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Deutsche EinwandererEine Frage der Einstellung

Immer mehr gutqualifizierte Deutsche bekommen Arbeit, für die sich auch Schweizer bewerben. Diese Konkurrenz belastet das Verhältnis zu den neuen Arbeitskollegen.

Rainer Lentes warnt vor den Schweizern. Gerne schockiert der Ärzteberater Deutsche, die hier eine Praxis eröffnen möchten, mit den Worten: «Wenn Sie in die Schweiz gehen, ist das, als würden Sie nach Aserbaidschan auswandern: eine ganz andere Mentalität, eine ganz andere Kultur. Glauben Sie ja nicht, Sie kennen den Schweizer. Er tickt ganz anders.»

Doch Vergleiche mit dem Land im Kaukasus schrecken deutsche Ärzte nicht: Jede zweite offene Arztstelle in Schweizer Spitälern wird mittlerweile mit einem Ausländer besetzt, vor allem mit Deutschen.

Es kommen aber auch Gipser, Maurer, Kellner, Ingenieure, Informatiker, Professoren und Lehrer, sogar reformierte Pfarrer lassen sich in der Deutschschweiz nieder. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) rekrutieren Buschauffeure in Berlin. Die Winterthurer Kantonsschule Rychenberg sucht per Inserat im deutschen Wochenblatt «Die Zeit» gleich «zwei bis drei» Mathematiklehrer aus dem grossen Kanton.

Mehr deutsche Einwanderer

Zunahme der deutschen Wohnbevölkerung pro Jahr

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Quelle: BFS; Infografik: Beobachter/dr

Ist, wer etwas sagt, ein Rassist?

Die Zuwanderer sorgen für diffuses Unbehagen. Beim Beobachter melden sich Menschen wie der 42-jährige Andreas Bühler aus Basel. Dem ehemaligen Programmierer wurde gekündigt, seiner Meinung nach, weil er Schweizer ist. «Der Abteilungsleiter sagte mir ins Gesicht: ‹Sie sind als Schweizer zu teuer.›» Bühler ist der festen Überzeugung: «Die Einwanderer aus der EU nehmen uns die Jobs weg.» Er lebte, wie er sagt, «im Mittelstand». Heute kaufe er nur noch in Caritas-Läden ein, weil er keine Stelle mehr finde.

Selbst wenn Bühler vielleicht aus anderen Gründen seinen Job verloren hat - er fühlt sich von den Einwanderern bedroht. Derweil entwarnt die offizielle Schweiz und betont die positiven Folgen der Einwanderung für die Volkswirtschaft. «Vermutlich wurde auch einmal ein Deutscher statt eines Schweizers angestellt. Ob das schlecht ist für die Wirtschaft, ist aber eine ganz andere Frage», sagt Jean-Daniel Gerber, Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). «Dank der Personenfreizügigkeit profitiert die Schweiz stark von der guten internationalen Konjunktur.»

Doch Bühler steht mit seiner Angst nicht allein. Als unlängst der «Tages-Anzeiger» auf seiner Homepage meldete, dass in kein anderes Industrieland prozentual so viele Menschen einwandern wie in die Schweiz, hagelte es Kommentare im Minutentakt: «Mein Chef ist Deutscher, hat sein Netzwerk in Deutschland, rekrutiert Leute direkt daraus. Ob es Schweizer für den Job gäbe, wird nicht mal mehr abgeklärt.» - «Ich habe einen Top-Hochschulabschluss inklusive Praktika und muss seit Monaten zusehen, wie mir bei der Jobsuche von deutschen Chefs deutsche Bewerber vorgezogen werden.» - «Immerhin leben in der Schweiz 100'000 Arbeitslose - alles unbrauchbare Idioten?» - «Der Hass auf jeden Deutschen, der im Tram etwas zu laut spricht, ist bereits mit Händen zu greifen.» - «Im Spital wird man nur noch von deutschen Ärzten behandelt.» - «Keiner kann was sagen, ohne ein Rassist zu sein.»

Stille Manövriermasse sind sie nicht

Einzelne Äusserungen mögen überzogen oder gar hysterisch sein, doch offenbaren sie die momentan gefühlte Temperatur gegenüber Einwanderern aus dem Norden. «Es ist erstaunlich und auch ein wenig erschreckend, wie häufig unterdessen die Deutschen ein Gesprächsthema sind», bestätigt Christof Meier, Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich, «und wie oft es dabei um deren angeblich arrogantes Verhalten geht oder um die Behauptung, dass sie uns Arbeit und Wohnungen wegnehmen.» Weil die Haltestellen in Zürcher Bussen und Trams auf Hochdeutsch angesagt werden, erhalten die VBZ Reklamationen. Sprecher Andreas Uhl: «Wir deuten das als xenophob», also fremdenfeindlich. Doch ist, wer sich über eine hochdeutsche Ansage ärgert, schon ein Fremdenfeind? Ist, wer die Konkurrenz gutausgebildeter Deutscher beklagt, ein Fremdenfeind?

Tatsächlich wanderten 2007 so viele Menschen in die Schweiz ein wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Vor allem Deutsche. Die ständige deutsche Wohnbevölkerung nahm um so viel zu, wie Neuenburg Einwohner hat: über 30'000 Personen. In den letzten acht Jahren verdoppelte sich die deutsche Wohnbevölkerung im Land; in Kanton und Stadt Zürich haben die Deutschen die Italiener als grösste ausländische Bevölkerungsgruppe bereits abgelöst. In ein paar Jahren könnte das schweizweit der Fall sein. Grund für die Einwanderung ist neben der guten Wirtschaftslage die seit Juni 2007 uneingeschränkte Personenfreizügigkeit mit den alten EU-Ländern.

«Der Einwanderer von heute ist jung, alleinstehend, zwischen 25 und 35 Jahre alt, hochmobil und gut ausgebildet», sagt Integrationsfachmann Meier. Neben gut ausgebildeten Facharbeitern immigrieren auch viele Akademiker, die den heimischen Mittelstand auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzieren. 50 Prozent der EU-Zuwanderer verfügen über eine höhere Berufsausbildung oder einen Universitätsabschluss. Das ist ein zentraler Unterschied zur Einwanderungswelle der sechziger Jahre: Damals kamen Italiener und Spanier, vorwiegend Handlanger, die in strukturschwachen Branchen wie dem Bau mit tiefen Löhnen einen Job fanden. Nach dem Ölpreisschock von 1973 schickte man die Saisonniers wieder nach Hause. Diese bequem zu entlassende industrielle Reservearmee gibt es heute nicht mehr.

Sogar das Wort Gottes wird reformierten Kirchgängern immer häufiger von deutschen Lutheranern statt von einheimischen Zwinglianern gebracht. Vier von zehn Pfarrern in Graubünden sind deutscher Herkunft. «Deutsche Kandidaten verkaufen sich besser», heisst es aus den Kirchgemeindesekretariaten. Aber nicht nur das, oft sind sie auch einfach besser qualifiziert. «Sie haben zum Beispiel eine vertiefte Seelsorgerausbildung oder Supervisionswissen», erklärt Reinhard Kramm von der evangelischen Landeskirche Graubünden. Im Kanton Zürich stammt bereits jeder zweite Bewerber aus Deutschland.

«Deutsche sind risikofreudiger und eher bereit, eine neue Existenz aufzubauen», etwa in einem Bergtal, für das man kaum mehr Einheimische findet, sagt der Zürcher Kirchenratspräsident Ruedi Reich. Er lobt die «offene Dienstbereitschaft» der deutschen Talarträger. Deutsche Pfarrer scheinen also vor allem eine Lücke zu füllen. Aber der Markt ist auch härter geworden. «Schweizer Pfarrer müssen sich sehr anstrengen, um eine Stelle zu finden», sagt Kramm.

Harsche Töne an der Uni

Bei den Ärzten ist die Lage verzwickter. «Ohne die 3000 deutschen Ärzte hierzulande müssten wir unsere Spitäler und viele Praxen schliessen», stellt der oberste Schweizer Arzt, FMH-Präsident Jacques de Haller, klar. Am Kantonsspital St. Gallen ist bereits jeder dritte Arzt ein Deutscher. Man muss unterscheiden zwischen Praxis- und Spitalärzten: «65 Prozent der von uns betreuten Praxisübergaben gingen in den letzten zwei Jahren an Deutsche oder Österreicher. Die Schweizer Jungärzte wollen nicht mehr Hausarzt werden», sagt Ärzteberater Rainer Lentes. Auch hier füllen die Deutschen eine Lücke.

Anders bei den Spitalärzten. Fast jeder zweite Schweizer, der Medizin studieren will, wird wegen des Numerus clausus abgewiesen. Dafür importiert man deutsche Assistenzärzte. Die Schweiz profitiert von diesen Arbeitskräften, zumal sie keinen Rappen in deren Ausbildung investieren musste. Und sie kommen noch so gern: Das deutsche Gesundheitswesen ist überbürokratisiert und macht die Ärzte mürbe. Zudem verdient laut Lentes ein Assistenzarzt in Deutschland im ersten Jahr 40 Prozent weniger und schiebt viel längere Schichten. Das lockt deutsche Jungmedikusse. FMH-Präsident de Haller fordert, den Numerus clausus zu lockern und mehr Einheimischen das Medizinstudium zu ermöglichen: «Wir sollten mindestens 20 Prozent mehr Ärzte ausbilden.»

Die Berufe der im Jahr 2007 eingewanderten Deutschen

Gastgewerbe 19%
Fachkräfte Bau 16%
Leitende Beamte, mittleres Kader, Informatik 12%
Metallverarbeitung, Maschinenbau 8%
Ärzte, Pflegeberufe 5%
Ingenieure, Architekten, Techniker 5%
Transport, Verkehr 4%

Die zu 100 fehlenden Prozente fallen unter «übrige Berufe».

Quelle: Bundesamt für Migration

Auch auf dem Bau hat die Zahl der deutschen Maurer, Gipser und Chauffeure «massiv zugenommen», bestätigt Werner Messmer, Chef des Baumeister-Verbands und FDP-Nationalrat. Aber: «Es stimmt überhaupt nicht, dass diese Leute Einheimischen die Jobs wegnehmen. Schweizer Maurer findet man ja kaum mehr, italienische auch nicht.» Ohne die zusätzlichen Arbeiter vor allem aus Ostdeutschland, oft von Temporärbüros vermittelt, «hätten wir das Wachstum der vergangenen Jahre nicht bewältigen können». Vergangenen Winter stach Stefan Fischer, der Präsident des Zürcher Studentenrats, in ein Wespennest, als er die «Germanisierung» der Universität beklagte. Nach massiver Kritik musste er zurücktreten. Anlass des «Germanisierungs»-Vorwurfs war die Neubesetzung von acht Professuren, berufen wurden ausschliesslich Deutsche. Mindestens jeder dritte Professor in Zürich, Bern und Basel-Stadt kommt aus Deutschland. Beim Nachwuchs, bei den Assistenten und den wissenschaftlichen Mitarbeitern, sind die Schweizer, auf Vollzeitstellen gerechnet, bereits in der Minderheit: 54 Prozent beträgt der Ausländeranteil. Es wurde auch kritisiert, die Profs importierten ihre deutschen Assistenten, betrieben also Seilschaften und blockierten den Schweizer Nachwuchs. Die Zürcher Bildungsdirektion prüfte, für den Mitarbeiternachzug eine Quote einzuführen, um den hiesigen Nachwuchs zu schützen, verwarf die Idee aber als unpraktikabel. Studentenvertreter Fischer sagt heute: «Das Unbehagen gegenüber den vielen Deutschen an der Uni ist vorhanden - aber ein Tabu.» Überregionale deutsche Tageszeitungen nahmen das Thema auf, die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» etwa titelte polemisch: «Akademisch überfremdet» - bewusst an die Schweizer Überfremdungsbewegung der sechziger Jahre anknüpfend. So stellte sie die berechtigte Frage in die Ecke der Fremdenfeindlichkeit.

Beide Seiten schweigen aus Angst

Auch die Fachhochschule Nordwestschweiz für Soziale Arbeit widmet sich dem prekären Verhältnis von Schweizern und Deutschen. Der Befund der unveröffentlichten Studie «Das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern in Unternehmen der Deutschschweiz»: Deutsche führen direktiver, kontrollieren mehr und suchen weniger den Konsens. Zum Beispiel im Spital: Schweizer Ärzte zögen Krankenschwestern bei Entscheidungen eher bei, deutsche weniger. Laut Studienautorin Miryam Eser traut sich aber niemand, diese Probleme am Arbeitsplatz anzusprechen. «Die Deutschen haben Angst vor dem Vorwurf der Belehrung, die Schweizer vor dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit.»

Viele Deutsche berichten auch über Diskriminierung im öffentlichen Raum. Einige vermeiden es sogar, im Tram zu telefonieren - aus Angst, als Deutsche identifiziert und angepöbelt zu werden. Ein Betroffener erzählt von einem Vorfall in einer Bäckerei. Er: «Ich kriege ein Brötchen.» Die Verkäuferin: «Sie kriegen hier gar nichts.» Christian Leschzyk von der Imageagentur Stilgerecht im Appenzellischen rät Deutschen in der Schweiz ernsthaft, sich zurückhaltender zu geben, zum Beispiel, sich in einer Gruppe auch mal erst als Zweiter zu melden, «Kollegen freundlich um etwas zu bitten, statt in einem Befehlston etwas anzuordnen», und daran zu denken, dass Hochdeutsch direkt und hart wirke.

Laut Rolf Eichin vom deutschen Verein Aufenthalter-Info e.V., der 15'000 Deutsche jährlich berät, sind Anfragen wegen Mobbings durch Schweizer häufig. Er warnt sogar davor, deutsche Kinder in der Schweiz einzuschulen: «Von Kindern wird keine Zurückhaltung geübt. Deutsche Kinder, die Mundart nicht können, werden gehänselt und ausgegrenzt.» Kinder seien ein häufiger Rückwanderungsgrund für deutsche Eltern.

Die Konkurrenz wird weiter zunehmen

Frank Worbs, Expfarrer und Sprecher der Reformierten Landeskirche Aargau, vor 28 Jahren selber aus Düsseldorf eingewandert, rät deutschen Kollegen: «Bedenken Sie das Urdemokratische der Schweiz. Treten Sie nicht zu pfarrherrlich auf.» Tu dies nicht, tu das nicht: Die Deutschen können einem leidtun.Die drohende Rezession wird den Kampf um Arbeitsplätze verschärfen, die gefühlte Temperatur gegenüber Ausländern könnte noch weiter sinken. Wirtschaftspublizist Rudolf Strahm prophezeit in seinem Buch «Warum wir so reich sind»: «Entlassungen gibt es nicht unbedingt bei den zuletzt Rekrutierten, sondern bei bisherigen, fachlich schwächeren schweizerischen und früher eingewanderten ausländischen Beschäftigten, die in der nächsten Rezession aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden.»Jean-Daniel Gerber vom Seco wiegelt ab: «Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wurde sicher grösser. Aber wegen der Einwanderung ist kein Schweizer arbeitslos geworden.» Zumindest noch nicht.

«Jeder Wissenschaftler braucht mal ’ne andere Gardine um sich herum»

21-08-Deutsche02.jpgLutz Jäncke, 51

  • Beruf: Professor für Neuropsychologie an der Uni Zürich
  • In der Schweiz seit: sechs Jahren
  • Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
  • Herkunft: Magdeburg

Jäncke ist ein Star. Nicht nur unter Wissenschaftlern, auch im Hörsaal. Vergangenes Jahr erhielt der Deutsche von der Credit Suisse den «Award for Best Teaching», den Preis für hervorragende Lehre an der Uni. Die preisgekrönte Vorlesung hiess «Grundlagen der biologischen Psychologie» und wurde von 900 Studenten regelrecht überrannt - obwohl sie morgens um acht stattfand. Weltweit gehört Jäncke zu den meistzitierten Vertretern seines Fachs. Ihm vorzuwerfen, er hätte einem Schweizer den Job weggeschnappt, wäre absurd. Denn sein Fach gab es noch gar nicht, als er vor sechs Jahren von Magdeburg ins zürcherische Uster zog. Das Motiv? «Jeder Wissenschaftler braucht mal ’ne andere Gardine um sich herum.» Er schwärmt vom wissenschaftlichen Klima an den Zürcher Universitäten, vom Austausch untereinander. Den Vorwurf, deutsche Professoren importierten ihre deutsche Seilschaft in die Schweiz, weist er zurück: «Die Auswahl meiner Assis wird durch Qualität geleitet. Im Übrigen sind die meisten Schweizer.»Ja, gibt er auf Nachfrage preis, seine Frau sei schon beschimpft worden, sie solle doch nach Deutschland zurückgehen; und die Kinder seien in der Primarschule einmal als «Nazis» gehänselt worden. Doch das seien Ausnahmefälle. Er fühle sich sehr wohl in der Schweiz. Wenn er nach Auslandsreisen auf dem Flughafen Zürich-Kloten lande und Schweizerdeutsch höre, fühle er sich geborgen. Was ihn irritiert: dass man Schweizer nicht loben dürfe. «Das kommt irgendwie immer verkehrt an.»

«Ich hatte das Gefühl, auf Distanz gehalten zu werden»

21-08-Deutsche03.jpgTillmann Seliger, 48

  • Beruf: Manager, Leiter Technik, Firma Weidmann AG in Rapperswil
  • In der Schweiz seit: einem Jahr
  • Zivilstand: Konkubinat
  • Herkunft: Wuppertal

Ein erstes Mal leer schlucken musste Tillmann Seliger, als er realisierte, dass er für seine Traumstelle in die Schweiz ziehen musste. Auch in Deutschland war der Manager zwar schon ordentlich herumgekommen, aber in die Schweiz zu gehen war dann doch ein grösserer Schritt. Hier angekommen, schluckte er ein zweites Mal leer, als er auf der Einwohnerkontrolle seinen «Ausländerausweis» abholen musste. «Ich hatte das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, auf Distanz gehalten zu werden», sagt er. Seine Firma schickte ihn erst einmal in einen Benimmkurs. Dort erfuhr er, welche typischen Fettnäpfchen für Deutsche es gibt: wie wichtig etwa ein Apéro ist, um geschäftliche Kontakte zu knüpfen, und wie entscheidend dabei, Gesprächspartner mit Namen anzusprechen. «In Deutschland gibt es diese Apérokultur nicht», sagt Seliger. In Deutschland treffe man Entscheidungen rascher. Hier werde hingegen so lange diskutiert, bis sich alle einig seien. «Das dauert zwar, dafür wird die Entscheidung gemeinsam getragen», sagt er. In Seligers Abteilung ist jeder dritte Mitarbeiter Ausländer. Gern würde er mehr Schweizer Facharbeiter anstellen - doch er findet keine. Er selbst blieb bisher von Pöbeleien verschont, im Gegensatz zu seiner Schwester, die ihn einmal besuchte. Als Rekruten im Zug mitten unter den Passagieren an ihrem Sturmgewehr hantierten, reklamierte sie. «Die Abfuhr der Soldaten war dermassen heftig, dass sie diese ganz genau verstand, obwohl sie Schweizerdeutsch gar nicht gewohnt ist», sagt Seliger.

«Es heisst doch sofort: ‹Typisch deutsch halt›»

21-08-Deutsche04.jpgBettina Brandt, 34

  • Beruf: Assistenzärztin am Inselspital Bern
  • In der Schweiz seit: vier Jahren
  • Zivilstand: verheiratet
  • Herkunft: Bayern

Die Ärztin Bettina Brandt wäre gerne in Deutschland geblieben. Dort musste sie sich nach ihrem Studium für 800 Euro pro Monat abrackern - zwei Jahre lang. Dann wurde sie arbeitslos. Sie suchte in ganz Deutschland eine Stelle, bewarb sich auch im Ausland. «Dabei hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, da ich ja in Deutschland eine kostenlose Ausbildung genossen habe.» Zusammen mit ihrem Mann landete sie schliesslich im Berner Inselspital. In der Schweiz spürte sie erst einmal, dass sie Ausländerin war: Fürs Bankkonto gabs keine EC-Karte, den Telefonanschluss nur gegen einen horrenden Vorschuss, Wohnungsvermieter verlangten die maximale Kaution.

Dass in der Schweiz auch eine andere Sprache gesprochen wird, erfuhr sie gleich bei ihrem ersten Patienten. Der klagte: «Miir isch sturm gsii.» Sie verstand, er sei in ein Unwetter geraten. Auf die Palme habe sie ihr Schweizer Chef gebracht: «Sie sind eine deutsche Frau», weshalb er ihre Stelle als Assistenzärztin nicht verlängern wolle. «Die wenigen Stellen in seinem Fachgebiet wollte er wohl Schweizern offenhalten», vermutet Brandt. Ihrem Ärger machte die Bayerin in einem Leserbrief Luft. Es sei unangenehm, wenn man zwar als Arbeitskraft willkommen sei, gleichzeitig aber spüren müsse: Wer bleiben will, ist lästig. Von ihren Schweizer Freunden fanden nicht wenige, ihre Reaktion sei typisch deutsch, «so in die Vollen zu gehen». Richtig peinlich war ihr, als ihr Mann in einem Restaurant laut wurde, nachdem sie schon eine Stunde auf das Essen gewartet hatten. «Dann heisst es doch sofort: ‹Typisch deutsch halt.›»

Veröffentlicht am 09. Oktober 2008