Im Café des Einkaufszentrums Plaza. ­Eine junge Familie – vermutlich aus Nordafrika – kommt durch die Drehtür. Vater und Mutter, hinterher hüpfen ein Junge und ein Mädchen mit leuchtend ­grünen Ballonen. Die Kaffeerunde älterer Frauen verstummt abrupt, die Köpfe wenden sich synchron. Einen Augenblick später lacht eine: «Wir schauen die ja schon an wie die Affen im Zoo.»

Vor einem halben Jahr verständigten sich die Stadt Bremgarten und das Bundesamt für Migration (BfM) ohne grosses Aufhebens darauf, drei Jahre lang ein Truppenlager als Unterkunft für Asylbewerber zu nutzen. Sechs Wochen später riefen sie die Bevölkerung zu einem Informationsabend. 400 Einheimische kamen.

Die Stimmung war aufgeräumt, es gab sachliche Fragen – keinerlei Proteste wie 2011 im sieben Kilometer entfernten Bettwil. Der freisinnige Stadtammann Raymond Tellenbach wies einzig darauf hin, die Unterbringung von möglicherweise kriegstraumatisierten Menschen nahe bei einem Schiessplatz sei problematisch. Der Vertreter des Bundesamts für Migration konterte, man habe Erfahrung in der Umnutzung militärischer Anlagen.

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Anfang August trafen die ersten 23 Menschen ein. Sie stammen aus Eritrea, Sri Lanka, dem Sudan, aus Tibet. Unaufgeregter Courant normal. Dann kam die Menschenrechtsorganisation Augenauf. In einem offenen Brief an Bundesrätin Sommaruga stösst sie sich an Ra­yon­verboten, die sich Bremgarten aus­bedungen habe. Es gehe nicht an, dass Asylsuchende gewisse «sensible Zonen» nicht betreten dürfen: den Schulhausplatz, die Badi.

Sibylle Siegwart vom BfM sagt: «Es gab in Bremgarten nie ein Rayonverbot und auch nie ein Badiverbot. Die ganze Diskussion beruht auf einem Missverständnis, der Vereinbarungstext wurde nicht verändert. Für das Benutzen öffentlicher Anlagen sind Regeln definiert, und zwar nicht nur für Asylsuchende. Wenn einzelne Asyl­suchende in Bremgarten Schul- und Sport­anlagen, und dazu zählt auch die Badi, nutzen wollen, können sie das tun. Grössere Gruppen müssen sich bei der Zentrumsleitung melden. Vorrang für die Nutzung haben Schulen und Vereine, alle anderen Gruppen werden gleich behandelt.»

Doch die Falschmeldung vom Badiverbot ist stärker. Die Juso organisieren eine Demo. 50 Leute laufen durch das Städtchen, die wenigsten sind aus Bremgarten. An die Mauer des Wasserkraftwerks hängen sie Plakate mit Auszügen aus dem ­Tagebuch der Anne Frank: «Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebenso wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze.» Viele Zeitungen nehmen das Thema auf, beziehen Stellung aus der Ferne. Das ruhige Bremgarten wird über Nacht zum Synonym für Schweizer Rassismus – und Stadtammann Raymond Tellenbach zu jenem Mann, der Asylsuchende mit kruden Verboten ausgrenzt. «Le Temps» schreibt von «neuer Apartheid», die NZZ fragt «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?». Die Empörung ist gross, die Schar der Journalisten, die sich die Mühe nehmen, nach Bremgarten zu fahren, klein.

«Ein Medienberater wäre gut gewesen»

Tellenbach ist ein grossgewachsener, grauhaariger Mann, er spricht mit ruhiger, sonorer Stimme. Heute sagt er, fast amüsiert: «Ich schaffte es immerhin in den ‹Blick›, ohne mit jemandem von dieser Zeitung gesprochen zu haben. Es hat sich auch niemand bei mir als NZZ-Journalist vorgestellt, weder telefonisch noch persönlich.» Heute wünscht sich Tellenbach nur, dass ihm damals ein Medienberater zur Seite gestanden wäre.

In seiner Amtsstube erzählt Tellenbach, wie es damals zum angeblichen Badiverbot kam. Im Juni sei in der Bremgarter Badi plötzlich ein kleines Mädchen auf dem Bauch im Wasser getrieben. Der Vater, ein Asylsuchender, war beim Kaffee. Das Mädchen konnte mit knapper Not gerettet werden. Im Sommer davor hatte sich ein ähnlicher Unfall ereignet. «Die beiden Vorfälle sassen unseren Bademeistern noch in den Knochen. Es ging uns nicht um Ausgrenzung, es ging allein um Sicherheit», beteuert Tellenbach. Es sei den Asylsuchenden auch nie grundsätzlich verboten worden, die Badi zu betreten. In Begleitung eines Betreuers hätten sie das tun können.

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«Aber», sagt Tellenbach, «an guten Tagen haben wir 1500, 2000 Leute in der Badi, und eine Handvoll Bademeister muss sich um drei Schwimmbecken kümmern. Da müssen sich alle an die Spielregeln halten, die Nichtschwimmer dürfen nicht ins Schwimmerbecken und nicht auf die gros­se Rutschbahn. Sonst wirds gefährlich.» Der Gemeindeammann stösst sich auch am Wort Rayonverbot; es habe sich um ­eine Hausordnung gehandelt. Widersetze sich jemand, gebe es keine Sanktionen, sondern man suche das Gespräch.

Seit der Ankunft der ersten Asylsuchenden sind drei Monate vergangen. Es ist November, die Badi ist zu. Erstmals öffnet das Asylzentrum Journalisten seine Türen für eine Führung – gegen Abgabe der Identitätskarte. Zwei Dutzend sind gekommen.

Im Zentrum leben nun Menschen aus Eritrea, Somalia, Pakistan, Afghanistan, Tunesien, Marokko und dem Kosovo. Sie bleiben durchschnittlich 37 Tage. Für Frauen und Familien sind noch Schlafplätze frei. Die hufeisenförmige Truppenunterkunft ist trist, aber nicht so trist wie andere Behausungen für Asylsuchende. Immerhin ist sie oberirdisch. Der Blick ins Grüne wird von Stacheldrahtzäunen und Panzerschwellen behindert. Bis zu 24 Menschen leben in ­einem Raum. Leintücher zwischen den Doppel-Etagenbetten der Familien sorgen für etwas Privatsphäre. Während der Woche gilt vor 9 Uhr morgens und nach 17 Uhr abends Ausgehverbot. Das Zentrum wird von der Firma Abacon bewacht.

Jede Woche werden Asylsuchende weggewiesen, neue kommen. Die Mehrheit sind sogenannte Dublin-Fälle. Sie haben bereits in einem anderen Land ein Asylgesuch gestellt und werden mit grosser Wahrscheinlichkeit dorthin zurückgeschickt. Ihr Alltag ist ein einziges Warten auf den Asylbescheid. «Alles, nur nicht zurück nach Italien!», sagt eine Frau. Ihre leise Stimme passt nicht recht zu den bunten Tüchern, die sie trägt.

Vor dem Fenster wird der Krieg geübt

Auf dem Schiessplatz wird regelmässig geschossen, auf dem Übungsgelände werden immer wieder Manöver geprobt. Manche jungen Männer beobachteten diese Übungen mit grossem Interesse, andere seien merklich irritiert, sagt die Sozialdiakonin Marie-Eve Morf. Sie teilt sich mit Sozial­arbeiter Jaime Armas ein von der Kirche bezahltes 90-Prozent-Pensum. Auch sie relativiert die Medienberichte. Die Behauptung, Asylsuchende dürften den Kirchenvorplatz nicht betreten, sei schlicht falsch: «Wir haben hier einige Menschen orthodoxen Glaubens, die regelmässig in der Kirche sitzen. An ihnen hat sich bislang niemand gestört.»

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Viele Asylsuchende sprechen leidlich Italienisch oder Griechisch. Sie lebten jahrelang in Südeuropa, viele legal. Die Arbeitslosigkeit hat sie in den Norden gedrängt. Manche flüchteten vor ihrer Armee, junge Afghanen vor den Taliban. Streng genommen gelten sie nicht als Kriegsflüchtlinge – sie waren nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht. Fast alle wissen, dass sie keine Chance auf Asyl haben. Sie versuchen es trotzdem. Manche wenden sich an die Journalisten: «Du musst meine Geschichte aufschreiben! Ich kann unmöglich nach Somalia zurück! Ich habe grosse Probleme zu Hause! Ich suche nicht nur Arbeit, sondern Schutz, Frieden, eine Zukunft für mich und meine Familie!»

Sozialarbeiter Armas ärgert sich noch heute über die Schlagzeilen zum angeblichen Badiverbot: «Denken Sie, die hätten eine Badehose mitgebracht?» Drei Franken Taschengeld bekommt ein Asylsuchender pro Tag. Der Eintritt in die Badi kostet sechs Franken.

Die meisten Reaktionen aus der Bevölkerung seien wohlwollend, sagt Armas. Viele Einheimische gäben Päckli mit Kleidern oder Spielsachen ab.

Natürlich ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen in Bremgarten: Gelegentlich hört man, Männer verböten ihren Frauen, allein am Asylzentrum vorbeizugehen. Oder Frauen erzählen, sie fühlten sich nicht wohl, wenn vor der Migros eine Gruppe Fremder «herumlungere». Kantonspolizist Bernhard Graser sagt auch: «Es gibt mehr kleinere Ladendiebstähle.» Die Anzahl der Einbrüche sei aber nicht gestiegen. Auch Meldungen über Zwischenfälle im Asylzentrum sind bei der Polizei bis jetzt nicht eingegangen.

Doch Stadtammann Tellenbach wurden einige wenige Vorfälle zugetragen. Da in der Asylunterkunft Alkoholverbot gilt, trinken jene Männer, die etwas Geld mit­gebracht haben, ihr Bier vor der Migros oder in einer der Strassen. Wenn sie aus­gerechnet dann an den Randstein pinkeln, wenn Schulkinder vorbeigehen, ärgert das die Anwohner. «Doch Alkohol zu verbieten wäre ein schwieriges Unterfangen», sagt Stadtammann Tellenbach. «Wenn wir das könnten, dann hätten wir auch sonst ein paar Probleme weniger im Land.»