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Augenzeuge Fernand Melgar«Wir lassen nicht locker»

Erst filmte Fernand Melgar den Iraker Fahad Khammas bloss für seinen aktuellen Kinofilm – nun kämpft der Lausanner Regisseur um das Leben des jungen Asylsuchenden.

«Im Moment sind wir in der Schweiz dabei, sämtliche Türen für Schutzsuchende zu verriegeln»: Fernand Melgar, Regisseur
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Natürlich fiel ich aus allen Wolken. Fahad Khammas hatte ich vor rund einem Jahr bei den Dreharbeiten für meinen Film «La Forteresse» kennengelernt, im Empfangszentrum für Asylbewerber in Vallorbe. Ich war davon ausgegangen, dass er Asyl erhalten würde. Sein Dossier war solid, Fahad konnte alles belegen: dass er im Irak 18 Monate als Übersetzer für die US-Truppen gearbeitet hatte, dass er deswegen Morddrohungen von islamischen Milizen erhalten hatte. Dass der Irak für ihn zum lebensgefährlichen Pflaster geworden war. Fahad brauchte Schutz, und ich war überzeugt, dass die Schweiz ihm diesen Schutz gewähren würde. Und dann, am Morgen des 27. Februar, rief er an und sagte: «Sie bringen mich weg, ich weiss nicht wohin.»

Ich versuchte herauszufinden, was passiert war, sprach mit Fahads Anwältin, die ebenso überrascht war. Bald war klar: Fahad sollte nach Schweden zurückgeschafft werden. Er hatte dort 2007 einen Asylantrag gestellt und kam erst in die Schweiz, als Schweden darauf nicht eintrat. Die Schweiz berief sich nun auf das Abkommen von Dublin: Dieses besagt, dass immer jenes Land für einen Asylsuchenden zuständig ist, in dem er zuerst um Asyl bittet. Das Problem dabei: Anders als die Schweiz hält Schweden den Irak für einen sicheren Staat. Mir war klar, dass ich Fahads Abschiebung verhindern musste. Wäre Fahad erst einmal in Schweden, sässe er bald in einem Flugzeug nach Bagdad – und flöge in den sicheren Tod. Beispiele gibts genug von Übersetzern wie Fahad. Sie kommen in Bagdad an und werden häufig schon am Flughafen festgenommen. Ihre Familien müssen Lösegeld bezahlen, die Heimkehrer werden trotzdem umgebracht. Die Familie bezahlt dann erneut, um wenigstens den Kopf des Sohnes zu erhalten.

Der Irak wäre sein sicherer Tod: Fahad Khammas, Szene aus dem Dokumentarfilm «La Forteresse»
Quelle: Yann Mingard

Er schrie, schrie und weinte, voller Panik

Plötzlich hatte ich eine andere Rolle als bisher. «La Forteresse» hatte ich als Filmemacher gedreht, als neutraler Beobachter, der aufzeichnet, was in einem Empfangszentrum geschieht. Jetzt aber war ich kein Filmemacher mehr – ich war Bürger. Bürger eines Rechtsstaats und der Überzeugung, dass gerade ein Unrecht geschah. Und: Ich wollte einem Freund helfen. Ja, dieser 24-jährige Physikstudent aus Bagdad ist mir zum Freund geworden. Er ist einer der aufrichtigsten Menschen, die ich kenne.

Fahad sollte am 2. März nach Stockholm fliegen, mit einem Linienflug der Swiss ab Zürich, um 6.50 Uhr morgens – obwohl ein Rekurs gegen die Ausschaffung hängig war. Morgens um zwei fuhr ich in Lausanne los. Am Flughafen verteilte ich Flugblätter an die wartenden Passagiere, um sie darüber aufzuklären, was gerade geschah. Später im Flugzeug müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben: Polizisten brachten Fahad an Bord, an Händen und Füssen gefesselt. Wehren konnte er sich nicht, nur schreien. Also schrie er, schrie und weinte, voller Panik. Schliesslich weigerte sich der Pilot zu starten. Zuvor waren mehrere Passagiere zu Fahad hingegangen, um zu fragen, was da vor sich gehe. Auch zwei Kinder – wer weiss, was sich die gedacht haben.

Wir hatten vorerst gewonnen: Das Bundesverwaltungsgericht verbot die Ausschaffung wegen des hängigen Rekurses, Fahad blieb im Land. Allerdings unter furchtbaren Bedingungen: Er kam in Isolationshaft, konnte tagelang weder seine Anwältin noch einen Arzt kontaktieren, durfte seine Zelle nur eine Stunde am Tag verlassen. Vertreter von Amnesty International und ich beschlossen, alles zu tun, um ihm ein Bleiberecht in der Schweiz zu verschaffen. Wir hatten gar ein Gespräch mit Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, ein sehr gutes Gespräch. Es nützte nichts: Am 2. April wurde mein Freund Fahad nach Stockholm ausgeflogen – mit einer Spezialmaschine diesmal.

Fahad ist nun im schwedischen Asylverfahren, das kann bis zu einem Jahr dauern. Wir lassen nicht locker. Wir haben Geld gesammelt und einen schwedischen Anwalt engagiert. Bea Cuttat, die Leiterin des Filmverleihs «Look Now!», ist nach Stockholm geflogen, hat eine Wohnung für Fahad gemietet. Das ist wichtig. Hat er keine Bleibe, wird er in ein Asylzentrum im hohen Norden verfrachtet, wo es kaum Anwälte gibt, die sich für ihn einsetzen können. Ich rufe ihn jeden Tag an. Es geht ihm gut. Aber unser Anwalt geht davon aus, dass ihn Schweden ausweisen wird, trotz allem.

Es geht um Schicksale, nicht um Zahlen

Mir ist klar: Wir können die Schweiz nicht für alle Menschen öffnen. Aber ich will, dass die Schweiz sich an ihre Grundwerte erinnert. Unser Land ist Depositarstaat der Genfer Konventionen, es hat das Rote Kreuz hervorgebracht. Solidarität mit den Schwachen und eine humanitäre Tradition gehören zu den Grundpfeilern unserer Nation. Wir dürfen diese Werte nicht verraten. Im Moment sind wir dabei, sämtliche Türen für Schutzsuchende zu verriegeln. Ich mache niemandem einen Vorwurf, ich bin auf niemanden wütend. Eveline Widmer-Schlumpf macht bloss ihre Arbeit, sie setzt das verschärfte Asylrecht durch, das das Volk im Juli 2006 beschlossen hat. Und das Volk hat die Verschärfung gutgeheissen, weil ihm rechte Kreise Angst eingeredet haben. Die Schweizer sind nicht fremdenfeindlich, aber sie haben nicht bedacht, dass es im Asylwesen nicht nur um Zahlen und Quoten geht, sondern auch um Schicksale wie jenes von Fahad.

Ich weiss nicht, was ich tun werde, wenn die Schweden Fahad in den Irak zurückschicken. Ich weiss nur: Ich werde nicht zulassen, dass er dort umgebracht wird. Mir wird schon etwas einfallen.

Veröffentlicht am 27. April 2009