Der Zürcher Stadtrat will mit dem Segen des Kantons in vorauseilendem Gehorsam die asylpolitischen Ziele des Bundes für eine straffere und effizientere Asylpolitik erfüllen und ein Zentrum für 500 Flüchtlinge übernehmen. Das ist sehr ehrenvoll. Es mag aus politischen Gründen auch wünschbar und sogar richtig sein.

Sachlich ist der Entscheid jedoch falsch.

Denn Zürich will das Bundeszentrum mitten in der Stadt erstellen, im boomenden Kreis 5. Das ist aus mehreren Gründen unsinnig.

  • Erstens ist es absurd, auf dem teuersten Pflaster der Schweiz Wohnraum für Flüchtlinge bereitzustellen, während andernorts mit demselben Geld dreimal soviel Unterkünfte betrieben werden könnten.
  • Zweitens ist es ein Schildbürgerstreich, Flüchtlinge aus ärmsten Ländern mitten in der Ausgehmeile der grössten Schweizer Stadt zu platzieren, wo die Versuchungen am grössten sind, wo Sex und Drogen feilgeboten werden, wo die Gefahren des Abgleitens in die Kriminalität stets präsent sind.
  • Drittens kommt das geplante Zentrum unmittelbar neben die neue Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zu liegen, in der schon ab Spätsommer dieses Jahres rund 5000 Studentinnen und Studenten ein- und ausgehen werden. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erahnen, was für Probleme und Auseinandersetzungen dem Kreis 5 in nächster Zeit drohen werden.

Doch sämtliche Kritikpunkte werden heruntergespielt oder bestritten. Auch die Medien scheinen mehrheitlich nur dankbar zu sein, dass die grosse Stadt Zürich ihren Teil zur Lösung des Asylproblems übernehmen will. Vor lauter staatstragender Begeisterung darüber geht jede vernünftige Analyse vergessen.

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So kann Stadtrat Martin Waser (SP) der Bevölkerung und den Medien unwidersprochen erzählen, die Stadt spare mit dem neuen Zentrum eine Million Franken jährlich, weil der Bund die Betreuung dieser Flüchtlinge bezahle. Wenn man das schon ökonomisch betrachten will - was man nicht muss! - dann müsste man dem angeblichen Sparbetrag im Asylbereich die möglichen Einnahmen gegenüber stellen, die mit einer andern Nutzung dieses Areals an teuerster Lage erzielt werden könnten. Doch davon erfährt die Öffentlichkeit kein Wort.

Beim Thema Sicherheit soll zwar ein strenges Regime und eine Ausgangssperre am Abend dafür sorgen, dass die Asylbewerber möglichst nicht in den Sog der Ausgehszene geraten. Doch es braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, wie anziehend dieser vibrierende Stadtkreis auf Flüchtlinge aus zum Teil ärmsten Ländern trotzdem wirken muss. Für ein Bundeszentrum für Hunderte Asylbewerber aus gänzlich anderen Kulturen würde sich ein Standort an abgelegenerer Lage aus den erwähnten Gründen deutlich besser eignen. Mit dem Geld, das dadurch eingespart werden könnte, liessen sich Trägergemeinden ausserdem anständig entschädigen.

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Wohlverstanden: Es geht hier nicht um Populismus oder um St. Florianspolitik. Die neue Asylpolitik des Bundes mit beschleunigten Verfahren und einem Testzentrum für diese Abläufe ist vielmehr absolut unterstützungwürdig. Aber es ist aus grundlegender Sicht falsch, Asylbewerber mitten in teuren Städten unterzubringen, wo die Kosten dafür viel zu hoch sind und das Umfeld komplett ungeeignet ist.