Was machen wir, wenn Gaddafi-Schergen in der Schweiz Asyl wollen? Das fragen wir uns momentan. In unserer Wahrnehmung sind sie zwar «die Bösen», aber schliesslich fürch­ten auch sie um ihr Leben. Ein Bundesamt ist keine Moralinstanz, es geht um die Wahrung des geltenden Rechts. Das regelt auch den Umgang mit solchen Fragen.

Momentan liegen gut 50 Dossiers in meinem Büro. Manche sind recht dünn, andere fast einen halben Meter dick. Wir hören jede Person an, die Asyl beantragt, deutlich mehr Männer als Frauen.

Solche Anhörungen dauern in der Regel zwei bis vier Stunden, manchmal aber auch erheblich länger. Oft kristallisiert sich für mich schon im Lauf des Gesprächs der Entscheid heraus. Manchmal muss ich nach dem Gespräch auch nachrecherchieren, zum Beispiel einen unserer Länder­referenten um eine Auskunft bitten.

So viele Schicksale ich schon kennengelernt habe, es sind doch keine zwei gleich. Auch wenn wir klare gesetzliche Leitlinien haben – ohne Empathie geht es nicht. Jedes Dossier behandelt schliesslich ein Menschenleben. Wir können hier zwar nicht die Welt retten, aber wir können jenen Menschen Schutz gewähren, die ihn wirklich brauchen.

«Jedes Dossier behandelt ein Menschenleben»: Anne-Marie Eberhard, Asyl-Fachreferentin

Quelle: Basil Stücheli

Es wird mehr medizinisch argumentiert

Bevor die Asylsuchenden zur Anhörung kommen, sind sie bereits ein erstes Mal befragt worden. Diese Akten liegen uns dann vor. Manchmal drängt aber plötzlich etwas Neues an die Oberfläche. Eine Frau etwa, die von einem Mann befragt wurde, erwähnt mir gegenüber unter Umständen sexuelle Übergriffe, die sie bis dahin aus Scham verschwiegen hat. Wissen wir im Voraus von solchen psychischen Belastun­gen, stellen wir das Team entsprechend zusammen. Es nehmen jeweils ein Dolmetscher, eine Protokollführerin, eine Person vom Hilfswerk, manchmal ein Rechtsvertreter oder eine andere Begleitperson teil.

Bei den Entscheiden stützen wir uns auf unsere Recherchen und die Auskünfte der Betroffenen. Falls sich jemand widerspricht, machen wir ihn darauf aufmerksam.

Wie die Asylgesuche begründet ­werden, hat sich im Lauf der Jahre verändert. Heute werden viel öfter medizinische Argumente vorgebracht als früher – physische oder psy­­chische Leiden. So wie wir unsere Gesetze laufend anpassen, justieren manche Asyl­suchende ihre Strategien immer wieder neu. Wir fällen bei weniger als einem Fünftel aller Gesuche einen positiven Entscheid.

Sollten plötzlich viele libysche Flüchtlinge in die Schweiz kommen, werden wir die Arbeit aufteilen. Wir organisieren zwar unsere Zuständigkeiten nach Herkunftsländern, aber wenn bei einem Land mehr Arbeit anfällt, unterstützen wir uns gegenseitig. Aber bis heute liegen nur wenige Gesuche aus Libyen vor, auch wenn das in den Medien manchmal ganz anders klingt.

Viele sind überrascht, wenn sie hören, dass wir Asylentscheide mehr oder weniger selbständig fällen. Doch wir haben unsere Länderreferenten, und natürlich helfen uns auch unsere umfangreichen Datenbanken im Internet. Wie wir arbeiten konnten, als es noch keine Computer gab, kann ich mir kaum mehr vorstellen. Ich erinnere mich an Zettelkästen mit Länderinformationen und an Protokolle, die wir nach den Anhörungen diktierten. Die EDV hat unsere Arbeit und den Zugriff zu Informationen beträchtlich vereinfacht.

Von der Ausbildung her bin ich Sekun­darlehrerin. Ich habe aber rasch gemerkt, dass das nicht mein Traumberuf ist. Als man Mitte der achtziger Jahre im Bundesamt für Migration Personal aufstockte, weil damals viele Asylsuchende aus Sri Lanka kamen, bewarb ich mich. Nach meiner politischen Gesinnung wurde ich nie gefragt.

Traurige und belastende Geschichten

Ich habe schon alle möglichen Länder betreut. Derzeit bin ich für die Entscheid­praxis für Sri Lanka zuständig und ausserdem Ausbildnerin für Lernende. Neben der Professionalität spielt die Erfahrung eine grosse Rolle, die gebe ich gerne weiter.

Nach 25 Jahren beim Bundesamt für Migration besteht ein Teil meines Freundeskreises natürlich aus Arbeitskollegen. Wir hören viele traurige, oft auch belastende Geschichten, doch wir tauschen uns aus und versuchen, das Ganze gemeinsam professionell zu verarbeiten und es am Feier­abend nicht mit nach Hause zu nehmen.

Ich reise gern und viel. Wenn ich schlim­me Nachrichten aus dem Ausland höre, denke ich aber nicht zuerst an die mögliche Arbeit, die auf uns zukommt, sondern an Menschen, die ich dort kennengelernt habe, und hoffe, dass ihnen nichts zugestossen ist. Auf allen meinen Reisen habe ich oft gedacht: Ich habe Glück gehabt, in der Schweiz auf die Welt gekommen zu sein.