Mein gutes Deutsch hat mit der Behinderung meines neunjährigen Sohns Eymen zu tun. Als er zwei Jahre alt war, merkte ich, dass er mich nicht verstand. Glück im Unglück, dass an einem Ohr die Taubheit durch eine Operation behoben werden konnte. Das Verstehen aber musste Eymen in der Therapie und mit mir lernen. Für mich hiess das: Gespräche mit Ärzten, Krankenschwestern, Logopädinnen, Audiopädagoginnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen - alles auf Deutsch.

Zum ersten Mal Kontakt mit einer Schweizerin hatte ich an meinem Wohnort in Horgen. Sie wohnte nebenan und war uns verschiedentlich behilflich. Einmal klingelte sie am Abend und unterhielt sich mit meinem Mann Ehsan. Eine Frau, die weder aus einer verwandten noch befreundeten Familie stammte, suchte das Gespräch mit meinem Mann! Ich war vor den Kopf gestossen und wurde eifersüchtig. Ich sagte Ehsan eines Tages, es reiche jetzt, die Kontakte mit dieser Person müssten sofort aufhören. Doch er belehrte mich, dass dies in der Schweiz halt möglich sei; diese Frau habe kein Auge auf ihn geworfen. Es sei auch normal, wenn mich andere Frauen auf der Strasse grüssen würden, und ich hätte den Gruss zu erwidern.

«Mein Haar bedecke ich - wie Maria»
Das ging ja noch an. Als mich jedoch zum ersten Mal ein Mann grüsste, verlor ich fast die Fassung. Kurze Zeit später streckte mir ein Mann sogar seine Hand zum Gruss entgegen - und verwirrte mich damit komplett. Unser muslimischer Geistlicher hat mich dann beruhigt: In Ausnahmefällen dürfe ich einem Mann die Hand geben. Meine Haare bedecke ich aber nach wie vor. Maria, die Mutter von Jesus, hat ja auch immer einen Schleier getragen.

Von den Freiheiten, die für Schweizer Frauen selbstverständlich sind, hatte ich keine Ahnung. Ich kam als 16-Jährige hierher und hatte zuvor bei meiner Familie in Karbala, im Südirak, gelebt - von den hiesigen Bräuchen wusste ich nichts. Zudem standen meine persönlichen Probleme im Vordergrund: Unmittelbar nach der Einreise heiratete ich Ehsan, den ich zuvor nie gesehen hatte. Meine Schwiegermutter hatte die Heirat arrangiert. Ehsan musste die Heimat während des ersten Irakkriegs verlassen. Für mich wurde es dann 1996 ratsam, zu gehen: Die Polizei verdächtigte meinen Vater, die Opposition gegen Saddam Hussein zu unterstützen.

Neben Eymens Behinderung trugen die Aktionen der Kirchen und der Gemeinde viel dazu bei, dass ich mich hier integrieren konnte. «Z’Gascht bi…», hiess die letzte Aktion: Schweizer Familien luden Ausländer ein und umgekehrt. Ich kochte für ein Paar und seine drei Kinder irakische Spezialitäten. Unser Tisch war allerdings zu klein für neun Personen, und so behalfen wir uns, wie man das im Irak bei grossen Einladungen macht: Wir assen auf dem Fussboden. Eine wirklich irakische Einladung war es aber nicht. In meiner Heimat ist es Brauch, dass bei Besuchen von nicht verwandten Familien die Männer separiert von Frauen und Kindern essen.

Die Schweizer Familie bewirtete uns später mit Pflaumenkuchen. Wir waren froh, dass sie Rücksicht nahm auf unser Gebot, nur geschächtetes Fleisch zu essen. Das Interesse, das die Leute hier für mein persönliches Schicksal und für das Leben im Irak aufbringen, beeindruckt mich: Wir sprechen über Lebensgewohnheiten und Alltagsprobleme. Und ich beantworte viele Fragen über das Leben unter Saddam Hussein und während des Kriegs. Ich schätze dieses politische Interesse sehr.

«Wir Iraker sind Opfer des Terrors»
Nach dem 11. September 2001 hat sich die Stimmung in der Schweiz gegenüber uns Muslimen verändert. Einige Leute haben sogar den Kontakt mit mir abgebrochen: Sie werfen Araber, Iraker, Islamisten und Al-Qaida-Terroristen in denselben Topf. Ich weise aber immer wieder darauf hin, dass gerade wir Iraker die primären Opfer dieses Terrors sind. Doch inzwischen flacht das Misstrauen allmählich ab, und ich muss mich als Muslimin und Kopftuchträgerin nicht mehr stets rechtfertigen.

Für mich sind die Al-Qaida-Anhänger keine Muslime. Der Koran befiehlt niemandem, Andersgläubige zu töten. Er verlangt auch nicht die Unterdrückung von Frauen. Und seit es im Irak Schulbildung auch für Mädchen gibt, können wir Frauen den Koran selber lesen und sind nicht mehr auf die Auslegung der Männer angewiesen. Klar ist auch, dass Muslime und Christen friedlich zusammenleben können.

Hier in Horgen gefällt es uns sehr gut. Meine irakischen Freundinnen sagen oft, ich solle doch zu ihnen nach Zürich ziehen. Der Kontakt mit Landsleuten wäre sicher angenehm, doch ich lebe in der Schweiz und will die Kontakte mit den Schweizerinnen vertiefen. Das heisst nicht, dass ich auf meine Wurzeln verzichte. Wie das im Irak die Regel ist, werde ich für meine beiden Söhne einmal Ehefrauen suchen. Die Entscheidung wird aber bei ihnen liegen.

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