Beobachter: Vergangene Woche informierte der Bund die Einwohner von Giffers FR, dass er in ihrem Dorf ein Asylzentrum plane. Das Vorgehen gleiche demjenigen in «einer Diktatur», klagte ein Bewohner. Ginge es nicht anders?
Denise Efionayi-Mäder: Die Asylsuchenden müssen ja irgendwohin. Die Situa­tion ist vergleichbar mit der bei einer Grossbaustelle. Die will auch niemand vor der Haustür haben. Gerade darum muss der Bund in dieser Frage von sich aus Entscheide fällen können; und seit der Asylgesetzrevision hat er auch die Kompetenz dazu. Es dürfte schwierig sein, solche Entscheide basisdemo­kratisch zu fällen. Allenfalls könnte die Dorfbevölkerung auf potenzielle Verkäufer von Liegenschaften Druck ausüben.

Beobachter: Die Bevölkerung fühlt sich überrumpelt. Was setzt man mit einer solchen Taktik aufs Spiel?
Efionayi-Mäder: Sie provoziert natürlich eine Opposition. Das ist aber nicht nur schlecht, Opposition muss sich irgendwann ausdrücken können. Vielleicht müssen die Bewohner von Giffers ihre Bedenken äussern können – und später legt sich der Frust. ­Schade aber ist, wenn gewisse Gemeindepolitiker die Situation aus­nutzen und schockierende Begriffe verwenden wie «Asylanten-Tsunami». Das schürt die Ängste nur.

Beobachter: 15 neue Bundesasylzentren sind geplant. Das Zentrum in Giffers ist das erste, bei dem die Öffentlichkeit gleich über eine konkrete Liegenschaft informiert wurde. Sollte der Bund bei den weiteren Standorten anders vorgehen?
Efionayi-Mäder: Klar ist: Wenn ein Entscheid gefällt ist, muss er so schnell wie möglich kommuniziert werden. In Giffers ist das zwei Jahre vor der Eröffnung des Zentrums geschehen – das ist doch früh genug. Die Bewohner beklagen sich, sie seien durch die Medien informiert worden. Ich verstehe, dass das nicht gut ankommt. Aber: Beriefe man eine Gemeindeversammlung ein, wäre der Entscheid auch in den Medien, bevor die Leute zusammensitzen. Ist ein Standort einmal bekannt, ist entscheidend, dass der Bund die Betroffenen möglichst früh involviert, indem er mit der Bevölkerung das Gespräch sucht und Begleitgruppen einsetzt. Nur so können Volksanliegen auf- und ernst genommen werden.

Denise Efionayi-Mäder ist Vizedirektorin des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien in Neuenburg.

Quelle: Martin Meienberger/Fresh Focus
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