Ter Apel liegt mitten im Nirgendwo. Von Amsterdam ist es dreieinhalb Stunden Zugreise sowie eine zwanzigminütige Taxifahrt entfernt. Wegweiser zum grössten Asylzentrum Hollands gibt es nicht. «Die Schlepper finden uns trotzdem», sagt Mitarbeiter Rob Klink. Nachts setzen sie ihre menschliche Fracht auf der gegenüberliegenden Seite der kaum befahrenen Stras­se ab.

Am Morgen stehen die Asylsuchenden dann vor dem Haupteingang des Gebäudes «Ebony», des dunkelbraunen Teils der Überbauung. Das andere Gebäude ist dottergelb und heisst «Ivory», in Anlehnung an Paul McCartneys und Stevie Wonders Song. «Ebony and ivory live together in perfect harmony», sangen die beiden über schwarze und weisse Klaviertasten – und meinten den Traum vom harmonischen Zusammenleben von Schwarz und Weiss.

Mitte Juni wurde bekannt, dass VBS-Chef Ueli Maurer ungenutztes Militär­gelände für ein grosses Bundeszentrum für Asylbewerber zur Verfügung stellen will. Mit einem solchen Zentrum könnte man einige Beschleunigungsmassnahmen ergreifen, die in Holland schon gang und gäbe sind. Während die Schweiz nämlich seit Jahren die gleichen Probleme wälzt und ein Asylverfahren im Schnitt 1440 Tage dauert, schaffen es die Niederländer in einem Bruchteil der Zeit: 70 Prozent der Fälle sind innert acht Tagen abgeklärt; die übrigen 30 Prozent, für die ein verlängertes Verfahren zum Zug kommt, sind spätestens nach sechs Monaten abgeschlossen.

Anzeige

Die geheime Landkarte auf dem Kissen

In Holland wird weder beschönigt noch dramatisiert. Man handelt pragmatisch. «Es ist ein grosses Katz-und-Maus-Spiel», sagt Rob Klink. Einmal zum Beispiel habe man in einem Zimmer ein Kissen mit einer rätselhaften Zeichnung gefunden. Recherchen von Geographiespezialisten ergaben, dass es sich um die Karte eines irakischen Dorfes an der Grenze zu Kurdistan handelte. Immer neue Asylsuchende hatten das Kissen benutzt, um sich auf die Befragung zu ihrem Herkunftsort vorzubereiten. Nach der Entdeckung überprüfte man sämtliche Gesuchsteller, die angeblich aus diesem Dorf stammten – es waren weit mehr, als der Ort Einwohner zählte.

Die gleichen Probleme wie die Schweiz

In Ter Apel will man die Menschen vor allem fair behandeln. Deshalb muss man zunächst herausfinden, welche Asylsuchenden wirklich an Leib und Leben bedroht sind und Anrecht auf Schutz haben. Und welche unwahre Geschichten auf­tischen. Die holländischen Beamten nennen sie «Pseudos». Das sind jene, die berichten, in ihrem Heimatort Mogadischu stünden grosse Ölcontainer am Meer – die gibt es dort schon seit Jahren nicht mehr, wie auf Google Earth klar und deutlich zu sehen ist. Oder jene, die sagen, dass sie auf der Flucht vor einem Regime in zwei Tagen von einem Dorf zu einem anderen gelaufen sind, das 400 Kilometer entfernt liegt.

Anzeige

Für die Menschen, die im Asylzentrum Ter Apel arbeiten, ist Politik kaum ein Thema. Mantraartig verweisen sie darauf, wo­rum es wirklich gehe: Holland will den echt Schutzbedürftigen Schutz gewähren und ihnen ihre Würde zurückgeben.

Das heutige Asylverfahren wurde im Juli 2010 eingeführt. Zuvor waren die Verfahren noch kürzer gewesen, dauerten im Idealfall nur 48 Stunden. Allerdings konnte nur ein Drittel der Gesuche so schnell behandelt werden. Zudem wehrten sich die Menschenrechtsorganisationen mit dem Argument, man könne die notwendigen medizinischen und psychologischen Abklärungen in einer solch kurzen Zeit gar nicht abwickeln. Bevor dieses Schnellverfahren eingeführt wurde, kämpfte Holland mit den gleichen Problemen wie die Schweiz: Die Prozesse dauerten viel zu lang. Und bis ein Entscheid zur Ausschaffung gefällt war, waren die betroffenen Familien oft schon so gut integriert, dass ein Wegweisungsentscheid nur noch schwer umzusetzen war.

Anzeige

Heute ist das Verfahren straff durch­organisiert, genügend Zeit für vertiefende Abklärungen ist aber eingeplant. Schon vor der eigentlichen Verfahrensphase, wäh­rend der sogenannten Ruhe- und Vorbereitungsfrist, findet die ärztliche Untersuchung statt. Zudem klären die Mitarbeiter des Flüchtlingsrats, der ein offizielles Mandat in Ter Apel hat, die Neuankömmlinge über Verfahren und Rechte auf.

Am Anfang des sogenannten Allgemeinen Asylverfahrens werden am Anmeldeschalter die Personalien aufgenommen. Der Grossteil der Asylsuchenden gibt an, keine Papiere zu besitzen. Man kontrolliert trotzdem, ob der angegebene Name bereits gespeichert ist oder der Asylsuchende bereits ein Verfahren durchlaufen hat. Allerdings reicht es, wenn einer ein anderes Geburtsdatum als bei der letzten Einreise angibt; schon ist das System überfordert.

Anzeige

Einmal registriert, bleibt der Asyl­suchende in Ter Apel oder wird nach zwei, drei Tagen in eines der beiden anderen holländischen Asylzentren gebracht. Ein Shuttlebus fährt täglich zwischen den Orten hin und her. In jedem der drei Zentren wohnen rund 1500 Menschen. In Ter Apel alleine kommen zurzeit jede Woche im Schnitt 180 bis 210 Personen an.

Fotoreportage der UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) Belgien im holländischen Asyl-Zentrum Ter Apel
flickr.com/...

Der grösste Arbeitgeber der Region

Die Kleinstadt Ter Apel liegt im Norden Hollands, an der Grenze zu Deutschland. 9000 Einwohner, eine lange, gerade Allee, gedrungene Häuschen in Brauntönen, weis­se Häkelgardinen in den Fenstern. Früher bewirtschaftete die Nato jene Gebäude ausserhalb des Ortes, die heute das Anmeldezentrum Ter Apel bilden. Als die Soldaten abgezogen wurden, schnellte die Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent hoch. Daraufhin legte sich der damalige Bürgermeister in Den Haag ins Zeug, um neue Arbeitsplätze herbeizuschaffen: Das Asylzentrum ist heute mit seinen knapp 900 Angestellten der grösste Arbeitgeber der Gegend. Kein Wunder, gibt es hier keinen nennenswerten Widerstand gegen das Zentrum und seine Bewohner.

Anzeige

Das Zentrum ist von einem Zaun umgeben – mit Stacheln. Die zeigen aber nach aussen, nicht nach innen. Sie sollen verhindern, dass jemand ins Asylzentrum eindringt. Kinder aller Farbschattierungen und Sprachen jagen einem Ball hinterher, die Erwachsenen stehen herum, sprechen miteinander. Es gibt hier auch einen Kindergarten, damit die Kleinen während der Befragungen nicht bei den Eltern sein müssen. Denn es kommt immer wieder zu Situationen, die für alle Beteiligten nur schwer zu ertragen sind. «Eine Mutter würde uns kaum anvertrauen, dass sie vergewaltigt worden ist, wenn ihr Kind daneben sitzt», sagt Rob Klink.

Im Innern des Zentrums ist es alles andere als gemütlich. In den engen Zimmern der Baracken schlafen jeweils vier Leute in Stockbetten, es riecht streng, die sanitären Einrichtungen befinden sich im Korridor. Dafür, dass viele Asylsuchende das Vermögen ihrer ganzen Sippe und ihr eigenes Leben riskiert haben, um nach Europa zu kommen, ist es hier wenig paradiesisch.

Anzeige

Es gibt nur eine einzige Rekursmöglichkeit

Von der ersten Anhörung, der eine maximal zwölftägige Ruhe- und Vorbereitungsfrist vorangeht, bis zum Überreichen des Asylentscheids am achten Tag gibt es keine Möglichkeit, das Verfahren zu verzögern – einzige Ausnahme ist ein Gesuch des Rechtsanwalts, wenn ein Asylbewerber zum Beispiel kurzfristig ins Spital muss. Dann kann das Verfahren auf maximal zwölf Tage verlängert werden.

Alle am Verfahren Beteiligten sind vor Ort präsent. «Wenn wir merken, dass etwas nicht optimal läuft, können wir ohne Schwierigkeiten alle mit dem Fall betrauten Personen an einem Tisch zusammenbringen und das Problem gemeinsam lösen», sagt Rob Klink. Auch für die Asyl­suchenden sind alle Wege so kurz, dass sie sie zu Fuss zurücklegen können.

Abgesehen von den Spezialisten sind alle Mitarbeiter sogenannte Case Workers: Dieselbe Person begleitet einen Prozess vom Anfang bis zum Schluss, kennt so jederzeit den Stand der Dinge und weiss auch genau, an welchem Tag welcher Arbeitsschritt fällig ist. Dieses Modell wollte die damalige Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf auch in der Schweiz durchsetzen. Das Vorhaben scheiterte aber: In der Schweiz dauern die Verfahren viel länger, jeder Mitarbeiter war dadurch für eine Unzahl von Fällen zuständig – und die Asylbewerber waren erst noch über das ganze Land verteilt.

Anzeige

Holland kennt die Schweizer Probleme aus eigener Erfahrung. «Im Jahr 2001 hatten wir einen enormen Stau von Asylgesuchen», sagt Sander van der Eijk, Sprecher des niederländischen Innenministeriums. «Damals hatten wir ein grosses Asylpro­blem, und es gab entsprechend viele Stimmen in der Bevölkerung, die sich beklagten, dass der Staat zu viel Geld für das Asylsystem aufwendet. Das Ausländergesetz, das 2001 verabschiedet wurde, war dann der Startschuss für die Verbesserungen, von denen wir heute profitieren.» Doch nicht nur Holland profitiere, auch die Asylbewerber, Kunden genannt. «Wir erheben regelmässig die Kundenzufriedenheit. Wir erhalten sehr gute Noten. Der Durchschnitt liegt bei 7,3 von 10, und dies, obwohl wir unseren Kunden sehr oft schlechte Nachrichten überbringen müssen.»

Anders als in der Schweiz haben abgewiesene Asylsuchende bloss eine einzige Möglichkeit, Berufung einzulegen. Dabei wird ihnen ein juristischer Beistand zur Verfügung gestellt. Am fünften Tag des achttägigen Verfahrens findet eine Vor­information statt, die sie anfechten können. «Zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens hat man alle Argumente gegen einen möglichen negativen Entscheid bereits zweimal angehört, die Karten liegen auf dem Tisch», sagt van der Eijk. «Wenn es ausserhalb des Verfahrens eine Beschwerdemöglichkeit gibt, macht man bloss alle Arbeit zweimal.»

Anzeige

Wird ein Gesuch abgelehnt, hat die betreffende Person vier Wochen lang Anrecht auf Kost und Logis. In dieser Zeit kann sie den Entscheid anfechten. Dann folgt unweigerlich der Landesverweis. So ist allen klar, dass sie bei Abweisung und offenen Rechtsfragen sehr rasch reagieren müssen. Das verhindert, dass sich die Gesuche stapeln – und sich abgewiesene Asylsuchende so gut integrieren, dass eine Ausweisung problematisch wird. Diese rigide Politik wurde nicht etwa von einer Rechtsregierung verabschiedet, sondern unter der Ägide von Sozialdemokraten und Liberalen.

«Das gibt manchmal Ärger»

«Wenn wir mit Hilfe des Fingerscanners herausfinden, dass jemand zuvor schon in Deutschland war, darf diese Person trotzdem ein Asylgesuch stellen», sagt Klink. Allerdings im Schnellverfahren: «Wir stellen ihnen nur drei Fragen: ‹Warum haben Sie Deutschland verlassen? Warum sind Sie nach Holland gekommen? Haben Sie etwas dagegen, wenn wir Sie nach Deutschland zurückschicken?›» Wer im Schengenraum schon einmal ein Gesuch stellte, hat kein Anrecht auf Unterkunft und Verpflegung. Er wird am nächstmöglichen Termin weggewiesen. «Das gibt manchmal Ärger», sagt Klink. «Die Leute kommen her, möchten ein Bett und Essen. Und wir geben es ihnen nicht.»

Anzeige

In Ter Apel betont man, dass die sinkende Zahl der Asylgesuche nicht oder zumindest nicht ausschliesslich auf die kurze Verfahrensdauer zurückzuführen ist. Die politischen oder demographischen Gegebenheiten in den jeweiligen Ländern hätten einen viel grösseren Einfluss. Trotzdem ist jedem hier klar: Kurze Verfahren sparen Geld, halten den Unmut in der Bevölkerung in Grenzen und machen das Schicksal der Asylsuchenden ein kleines bisschen menschlicher. Man kann das Win-win-Situation nennen. Oder einfach ein gutes Vorbild.