Die jüngsten Wirtschaftszahlen aus Euroland sind niederschmetternd. Das bisschen Aufschwung von Anfang Jahr ist schon wieder weg. Auch in der Schweiz stockt das Wachstum. Und plötzlich ist die alte Angst vor Arbeitslosigkeit wieder da. Doch die Mitglieder von Ecopop, der Vereinigung Umwelt und Bevölkerung, bringt das nicht aus der Ruhe: Was ist schon das bisschen Rezession angesichts der grossen Katastrophe, auf die die Welt, die Schweiz zurast? Endloses Wachstum in einer endlichen Welt, das kann auf Dauer nicht funktionieren, sagen sie.

Sie wollen «die Lebensgrundlagen und die Lebensqualität in der Schweiz und weltweit auch für kommende Generationen erhalten». Ihr Rezept: die jährliche Nettozuwanderung in die Schweiz auf 0,2 Prozent der Wohnbevölkerung begrenzen. Das wären heute rund 16'000 statt 80'000 Menschen. Zudem will Ecopop zehn Prozent der Entwicklungshilfegelder gezielt für die freiwillige Familienplanung einsetzen. Wird dann alles gut?

Hans Geiger, Zürcher Ex-Bankenprofessor, gescheiterter SVP-Ständeratskandidat, ist überzeugt davon. 7,2 Milliarden Menschen auf der Welt, 8,2 Millionen in der Schweiz – und es werden immer mehr: für Geiger eine Horrorvorstellung. Ohne Beschränkung der Zuwanderung gehe es nicht. «Die Schweiz ist der schönste Platz, das schönste Land der Welt. Aber wenn sie die Grenzen offen hält, wird sie überschwemmt!» Deshalb kämpft der erzliberale Geiger, der sich sein Leben lang gegen zu viel Staat in der Bankenindustrie gewehrt hat, nun plötzlich gegen Zersiedelung und Wirtschaftswachstum. Und das zusammen mit einer Umweltorganisation, die sich auf den Club of Rome beruft. Dessen Bestseller «Die Grenzen des Wachstums» war 1972 die Initialzündung für die grüne Bewegung.

Im Jahr 2070 ist Schluss für alle

Der Alarmruf von 1972 liest sich wie Ecopop-O-Ton im Jahr 2014: Wenn die Weltbevölkerung im gleichen Mass weiterwächst, Industrialisierung und Umweltzerstörung sich im selben Tempo fortsetzen und der exzessive Verbrauch natürlicher Ressourcen nicht gebremst wird, hält das diese Welt noch maximal bis ins Jahr 2070 aus. Dann, so der Club of Rome, seien die absoluten Wachstumsgrenzen erreicht.

Davon sind auch die Ecopop-Initianten überzeugt: Für den emeritierten ETH-Professor Dieter Steiner etwa ist klar: Um die Umwelt zu schützen, muss man im Wirtschaftssystem überall Wachstumsbremsen einbauen – eben auch bei der Zuwanderung. Dass nun ausgerechnet das Trüpplein aufrechter Umweltschützer als «Birkenstock-Rassisten» abgekanzelt wird, sei ein politisches Ablenkungsmanöver, sagt er (siehe Interview). Als Grüner der ersten Stunde habe er sich immer für Umweltanliegen starkgemacht und mit fremdenfeindlichem Gedankengut bestimmt nichts am Hut. Dass nun «seine» Grünen gegen die Ecopop-Initiative kämpften, sei «verlogen». Schliesslich knüpfe das Volksbegehren an die 1992 in Rio beschlossenen Klimaziele der Uno an und sei grundgrün.

Sicherheit verhütet besser als Kondome

Wachstumskritik gehört seit den Anfängen in den siebziger Jahren zum geistigen Inventar der Umweltbewegung. Genauso wie die Kritik, dass die reichsten 20 Prozent dieser Welt 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen und sich 80 Prozent der Menschheit mit dem Rest begnügen müssen.

Die Bevölkerungsfrage, die beim Club of Rome 1972 im Zentrum stand, wurde von der Ökobewegung aber rasch ad acta gelegt. Zum einen, weil die Geburtenraten in Europa so tief waren, dass die Schweizer rein rechnerisch in 400 Jahren ausgestorben sein dürften. Zum anderen, weil die Entwicklungspolitik eine grosse Entdeckung machte: Wenn man sich um die Menschen kümmert, reguliert sich das Problem der Bevölkerungszunahme wie von selbst. Wachsender Wohlstand, bessere Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit, Gleichberechtigung von Frauen, soziale Absicherung und hohe Beschäftigungsraten verhüten besser als Pille und Pariser. Allerdings: Auch wenn die Weltbevölkerung nur noch halb so schnell wächst wie vor 40 Jahren, hat sie sich in dieser Zeit auf 7,2 Milliarden Menschen verdoppelt (siehe Grafik).

In der Schweiz kam erst nach dem Jahr 2000 wieder Leben in die Bevölkerungsdiskussion, als immer mehr Menschen einwanderten. Zu viele, auch für viele Grüne. Die Immer-mehr-Frage, ein fester Bestandteil jeder Wachstumskritik, war plötzlich auch eine Frage der Zuwanderung.

Quelle: BPB (UN/DESA)

Quelle: Luftbild Schweiz / ETH-Bibliothek Zürich

Einer, dem man bestimmt nicht linke Wachstumskritik unterstellen kann, ist der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. Ein Vollblutliberaler, der viel vom freien Spiel der Märkte und wenig von Eingriffen des Staates hält. Er sagt: «Wir brauchen eine massvolle Wirtschaftspolitik, die einen Ausgleich findet zwischen voller Flexibilität bei der Suche nach Arbeitskräften – wie sie die Personenfreizügigkeit gebracht hat – und einer Beschränkung der Zuwanderung.» Ein Satz, der fast perfekt zur Argumentation der Ecopop-Vertreter passt.

Doch Eichenberger ist weit davon entfernt, die Initiative zu unterstützen: Sie sei «starr und untauglich» und verhindere flexible Lösungen, auf die Firmen nun mal angewiesen seien. «Nur wenn allwissende Engel die wertvollen Kontingente vergäben, genügten die 16'000 Spezialisten, die Ecopop noch ins Land lassen will. Nur dann würde das mit der Zuwanderungsbremse funktionieren.» So aber sei sie ein gefährliches Gemisch. In einer globalisierten Welt sei die Wirtschaft erst recht auf genügend Freiraum angewiesen, um sich schnell auf neue Gegebenheiten einstellen zu können. «Genau das würde die Initiative verunmöglichen», so Eichenberger.

Quelle: «Die Welt» (Stiftung Weltbevölkerung)

Quelle: Luftbild Schweiz / ETH-Bibliothek Zürich

Economiesuisse: Wachstum ist natürlich

Nichts von massvollem Wachstum wissen will Economiesuisse. Vor Beginn des Abstimmungskampfs hat der Dachverband der Schweizer Firmen mit den «Sieben Mythen des Nullwachstums» ein Manifest gegen die Wachstumskritik veröffentlicht. Chefökonom Rudolf Minsch argumentiert darin derart grundsätzlich, als stünden am 30. November das Wirtschaftssystem und die persönliche Freiheit auf dem Spiel.

Wachstum mit immer mehr Konsum und immer mehr Umweltzerstörung gleichzusetzen gehe am Kern der Sache vorbei. Wachstum sei das «Ergebnis des menschlichen Strebens nach neuer Erkenntnis und einer Verbesserung des eigenen Lebens» und daher urmenschlich, predigt Minsch. In einer freien Gesellschaft lasse sich das nicht verhindern. Genau dagegen verstiessen fixe Regeln, wie sie Ecopop bei der Zuwanderung einführen will.

Die Angst, dass Globalisierung und Migration die kulturelle Identität bedrohten, müsse man zwar ernst nehmen. Aber Nullwachstum sei das falsche Mittel, weil es zu Erstarrung und Rückschritt führe.

Die Ecopop-Initiative komme den etablierten Parteien sehr ungelegen, sagt der Zürcher Politgeograf Michael Hermann. «Deshalb überrascht es nicht, dass mit Ausnahme der Schweizer Demokraten alle Parteien die Neinparole beschlossen haben.» Er ist aber überzeugt, dass die Initiative im Volk nicht einhellig abgelehnt wird – aber auch nicht so erfolgreich sein wird wie die SVP-Masseneinwanderungsinitiative. Denn: «Für Rechtsbürgerliche hat die Ecopop-Initiative ein Absenderproblem, wegen ihres grünen Anstrichs und der schwer verortbaren, zuweilen als sektiererisch wahrgenommenen Organisation Ecopop.» Dennoch sei einige Zustimmung von rechts zu erwarten. Die klare Begrenzung könne als Konkretisierung der SVP-Zuwanderungsinitiative interpretiert werden. Die SVP kritisiere ja auch beständig, ihre Initiativen würden nicht umgesetzt.

Dennoch kann sie Ecopop aus zwei Gründen nicht unterstützen: «Sie ist zu stark Wirtschaftspartei, um tatsächlich eine radikale Zuwanderungsbeschränkung zu fordern. Und sie würde nach einem Scheitern an der Urne als Verliererin dastehen», sagt der Politgeograf. Weil sie sich distanziert hat, bleibt die SVP auch bei einem Scheitern von Ecopop die Siegerin der Zuwanderungsinitiative – und kann deren zähe Umsetzung weiterbewirtschaften.

Die Hoffnungen von Ecopop beruhten aber auf Zustimmung ausserhalb des rechten Lagers. Doch auch dort sieht Hermann nur wenig Potenzial für eine Unterstützung: «Eine Begrenzung der Zuwanderung würde als weiterer Schritt zur Abschottung der Schweiz wahrgenommen. Nur wenige Linke und Grüne, die sonst immer gegen dieses Schweizbild kämpfen, sind bereit, ihm nun zum Durchbruch zu verhelfen.»

Eher als im klassischen rotgrünen Lager dürfte Ecopop Unterstützung bei den Anhängern der wachsenden Verzichtsbewegungen finden, bei denen Mässigung quasi Programm ist. Suffizienz, Verzicht auf alles Unnötige, Entschleunigung des Lebens, Bioernährung und Vegetarismus gewinnen bei Jüngeren laut Medien an Bedeutung. Hermann relativiert: «Vielem, was mit solchen Etiketten für Schlagzeilen sorgt, liegt ein durchaus egoistisches Motiv zugrunde – eine für die einzelne Person gesündere oder attraktivere Lebensweise. Dieselben Menschen erkunden dann ohne schlechtes Gewissen die Welt per Flugzeug.»

Anders als früher gibt es heute keine breite Bewegung mehr, die die Werte der Konsumgesellschaft radikal in Frage stellt, darin sind sich Sozialwissenschaftler ziemlich einig. «Solche Bewegungen waren eine Auflehnung gegen die Werte der Elterngeneration, die Jüngere als falsch empfanden, weil sie ihnen den Weg in die eigene Zukunft versperrten. Dafür gibt es heute keine Anzeichen», so Hermann.

Unbeirrt und irgendwie altersradikal

Übrig bleiben die Ecopop-Anhänger selbst. Sie kämpfen auf einsamem Posten, unbeirrt und irgendwie altersradikal. Und sie werden die meisten Stimmen ausgerechnet im rechten Lager holen, das ihre Umweltanliegen teils radikal ablehnt.

Selbst bei ihren geistigen Vätern stossen die Ecopop-Bewegten auf Unverständnis. Alexander Stefes vom Internationalen Zentrum des Club of Rome sagt: «Heute besteht das zentrale Problem nicht mehr in der Frage, ob wir einen globalen Lebensstandard erreichen können, der die Grenzen des Planeten nicht sprengt – sondern wie wir das tun können.» Für ihn ist es falsch, ein reiches Land wie die Schweiz von der Zuwanderung abzuschotten.

Die Initiative lenke vom eigentlichen Problem ab: «Wir müssen alle ressourcenschonender wirtschaften und leben, den CO2-Ausstoss verringern, die Energieeffizienz steigern, Wasserverbrauch und Konsum zurückschrauben.» Dazu ist laut Stefes ein globaler Wertewandel nötig. «Besser wäre es, wenn die Schweiz hier eine Führungsrolle übernähme.»

Ökologischer Fussabdruck: Wie viele Erden braucht der Mensch?

Der ökologische Fussabdruck ist das international anerkannte Mass zur Beurteilung der Umweltverträglichkeit eines Landes. Er gibt an, wie viel Fläche ein Bewohner braucht, um seinen Lebensstil zu ermöglichen.
Die Unterschiede weltweit sind enorm: Ein Mensch in Afghanistan benötigt für Essen, Wohnen, Mobilität, Reisen und die Entsorgung seiner Abfälle nur 0,1 Hektaren Fläche, ein Afrikaner 0,9, ein Amerikaner dagegen 9,6 Hektaren.
Der Fussabdruck der Schweizer beträgt 5,0 Hektaren. Das liegt im Mittelfeld der Industrieländer. Wenn aber alle auf der Welt so viel konsumierten wie Schweizerinnen und Schweizer, wären dafür 3 Erden notwendig. Um langfristig nachhaltig zu sein, müsste die Schweiz den Ressourcenverbrauch um zwei Drittel senken.

So einfach dieses System ist, so gross sind seine Schwächen. Denn in die Berechnung fliesst Verschiedenes nur teilweise und indirekt ein, etwa der Verlust an Biodiversität, die Überfischung der Meere oder der Verbrauch von Frischwasser. Auch nicht biologische Abfälle, nicht erneuerbare Ressourcen, Umweltgifte und Ausbeutung von Rohstoffen werden nicht berücksichtigt. Das führt etwa dazu, dass traditionelle Landwirtschaft mit Monokulturen einen kleineren Fussabdruck hinterlässt als Biolandbau.
Hinzu kommt, dass die Berechnung Länder bevorteilt, wo auf einer riesigen Fläche relativ wenige Menschen leben. Und das, obwohl sie zu den weltgrössten Umweltverschmutzern zählen wie Kanada mit seinem Ölsandabbau oder Australien wegen seiner Stromproduktion mit Uralt-Kohlekraftwerken. Getreu dieser Logik könnten die USA ihren ökologischen Fussabdruck auf 1,0 senken, wenn sie die Hälfte des Landes mit Eukalyptus aufforsteten.
Auch für die Schweiz wäre es ein Leichtes, den ökologischen Fussabdruck zu verkleinern und die im Kyoto-Protokoll vereinbarten Klimaziele zu erreichen – ebenfalls mit einem faulen Trick: ohne eine einzige ökologische Massnahme, einfach mit weniger Einwohnern.

Mehr zum ökologischen Fussabdruck und welche Auswirkungen der Naturverlust auf den Tierbestand hat, erfahren Sie im neusten Living Planet Report des WFF.

Quelle Infografik: BFS (Global Footprint Network)

Quelle: Luftbild Schweiz / ETH-Bibliothek Zürich

Worüber wird abgestimmt?

Die Ecopop-Initiative «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» verlangt, dass die jährliche Nettozuwanderung – also Einwanderer minus Auswanderer – auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung begrenzt wird.
Damit könnten aktuell nur noch rund 16'000 Personen pro Jahr in die Schweiz zuwandern. Die sogenannte Nettozuwanderung würde auf rund einen Fünftel reduziert, 2013 lag sie bei 88'000 Personen.

Weiter verlangt die Initiative, dass künftig zehn Prozent der Bundesausgaben für Entwicklungszusammenarbeit in die freiwillige Familienplanung investiert wird, also in Aufklärung und den Zugang zu Verhütungsmitteln. Die Initianten glauben, damit etwas gegen das starke Bevölkerungswachstum in Drittweltländern beizutragen.