Deutschunterricht, Allgemeinbildung, Einführung in die Kultur und konkrete Beratung für eine Zukunft in der Schweiz, vor allem in beruflicher Hinsicht: Seit acht Jahren bietet der Kanton Aargau ein Integrationsprogramm für junge Ausländerinnen und Ausländer an.

Doch damit soll nun Schluss sein für Schüler mit einem Ausländerausweis N – bei ihnen ist noch nicht klar, ob sie in der Schweiz bleiben werden. Landammann Alex Hürzeler (SVP) hat Anfang Juni verfügt, dass diese Jugendlichen nicht mehr am Programm teilnehmen dürfen.

So kann man laut Departement Bildung, Kultur und Sport rund eine halbe Million Franken einsparen. «Diese Zahl kann auf keinen Fall stimmen», sagt Lehrer Peter Teuscher*, der an der Kantonalen Schule für Berufsbildung (KSB) im Integrationsprogramm unterrichtet. «Das würde ja bedeuten, dass 30 Schüler eine halbe Million verschlingen. Diese Berechnung ist absurd.»

Die 17-jährige Linda* aus Togo ist seit zwei Jahren in der Schweiz. Dank ihrem B-Ausweis ist ihr zweites Jahr im Programm ungefährdet. Sie ist sehr froh um diese Chance: Sie macht zurzeit ein Praktikum in einem Kinderhort, nach Ende der Schulzeit wird sie dort eine Lehrstelle bekommen. «Wenn ich kein Deutsch könnte, wäre es für mich praktisch unmöglich, einen Ausbildungsplatz zu finden», sagt sie. «Das Jahr hier hat mir nicht nur sprachlich viel gebracht: Einmal gingen wir in die Zürcher Tonhalle. Ich finde es schön und auch wichtig, eine Ahnung von der Kultur des Landes zu haben, in dem ich jetzt lebe.»

Mitten in der Ausbildung ist Schluss

Den Angemeldeten mit Ausweis N hingegen sagte man ab. Auch wer bereits das erste Jahr absolviert hat, muss nach den Sommerferien zu Hause bleiben. «Von den momentan rund 240 Teilnehmenden betrifft diese Neuregelung etwa 30», sagt Lehrer Teuscher – und natürlich die Lehrpersonen für die zwei Klassenzüge. Die jungen Leute dürfen zwar weiterhin eine Lehrstelle oder einen Studienplatz suchen, ihre Chancen verschlechtern sich aber massiv, wenn sie nicht genügend Deutsch sprechen.

Landammann Hürzeler lässt Anfragen des Beobachters durch Kathrin Hunziker beantworten, die Leiterin der Abteilung Berufsbildung und Mittelschule. Sie erklärt, dass Kanton und Gemeinde das Programm finanzierten, weil der Bund für Leute mit Ausweis N kein Geld zur Verfügung stellt. «Die Gemeinden sind jedoch je länger, je weniger bereit, den Beitrag zu zahlen. In solchen Fällen trägt der Kanton sämtliche Kosten.» Da die Asylsuchenden keinen Anspruch auf den Kurs hätten, habe er bisher auf Grosszügigkeit beruht.

Manche anderen Kantone bieten ähn­liche Kurse an, andere nicht. Ein Anrecht darauf besteht nicht, entsprechende Bundesgelder fliessen ins Sozial- und nicht ins Bildungsdepartement – der Bund finanziert keine Bildung für Leute, die vielleicht gar nicht bleiben dürfen.

Viele finden eine Anschlusslösung

Hunziker verweist auf die «bescheidene Übertrittsquote» dieser Schüler: Sie betrage bloss 24 Prozent, die «normale» Quote liege bei 74 Prozent. Lehrer Teuscher wehrt sich: «Diese Zahlen sind völlig falsch.» Von einer Klasse mit 15 Lernenden hätten fünf eine Lehrstelle auf sicher, zwei besuchten eine Hochschule, drei bekämen ein Praktikum mit Zusicherung einer Lehrstelle für 2014. Drei steigen in einen Job ein, eine Person besucht das zweite IP-Jahr. «Damit haben 93 Prozent eine Anschlusslösung gefunden», so Teuscher. Für Frau Hunziker zählten eben nur Lehrstellen und höhere Schulen als Anschlusslösung. «Sie war nie bei uns und kennt die Inhalte des Programms kaum. So erklärt sich auch ihre Wertung der Anschlusslösungen.»

Einer, der eine Lösung gefunden hat, ist Revi*, 20. Er spricht Hochdeutsch, leise und zurückhaltend. Er hat die Zusage für eine Lehrstelle als Automobilassistent, wenn das Migrationsamt sein Einverständnis gibt. Für ihn wäre das ein riesiger Schritt: «Ich bin mit meinen Eltern hier. Jeder von uns bekommt sechs Franken pro Tag. Wäre ich nicht in die Schule gegangen, hätte ich den ganzen Tag bloss herumgesessen. Ich habe aber ein Ziel, ich möchte arbeiten.»

Bleibt zu hoffen, dass das Schwarz­peterspiel um die Kosten für Integration hinfällig wird, wenn die Neustrukturierung des Asylwesens greift. Doch bis dahin werden wohl noch einige Jahre vergehen.