Das Drama aus Graubünden sorgte in der ganzen Schweiz für Schlagzeilen: Am 25. Oktober 2005 stürmten 15 schwer bewaffnete Polizisten das Haus des Kosovaren Selman Kolic, rissen Frau und Kinder aus dem Schlaf und schafften sie in den Kosovo zurück. «Ein übliches Vorgehen», wie Martin Haltiner, Leiter der Abteilung Fremdenpolizei, in der Lokalpresse erklärte.

Inzwischen wurde der Entscheid korrigiert. Laut Bündner Behörden bietet Selman Kolic erst jetzt – als Schulabwart in Wiesen GR – Gewähr, dass seine Familie die Fürsorge nicht beanspruchen wird. Die Pointe des Entscheids: Kolic wird die Ausschaffungskosten selbst berappen müssen. Regierungsrat Martin Schmid: «Die Familie hat diese Kosten verursacht und wird sie also auch übernehmen.»

«Zynisch» nennt der in Zürich lebende Bündner Anwalt Marc Spescha diese Argumentation. Der Spezialist für Ausländer- und Asylrecht ist in den Fall Kolic nicht involviert. «Die Kantonalbehörden haben in diesen Belangen sehr viel Ermessensspielraum. Dieser wurde hier äusserst rigide angewendet. Der Grundsatz der Verhältnismässigkeit hätte einen anderen Entscheid nahe gelegt.»

Fast 20 Jahre ohne jegliche SozialhilfeTatsächlich: Auf diese Ausschaffung hätte verzichtet werden können, denn das Fürsorgerisiko war gebannt. Selman Kolic hatte während fast 20 Jahren kein einziges Mal Sozialhilfe beansprucht, und seine Frau hatte überdies ein Stellenangebot.

Das Vorgehen wirft auch verfahrensrechtliche Fragen auf. Das Urteil, auf das sich die Ausschaffung stützte, blieb eineinhalb Jahre lang ohne Folgen. Für die Nacht-und-Nebel-Aktion existierte laut Kolics Anwalt kein einsprachefähiger Entscheid.

Laut Statistik ist die Ausschaffungspraxis in den Kantonen Graubünden, St. Gallen und Thurgau am strengsten – sehr viel offener sind Basel, Genf, Neuenburg und Waadt. Anwalt Marc Spescha: «Die Bündner erleben eine multikulturelle Realität. Da hätte ich etwas mehr Weltoffenheit erwartet.»