Der Kosovo feiert seine Unabhängigkeit, doch Merita Pecelj (Name geändert) ist nicht nach Jubeln zumute - im Gegenteil: Die 19-Jährige wurde nach acht Jahren Aufenthalt in der Schweiz ausgewiesen und musste am 23. Februar 2008 in den Kosovo, das Land ihrer Vorfahren, abreisen. Ab dem elften Lebensjahr war Wolhusen im Kanton Luzern ihr Zuhause.

Als Merita, ihr Vater und die Stiefmutter Mitte 2006 den Brief mit der Ankündigung erhalten, dass sie ausreisen müssen, ist sie noch knapp minderjährig. Der Vater geht seit Jahren keiner Arbeit nach. Ein psychiatrisches Gutachten hält fest, dass er «die Familie terrorisiert» und die Bereitschaft fehle, «sich wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren». Meritas volljährige Brüder sind von zu Hause ausgezogen. Ihre Gesuche um eine Aufenthaltsbewilligung wurden problemlos anerkannt, und rasch fanden sie Arbeit. Doch Merita muss stattdessen beim Vater ausharren.

Erst im August 2006 - nach ihrem 18. Geburtstag - hätte auch Merita ein eigenes Gesuch einreichen dürfen. Doch die Luzerner Migrationsbeamten sind schneller: Wenige Wochen vor ihrer Volljährigkeit weisen sie sie zusammen mit Vater und Stiefmutter aus.

Walter Haas, Abteilungsleiter Amt für Migration des Kantons Luzern, räumt ein, dass man heute anders vorgehen würde: «Heute würden wir warten, bis Frau Pecelj volljährig ist, und sie eigenständig beurteilen.»

«Das Vorgehen befremdet»
Die Kehrtwende kommt nicht von ungefähr, sondern aufgrund eines Urteils des Verwaltungsgerichts Luzern. Es betrifft den Fall des jungen Mazedoniers Bledi Sabani. Lange musste er um seine Aufenthaltsbewilligung bangen, bis die Richter die Migrationsbeamten im September 2007 zurechtwiesen: «Das Vorgehen des Amtes für Migration befremdet», schrieben sie damals. Die Beamten hätten Sabani nicht mit seinen Eltern zusammen beurteilen dürfen, sondern zuwarten können bis zu seiner Volljährigkeit. «Die Ausländerbehörde handelte willkürlich und nach dem Prinzip der Sippenhaft», so sein Anwalt. Genau wie im Fall von Merita Pecelj.

Meritas Mutter starb 1991 an Krebs. Die Familie wohnt damals in einer mittelgrossen Stadt in Kosovo. Das dreijährige Mädchen kommt mit den älteren Brüdern Filip und Pal zum Grossvater. Den Vater sehen sie kaum, er ist in der Schweiz. Im Sommer 2000 lässt er die Kinder nachfolgen. Merita lernt rasch Schweizerdeutsch. Ab 2003 bereitet sie sich auf einen Übertritt ins Berufsleben vor. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Lehrer Dragan Ivkovic erinnert sich an eine «vife, intelligente» junge Frau.

Anfänglich sind ihre Leistungen «gut bis sehr gut». Doch Ivkovic ist besorgt, weil sie oft fehlt. Von den Schwierigkeiten zu Hause ahnt er nichts. In den Elterngesprächen zeigt sich der Vater kooperativ. Merita jedoch kommt mit ihm und der Stiefmutter immer weniger klar. Halt findet sie vorwiegend bei den Brüdern und ihrer besten Freundin, einer Schweizerin.

Im Herbst 2004 steht die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung an. Doch der Vater hält die vorgeschriebenen Fristen nicht ein. Am 29. Juni 2006, gut acht Wochen vor  Merita Peceljs 18. Geburtstag, trifft das Schreiben des Amtes für Migration ein: Spätestens am 31. Juli habe die Ausreise zu erfolgen.

«Merita wird zugrunde gehen»
Ein Anwalt wird gefunden. Er schreibt Beschwerden. Doch ausser einem zeitlichen Aufschub erreicht er nichts. Im Sommer 2007 reisen Vater und Stiefmutter aus. Merita bleibt. Ein zweiter Anwalt beantragt für sie eine Aufenthaltsbewilligung aus humanitären Gründen. Doch das Amt für Migration will das Gesuch erst prüfen, wenn sie im Kosovo ist. Wieder wird sie aufgefordert, die Schweiz «unverzüglich» zu verlassen.

Merita weiss nicht mehr weiter. Seit Oktober 2007 ist sie eine «Illegale». Die Polizei sucht sie. Da sie nicht mehr bei ihren Brüdern wohnen kann, versteckt sie sich und sucht Hilfe bei der Psychologin Cornelia Fäsi, um «ihre quälenden Probleme besser verstehen und lösen zu lernen». Fäsi kommt zum Schluss, dass ein Leben in Kosovo beim Vater und bei der Stiefmutter «völlig unzumutbar ist». Sie sagt: «Merita Pecelj ist kein Kind mehr, und sie sollte nicht für die Fehler ihres Vaters büssen müssen.»

Lehrer Dragan Ivkovic kennt die Situation, wenn Jugendliche nicht wissen, ob sie in der Schweiz bleiben dürfen. Ängste und Unsicherheiten seien die Folge. Viele Schülerinnen, die in den Ferien nach Kosovo reisen, seien jeweils «gottenfroh, wieder in die Schweiz zurückkehren zu können». In der Heimat ihrer Eltern stünden sie oft unter totaler sozialer Kontrolle. «Merita wird zugrunde gehen», sagt Ivkovic.

Als sich vor einigen Monaten ein neuer Anwalt des Falles annimmt, rät er Merita Pecelj, sich zu stellen. Also geht sie am 15. Februar 2008 in Wolhusen auf den Polizeiposten. Obwohl sie sich freiwillig stellt, wird sie in Handfesseln nach Luzern überführt. Nach fünf Stunden ist sie zwar wieder frei, erhält aber eine Busse wegen illegalen Aufenthalts und eine Einreisesperre. Acht Tage später fliegt Merita Pecelj nach Kosovo.

Ob sie aus humanitären Gründen doch noch eine Aufenthaltsbewilligung erhält, ist weiterhin offen. Das Migrationsamt wird «innert Monatsfrist» entscheiden.

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