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Augenzeuge Manuel Bauer«Ich bin nicht neutral»

«Ich bin nicht neutral»
Bild: Markus Bühler-Rasom

Der Winterthurer Fotograf Manuel Bauer, 42, hat unter Lebensgefahr Tibeter auf ihrer Flucht über den Himalaja begleitet. Zum 50. Jahrestag des Aufstands gegen die Chinesen am 10. März erscheint die Reportage als Buch – und als fotografischer Hilfeschrei.

von Helmut Stalder

Ja, sie war gefährlich, diese Flucht von Lhasa über den 5716 Meter hohen Nangpa-Pass nach Dharamsala in Nordindien. 22 Tage zusammen mit dem Vater und seiner sechsjährigen Tochter. Die Kälte, die Stürme, die Nächte im Biwaksack, kaum Essen und Wasser, die ständige Angst vor den chinesischen Patrouillen, die aus der Ferne schiessen. Das war 1995. Ich bin bis heute weltweit der einzige Fotograf, der eine solche Flucht vollständig dokumentiert hat. Aber ein Held will ich nicht sein. Ich habe es nicht fürs Ego getan oder um berühmt zu werden, sondern für die Menschen in Tibet, die seit Jahrzehnten unsäglich leiden unter der chinesischen Besatzung.

Ich hatte Werbefotograf gelernt, habe den Kommerz bedient und Dinge fotografiert, die ich nie kaufen würde. Dabei war ich immer sozial engagiert. Irgendwann ging das nicht mehr auf, dieses Feierabend-Engagement zur Kompensation von schlechtem Gewissen. Ich wechselte in den Fotojournalismus, reiste nach Indien, kam mit Flüchtlingen zusammen und begann 1990, Tibeter im Exil zu fotografieren. Von Anfang an verstand ich mich als sozialdokumentarischen Fotografen – «concerned photojournalism», das wollte ich tun. Ich engagiere mich mit meiner Fotografie, ich bin nicht neutral. Das darf man wissen, das soll man sehen. Mein Herz ist bei den Tibetern. Ich wusste, dass ich nie die Gräuel zeigen kann, Folter oder sexuelle Misshandlungen von Nonnen in chinesischen Gefängnissen oder Zwangssterilisationen. Ich erfuhr aber, dass jedes Jahr Tausende von Tibetern aus dem Land flüchten. Da sagte ich mir: «Wenn es mir gelingt, eine solche Flucht zu dokumentieren, wenn ich belegen könnte, dass die Tibeter ihr Leben riskieren, um wegzukommen, dann würde das beweisen, dass in diesem Land Schlimmes passiert.»

Alle waren nervös – ausser der Dalai Lama

Erst zögerte ich, weil ich als Profi fürchtete, in einem besetzten Land keine guten Bilder zustande zu bringen. Ein Jahr lang habe ich mich vorbereitet, mich informiert, wo die Fluchtwege verlaufen, wie die Schlepper organisiert sind, wie ich Kontakt zu Flüchtlingen erhalte und ihr Vertrauen gewinne. Ich musste wegen der vielen Spitzel sehr vorsichtig vorgehen, aber dann fand ich den Vater und das Mädchen. Das gab mir die Gewissheit, dass wir es schaffen. Es kann ja nicht sein, dass das Schicksal es jetzt vorsieht, mich auf dem Pass sterben zu lassen, glaubte ich. So gingen wir zu dritt und ohne Hilfe, bis 16 Stunden pro Tag, bis zur Erschöpfung. 

Unterwegs zerbrach bei mir auch die Illusion vom objektiven Fotojournalismus. Zunächst fotografierte ich, als wäre ich nicht Teil der Geschichte. Aber wir waren auf Gedeih und Verderb eine Schicksalsgemeinschaft. Deshalb kann solche Fotografie nicht distanziert sein. Ich hatte Mitleid mit den Menschen, und ich litt mit ihnen. Es war meine Entscheidung und für mich eine menschliche Selbstverständlichkeit – und nichts im Vergleich zu dem, was den Tibetern Tag für Tag aufgezwungen wird.

Das zweite Projekt war das langfristige Bilderporträt des 14. Dalai Lama. Ich traf ihn 1990. Er sollte damals kurz nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an der Universität Zürich sprechen. Plötzlich musste die Uni wegen einer Bombendrohung evakuiert werden. Alle waren nervös – ausser der Dalai Lama. Er war völlig ruhig, sogar heiter. Das hat mir imponiert. Ich merkte, dass eine wirkliche Weisheit in diesem Mann steckt, der in einer solchen Lage seine Philosophie der Gelassenheit leben kann. 

Ich habe dann über Jahre das tibetische Exil fotografiert. Der Dalai Lama kam immer wieder vor, aber es ging nie um seine Person. Wahrscheinlich wurde jedoch damals die Idee angelegt für das Projekt. Ich trug sie lange mit mir herum und glaubte nicht, dass sie realisierbar wäre. Doch dann war es wie im Märchen: Innerhalb von drei Wochen hatte ich sein Einverständnis. Ich hatte argumentiert, es gebe viele Bedürfnisse, Seine Heiligkeit auf Fotos zu sehen, denn es gibt eine sinnstiftende Kraft des Bildes. Und es sei klüger, wenn das jemand ernsthaft und über eine lange Zeit mache. Ich konnte ihn drei Jahre lang begleiten, auf 40 Reisen in fast alle Kontinente.

2001 fotografierte ich ihn in offiziellen Rollen, aber dann liess er mich auch an privaten Momenten teilhaben. Einmal fragte ich, ob ich zu stark störe. Kein Problem, sagte er, er ignoriere mich einfach. Der Dalai Lama betet jeden Morgen für jedes fühlende Wesen im Universum – nur mich ignoriert er. Für den Fotografen war das perfekt, um möglichst authentische Bilder zu bekommen. Er hat alle gesehen und kein einziges zurückgezogen. Gerade jene, die ihn von der menschlichen, alltäglichen Seite zeigen, etwa im Leibchen, beim Frühstück oder beim Meditieren, begrüsste er, denn er sieht sich als einfacher Mönch und möchte sich nicht über andere erheben.

Jetzt, 2009, kommt alles zusammen. Am 10. März 1959 begann der Volksaufstand in Tibet. Vor 50 Jahren musste der Dalai Lama vor den Chinesen ins Exil fliehen. Und bis heute reisst der Flüchtlingsstrom nicht ab. Ich fühle mich verpflichtet, etwas zu tun. Darum die Vorträge und die neuen Bücher. Ob solche Fotografie etwas bewirkt, weiss ich nicht. Ich hoffe es. Die Bilder der Flucht gingen um die Welt und haben sich vielleicht in einigen Köpfen festgesetzt. Aber so oder so: Ich muss einfach tun, was richtig ist. 

Manuel Bauer tourt vom 9.3. bis zum 1.4.09 mit dem Vortrag «Flucht aus Tibet» durch die Schweiz. Sein Fotoband «Flucht aus Tibet», 208 Seiten, rund 48 CHF, und das Buch «Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht. 12 Lebensgeschichten» mit 118 Fotos und Texten von Christian Schmidt, 256 Seiten, rund 44 CHF, sind soeben im Limmat-Verlag erschienen.

Veröffentlicht am 2009 M03 03