Mit wachsender Verzweiflung durchkämmen die Behörden die Schweiz, um Plätze für Asylunter­künfte zu finden – und stossen dabei regelmässig mit dem Kopf an. Denn die Suche ist nicht nur schwierig, weil geeignete Liegenschaften fehlen. Auch die Bevölkerung leistet immer öfter heftigen Widerstand.

Zuletzt konnte man das in der Aargauer 560-Seelen-Gemeinde Bettwil mitverfolgen. Dort kam es wegen eines geplanten temporären Asylzentrums für 140 Personen zu einem offenen Konflikt zwischen den Dorfbewohnern und dem Bund, der in einem regelrechten Bürgeraufstand gipfelte. Und bevor es im zürcherischen Eglisau so weit kam, legte der Regierungsrat von sich aus Pläne für ein Durchgangszentrum ad acta.

Das Angebot kam von der Zimmerei

Ganz anders in Zug. Hier half eine Firma der Stadt aus der Asyl-Patsche. Die im Gewerbegebiet Sumpf ansässige Zimmerei Xaver Keiser AG schlug in Eigeninitiative vor, in einem von ihr geplanten Werkstatt-Neubau auf zwei Etagen eine Asylunterkunft für 60 Personen einzurichten.

Die entsprechenden Verträge sind ­mittlerweile unter Dach. Auf dem Gelände direkt neben dem Flusslauf der alten Lorze sind bereits die Baumaschinen aufgefahren. Bis 2013 soll die Asylunterkunft bezugsbereit sein; Einsprachen gab es keine. Sowohl im Stadthaus wie auch in Zug-West bei der Zimmerei Keiser spricht man mit einem Lächeln auf den Lippen von einer «Win-win-Situation».

Für die Zuger Behörden kam das ­An­gebot aus der Privatwirtschaft gerade zur richtigen Zeit. «Wir haben intensiv nach Lösungen Ausschau gehalten, wie wir die uns zugewiesenen 122 Asylsuchenden ­unterbringen können», sagt Stadtpräsident Dolfi Müller. «Überrascht hat uns das ­Angebot daher nicht, aber sehr gefreut.» Obendrein kann die Stadt im Unter­geschoss des Neubaus noch ein Kultur­güterdepot einrichten.

Dass derart «schlank» eine Lösung gefunden wurde, ist aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit: Hätte die Schreinerei ihr Land nämlich auf dem freien Markt verkauft, hätte sie ein viel gewinnbringenderes Geschäft gemacht. Der Quadratmeterpreis beträgt im Gewerbegebiet Sumpf rund 1500 Franken. Der Verkauf allein ­hätte bei der geplanten Nutzungsfläche von 1000 Quadratmetern also 1,5 Millionen Franken in die Kasse der Firma gespült.

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Über die Jahre geht die Rechnung auf

Nur: Verkaufen wollten die Gebrüder Keiser ihr Land nie. Sie suchten vielmehr nach dem idealen Mieter, den sie in ihren Augen mit den Asylsuchenden nun gefunden haben. Urban Keiser: «Mit dem Kanton und der Stadt konnten wir einen langfristigen Vertrag auf 20 Jahre unterschreiben und ­alles en bloc vermieten.» Der Mietpreis wurde auf 240 Franken pro Quadratmeter und Jahr festgelegt.

Urban Keiser führt den Familienbetrieb seit 21 Jahren in dritter Generation zu­sammen mit seinem Bruder Gregor. Beide sind Mitglieder der örtlichen Schreiner-, Drechsler- und Küferzunft. Für das Kleinunternehmen, das den Holzbau in Eigenregie baut, geht die Rechnung langfristig auf. Der Plan für ein neues Werkstatt­gebäude schlummerte bereits seit acht Jahren in der Schublade. «Wenn ich im ersten und zweiten Stock Wohnungen für eine private Mieterschaft realisiert hätte, hätte ich die Auflage gehabt, im Untergeschoss eine Tiefgarage zu realisieren», sagt Urban Keiser. Die Kosten wären damit deutlich höher ausgefallen.

Die Idee für das Angebot, statt Wohnungen ein Asylzentrum einzurichten, ist dem Zimmermeister gekommen, als er als Präsident der Korporation Zug von der intensiven Suche der Behörden erfuhr. Keiser selber betrachtet seine Eigeninitiative als nicht aussergewöhnlich: «Vielleicht ist vor mir einfach niemand auf die Idee gekommen, weil die Vorteile auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind.»

Fakt ist, dass die Privatwirtschaft dem Staat bei der Suche nach geeigneten Liegenschaften für Asylunterkünfte nur ganz selten zu Hilfe eilt. In Zug wird zudem ­heftig gebaut – Bauland ist teuer und rar. Urban Keiser weiss das. Er weiss aber auch, dass in der Vergangenheit in seinem Betrieb rund die Hälfte der Aufträge von der öffentlichen Hand stammte. «Ich muss deshalb nicht immer warten, bis der Staat auf mich zukommt, ich kann auch einmal auf den Staat zugehen.»

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«Auf keinen Fall einfach dagegen sein»

Den erbitterten Protest gegen die Asyl­pläne in Bettwil will Urban Keiser nicht kommentieren, da die Zahlenverhältnisse mit 140 Asylbewerbern auf 560 Einwohner ganz anders seien als in Zug. Böse Briefe oder ­E-Mails aus der Bevölkerung hat der Zimmermeister keine bekommen. Auch bei ihm selber herrscht Zuversicht: «Ich bin sicher, dass ich mit den Asylbewerbern und dem Kanton und der Stadt nicht mehr Probleme habe als mit normalen Mietern.»

Kein Bauchweh bereitet die geplante Asylunterkunft auch dem direkten Nachbarn Beelk Services AG, die dem Vorhaben zustimmen musste. Daniel Merz von der Geschäftsleitung erachtet es im Gegenteil als sehr wichtig, dass man einem solchen Projekt nicht im Weg steht, da die Behörden auf Lösungen angewiesen seien. Seine Devise lautet: «Zuerst einmal abwarten und schauen und auf keinen Fall von Anfang an einfach nur dagegen sein.»

Weder in der Nachbarschaft noch im Zimmereibetrieb wurde gegen das ge­plante Asylzentrum opponiert – vielleicht auch deshalb, weil die Stadt frühzeitig eine Informationsveranstaltung angesetzt hatte. Stadtpräsident Müller attestiert Zug denn auch eine gute Diskussionskultur: «Hier sind wie anderswo viele Emotionen bei den Diskussionen um geeignete Asylbewerberunterkünfte mit im Spiel. Aber es wird gleichzeitig auch immer Fairness an den Tag gelegt.»

Der Stadtpräsident hat selber unterschiedliche Erfahrungen gemacht mit der Akzeptanz von Asylzentren in den verschiedenen Quartieren der Stadt. Bei der geplanten Unterkunft im Gewerbegebiet Sumpf wie auch im seit zwei Jahren betriebenen Zentrum auf dem Areal des ehemaligen Kantonsspitals sei wenig Opposition aus der Bevölkerung auszumachen gewesen. Anders bei der befristeten Zwischennutzung im ehemaligen Altersheim Waldheim: Hier kam es zu Beschwerden aus der Nachbarschaft, vor allem aufgrund der Umnutzung und der Sicherheit. «Die Angst der Quartierbewohner wurde ernst genommen, und wir haben mit den Beschwerdeführern intensive Gespräche geführt», sagt Müller. Am Ende resultierte ein Vergleich: Im «Waldheim» wohnen in ­Zukunft nur Personen, die noch keinen rechtskräftigen negativen Asylbescheid erhalten haben, ausserdem soll eine 24-Stunden-Betreuung die nötige Sicherheit und Ruhe im Quartier garantieren.

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Im richtigen Moment informieren

Ein allgemeingültiges Rezept für eine ­erfolgversprechende Kommunikation mit den Bürgern im Zusammenhang mit Asylunterkünften kennt indes auch der Zuger Stadtpräsident nicht. Er ortet ein Dilemma: «Ein Projekt, das noch nicht reif ist, kann man nicht kommunizieren, weil sonst der Vorwurf fällt, dass es nicht zu Ende gedacht wurde. Und wenn das Projekt spruchreif ist, wird oft beanstandet, man habe die ­Sache zu lange unter Verschluss gehalten.» Auch die Zuger Behörden sind beim «Waldheim» dafür kritisiert worden, die Bevölkerung zu spät informiert zu haben.

Der Schriftsteller Victor Hugo sagte einmal: «Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.» Eines scheint klar: Nachahmer der Initiative des Zuger Gewerblers würde man bei den zuständigen Behörden landauf, landab mit offenen Armen empfangen.