Zur Person

Reiner Eichenberger ist Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg. Er gehört zu den profiliertesten liberalen Stimmen der Schweiz. Die «Neue Zürcher Zeitung» wählte ihn letztes Jahr zum zweitwichtigsten Ökonomen des Landes.

Quelle: Pierre-Yves Massot/Realeyes.ch

Beobachter: Millionen von Flüchtlingen wollen nach Europa, die Schweiz will 30'000 aufnehmen. Als vorläufig Aufgenommene werden sie für Jahre bleiben, viele für immer. Wie können sie integriert werden?

Reiner Eichenberger: Die beste Integration ist Arbeit. Die Flüchtlinge müssen sich intensiv mit Einheimischen auseinandersetzen, die Sprache lernen und die Kultur verstehen. Sie integrieren sich aktiv. Die schlechteste ist eine jahrelange Abhängigkeit von der So­zialhilfe. Ihre Kinder könnten Sozial­hilfe dann als normale Perspektive übernehmen.

Beobachter: Das funktioniert kaum: Nach sieben Jahren sind zwei Drittel der vorläufig Aufgenommenen ohne Arbeit. Bei den anerkannten Flüchtlingen hat nur jeder siebte einen Job. Arbeit zu finden bleibt für die grosse Mehrheit eine Illusion.

Eichenberger: Der Grund dafür sind unzählige Regulierungen in der Wirtschaft und im Asylwesen, die neue, niederschwellige Jobs verhindern. Die meisten Flüchtlinge sind kreativ und durchaus arbeitswillig. Sie kommen ja, weil sie in ihrer Heimat und in Flüchtlingslagern keine Perspektive sehen. Auf dem überregulierten Schweizer Arbeitsmarkt haben sie aber kaum Chancen. Mit sprachlichen Defiziten, fehlenden oder nicht anerkannten Ausbildungen stehen sie immer hinten an. Selbst für einfachste Tätigkeiten haben wir über die Personenfreizügigkeit ein Reservoir an Arbeitskräften mit viel besseren Karten. 

Beobachter: Wie könnten die Flüchtlinge trotzdem integriert werden?

Eichenberger: Wir müssen den Zugang zur Arbeitswelt vereinfachen. Flüchtlinge müssen uneingeschränkt und auch als Selbständige arbeiten dürfen. Schauen Sie Einwanderungsländer wie die USA an. Migranten arbeiten dort in Minijobs, die es bei uns gar nicht gibt. Sie packen im Supermarkt Einkäufe ein, sind mit tiefen Löhnen in der Reinigung tätig oder gründen kleine Gastro- und Dienstleistungsfirmen, die sie nur als Familie rentabel betreiben können. In der Schweiz gibt es diverse Hürden, so tätig zu werden. Eine Arbeitstätigkeit ist jeweils nur in einem Kanton und nur als Angestellter in bestimmten Branchen erlaubt. Arbeitgeber müssen Anstellungen beantragen. Zudem darf eine Tätigkeit bestehende Arbeitsplätze nicht gefährden. Das ist falsch.

Beobachter: Mit einer solchen Deregulierung würden einfach andere Tieflohn­angestellte unter Druck kommen. Auch Mindestlöhne wären kaum haltbar.

Eichenberger: Wenn wir eine grosse Zahl von Mi­granten integrieren wollen, müssen wir uns von schweizerischen Wohlstandsvorstellungen für alle verabschieden. Für eine Flüchtlingsfamilie aus einem Kriegsgebiet kann es ein Segen sein, zu viert in einer Schweizer Zweizimmerwohnung zu leben. Selbst wenn dafür mehrere Personen für einen sehr tiefen Lohn arbeiten müssen. Anders als in der Sozialhilfe haben sie so die Chance, sich schnell zu entwickeln.

«Es wäre eine verpasste Chance, das Potenzial der Flüchtlinge nicht möglichst schnell zu nutzen.»

Reiner Eichenberger

Beobachter: Trotzdem wollen Sie, dass Flüchtlinge von solchen Einkommen nicht direkt profitieren. Warum?

Eichenberger: Viele Familien in der Dritten Welt versuchen sich über einen Lohn zu finanzieren, den ein Angehöriger in einem reicheren Land erwirtschaftet. Wir müssen verhindern, dass eine sofor­tige Arbeitsmöglichkeit als Signal verstanden wird, in die Schweiz zu kommen. Der Verdienst sollte darum auf einem Sperrkonto landen, bis der Flüchtling eine definitive Aufenthaltsbewilligung erhält oder in seine Heimat zurückkehrt.

Beobachter: Das klingt nach unentgeltlich geleisteter Zwangsarbeit.

Eichenberger: Eben nicht. Der Flüchtling kann zwar kein Geld nach Hause schicken, weil er nur gerade das bekommt, was er für eine sehr bescheidene Existenz in der Schweiz benötigt. Was er darüber hinaus anspart, gehört aber ihm. Er kann es später als Startkapital für eine wirtschaftliche Tätigkeit nutzen – in der Schweiz oder in seiner Heimat.

Beobachter: Arbeitsintegration ist auch das Zauberwort, wenn es um Ausgesteuerte und IV-Bezüger geht. Die Ergebnisse sind aber ernüchternd. Wieso sollte es mit Flüchtlingen besser funktionieren?

Eichenberger: Weil die meisten nicht schwach und invalid sind. Es funktioniert aber nur, wenn der Arbeitsmarkt für einfache Tätigkeiten dereguliert wird.

Beobachter: Die Flüchtlinge werden auf diese Weise zu einer zusätzlichen Konkurrenz für Einheimische mit unqualifizierten Jobs.

Eichenberger: Auch diese Leute müssten zu tieferen Löhnen arbeiten. Dadurch würden weniger einfache Jobs ins Ausland ausgelagert. Man sollte solche Löhne aber durch Sozialhilfe aufbessern, weil diese Menschen ja schon lange in der Schweiz leben. Das fände ich ­legitim. Sie würden einen Kombilohn erhalten, der sich aus einem Marktlohn und einem Zustupf zusammensetzt.

Beobachter: Was ist die Alternative zur Flexibilisierung nach unten?

Eichenberger: Unattraktive Bedingungen für Flüchtlinge schaffen und darauf hoffen, von Flüchtlingsströmen verschont zu bleiben. Aber dafür geht es uns zu gut. Zudem müsste man die Beteiligung an einem europäischen Verteilschlüssel verweigern. Das wäre dann Isolation. Oder wir bezahlen den Flüchtlingen lebenslang Sozialhilfe und verzichten auf eine richtige Integration. Das aber wird teuer und führt zu sozialen Konflikten. Die Erfahrung zeigt ja, dass die meisten Flüchtlinge so oder so bleiben. Es wäre darum eine verpasste Chance, ihr Potenzial nicht möglichst schnell zu nutzen.