Innerhalb von sechs Wochen verzeichnete das Beobachter-Forum 1049 Voten – so viele wie nie zuvor. Heidi Schär Sall und Daniel Stutz betreuen in Zürich Asylsuchende mit psychischen Schwierigkeiten. Das Leiterteam des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums erschrak über Tonfall und Wortwahl im Internetforum.

@ «Die Zeit für Toleranzparolen ist vor-

bei!» – «Ich Rassist? Geh du hinter den Mond und bleib dort! Danke!» – «Ach wie toll ist es, mit einer Multikultibande in einem Haus zu vegetieren!»

Heidi Schär Sall: Die Diskussion ist heftig. Wer heute offen erklärt: «Ich habe Probleme mit den Fremden!», bewegt sich auf einem gefährlichen Parkett. Er bekommt oft zu hören: «Wenn es hier Probleme gibt, dann ist es deines! Fremdenhasser!» Ich finde, man muss Frustrationen ernst nehmen, man darf die Leute nicht allein lassen mit diesem Gefühl. Das Beobachter-Forum zeigt, wie gross das Bedürfnis danach ist.

Daniel Stutz: Wer sich keine teure Wohnung leisten kann, wer Tür an Tür lebt mit Menschen, die er als sehr laut empfindet, hat es schwieriger, einen guten Ton mit Fremden zu finden. Toleranz ist auch eine Statusfrage. Wer selber in einer unsicheren Situation ist, hat es schwerer, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen.

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«Solidarität», «Classe politique», «Kuhalition»: Im Internetforum überschlugen sich die schrillen Worte. Durchsucht man die Diskussion nach Begriffen, findet man das Wort «wir» 1035-mal. «Schweiz/Schweizer» taucht 1324-mal auf, «Ausländer/ Ausland» 1231-mal.

Eine Frau aus dem Kosovo erklärt, sie habe sich «total in der Schweiz integriert». In ihrer E-Mail finden sich Rechtschreibfehler.

Ein Schweizer, der sich «Lehrer» nennt, antwortet ihr, bei so vielen Schreibfehlern könne sie nicht integriert sein. Auf den «Lehrer» wiederum reagieren acht Landsleute. Sie sind empört, weisen auf die Tippfehler von «Lehrer» hin und prangern ihn als «Bünzli» und «Kleinkrämer» an.

@ «Lieber einen stinkenden Ausländer als eine doofe Schweizerin!» – «Die Schweizer sind dem Untergang geweiht!» – «Ich stelle fest, dass es an diesem Nest nicht mehr viel zu beschmutzen gibt.»

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Daniel Stutz: Es wird über weite Strecken gar nicht mehr vom Fremden geredet: Die Schweizer machen sich gegenseitig fertig. Sie nennen sich «Nestbeschmutzer», «Faschisten», «Fremdenhätschler». Sie fassen zusammen: «Ihr seid das Problem!» Andere antworten: «Nein! Genau ihr seid das Problem!» Es ist, als ob da ein regelrechter Familienstreit in Gang wäre. Das Fremde ist nur der Aufhänger. Aber eigentlich gibt es sehr viel, das im Haus brodelt. Auseinandersetzungen dieser Art sagen mehr über das Eigene aus als über das Fremde.

Heidi Schär Sall: Widersprüche sind auch als Kind, im kleinen Kreis schwer auszuhalten. Der Vater sieht es anders als ich oder die Schwester. Gleichzeitig muss – nach aussen hin – in meiner Familie alles gut sein. Das Böse wird ausgelagert.

Daniel Stutz: Der Versuch, den vertrauten Kreis intakt zu halten, scheitert in dem Forum. Trotzdem tun alle Beteiligten so, als seien die Schweizer eine Familie.

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@ «Ich bin seit zwölf Jahren Polizist, und ich hätte wirklich Lust, ein Albaner-Shooting zu betreiben.» – «Diese Leute können einem das Leben zur Hölle machen, zur Hölle, sag ich dir.» – «Helft mit, die Schweiz zu retten!»

Daniel Stutz: Das «Fremde» betrifft alle Menschen. Die Auseinandersetzung damit ist für die menschliche Psyche zentral.

Die Beziehung zum Fremden bleibt aber ein Leben lang etwas Ambivalentes, löst gegensätzliche Gefühle aus, hat zwei Seiten. Man kann fasziniert sein davon, man kann es idealisieren oder entwerten und dämonisieren. Ist es bedrohlich oder ist es wunderbar? Das Fremde stellt das Eigene in Frage – aber es bietet auch die Möglichkeit, über das Eigene hinauszukommen. Widersprüchliche Gefühle sind schwer auszuhalten. Es wird einfacher, wenn man sich für eine Seite entscheidet.

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Heidi Schär Sall: Dies ist der eine Aspekt, auf der psychischen Ebene. Ein weiterer spielt sich gesellschaftlich ab. Heute kann sich keine Nation, keine Gesellschaft als abgeschlossene Einheit sehen, die friedlich existieren kann – unangefochten davon, was sonst geschieht in der Welt. Alles kommt zu uns. Wir sind immer mehr auch mit üblen Geschichten konfrontiert, die auf der Welt geschehen. Da können wir nicht ausweichen. Wenn jemand aus einem Kriegsgebiet kommt, nimmt er den Krieg im Innern mit.

@ «Das Niveau hier ist äusserst tief und neigt zur Primitivität.» – «Ich dachte immer, der Beobachter und seine Leserschaft seien tolerant. Was ich hier zu sehen bekomme, schockiert mich.» – «Ich mag nicht weiterlesen. Es reicht.»

Heidi Schär Sall: Der Jargon hat mich verblüfft. So redet man nicht mit Menschen, die man nicht kennt. Hier sind Fremde, die miteinander kommunizieren – sie tun aber so, als wären sie sich seit langem vertraut. In Briefform oder gar im persönlichen Gespräch würde niemand so gnadenlos werden. Das liegt nicht nur am Internet. Das hat auch mit dem Thema zu tun.

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Daniel Stutz: Meine Bilanz? Der Ton macht mir Angst. Er zeigt einerseits, wie vernachlässigt das Thema Fremde ist. Aber auch, wie schwierig es ist, darüber zu reden, ohne dass enorm viele Aggressionen freigesetzt werden. Wenn die Worte, die hier fallen, zu Taten würden, dann käme es wohl zum Bürgerkrieg.