztlich machen sich aber doch alle gleich. Britney Spears gibt es unterdessen in zigfacher Ausführung, und es tragen auch alle die gleiche Kleidung. Haben wir Angst, einzigartig zu sein?

Margraf: Mit der Globalisierung hat sich der Geschmack uniformiert. Alle hören die gleiche Musik, sie lesen die gleichen Bücher, kaufen die gleichen Kleider, drücken sich in den gleichen englischen Worten aus. Auch die Schönheit wird weltweit standardisiert. In China lassen sich die Frauen beim Chirurgen die Augen runder formen, damit sie aussehen wie ihre Vorbilder in den USA oder in Europa. Wir alle machen diese Uniformierung mehr oder minder bewusst mit.

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Beobachter: Bringt denn der schmerzvolle, aufwändige und teure Einsatz für das Äussere wenigstens den Lohn, den man erwartet? Sind die Frauen und Männer nach einer Schönheitsoperation glücklicher als vorher?

Margraf: Ich glaube nicht, dass Unzufriedenheit mit sich selbst durch einen chirurgischen Eingriff beseitigt wird. Meist geht es ja um tiefer liegende Probleme wie um ein angeschlagenes Selbstbewusstsein. Aber das ist halt die Hollywood-Perspektive: Ein Problem wird technisch gelöst, und es gibt immer ein Happy End. Was vor lauter Machbarkeitswahn vergessen wird: Die Diskriminierung wird wieder zunehmen. Auch die Knirpse machen dieses Spiel mit. Bereits im Kindergarten werden dicke Kinder aus einer Gruppe gestossen. Und Erwachsene, die dem Schönheitsideal nicht entsprechen, werden vermehrt zu hören bekommen: «Selber schuld, man kann ja schliesslich etwas dagegen tun.»

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