Stellen Sie sich die Schweiz vor als ein Postauto auf einer Passstrasse. Immer mehr Leute steigen zu, und das Postauto fährt auf unbekannter Strecke immer schneller. Im Innern macht sich zunehmend Unbehagen breit. Man kämpft um Sitzplätze, und es mehren sich die warnenden Stimmen, das Tempo zu drosseln, um nicht irgendwann zwangsläufig gegen die Wand zu fahren.

Doch ebenso viele Stimmen im Bus fordern weiterhin Tempo, um nicht überholt zu werden und den Anschluss an die Busse vor uns nicht zu verlieren. Sie argumentieren, das Postauto biete noch genügend Platz und es könne komfortabler und sicherer gemacht werden für eine noch flottere Fahrt.

Das ist der Grundkonflikt zwischen den Befürwortern der Ecopop-Initiative und deren Gegnern. Die einen wollen scharf bremsen, um drohende Gefahr abzuwenden, die anderen fürchten, gerade durch das Bremsen ins Schleudern zu geraten und mit abzustürzen.

Wer hat recht? Sicher ist: Wer die Ecopop-Initianten als «Birkenstock-Rassisten» abqualifiziert, wie dies SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel (SG) getan hat, oder sie in die braune Ecke stellen will wie der grüne Nationalrat Balthasar Glättli (ZH), polemisiert an der Sache vorbei.

Eine reizvolle Idee

Mit Ökorassismus oder Nationalismus hat die Initiative nichts zu tun. Die Sorgen und Absichten hinter dem Begehren sind begründet und nachvollziehbar. Es ist eine Tatsache, dass das Bevölkerungswachstum in der Schweiz mit einer Nettozuwanderung von knapp 80'000 Personen pro Jahr den Verfassungsauftrag für eine nachhaltige «Erneuerungsfähigkeit» der Natur verletzt. Es kann nicht geleugnet werden, dass die Wirtschaft unablässig aufs Wachstumstempo drückt, aber keiner wirklich weiss, wohin die Reise eigentlich führen soll.

In ihrem Ansatz ist die Initiative der vielleicht radikalste Wendezeit-Vorschlag, über den die Schweizer Bevölkerung je zu befinden hatte. Sie will uns quasi verordnen, das Wachstum zu bremsen, im Wissen darum, dass uns das auch materiellen Wohlstand kosten kann.

Die Hoffnung der Initianten ist ideeller Art. Ihr Credo lautet «Weniger ist mehr» und knüpft indirekt an die Ideen von «The Age of Less» von David Bosshart an, der für ein neues Wirtschaften plädiert – mit weniger Konsum und mehr Zeit für mehr Lebensqualität.

Das gemächlichere Nostalgie-Postauto Ecopop hat seinen Reiz. Vermutlich allerdings wird eine Mehrheit das modernere Fahrzeug wählen – auch wenn keiner garantieren kann, dass es uns sicherer voranbringt.

Worüber wird am 30. November abgestimmt?

Die Ecopop-Initiative «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» verlangt, dass die jährliche Nettozuwanderung – also Einwanderer minus Auswanderer – auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung begrenzt wird.
Damit könnten aktuell nur noch rund 16'000 Personen pro Jahr in die Schweiz zuwandern. Die sogenannte Nettozuwanderung würde auf rund einen Fünftel reduziert, 2013 lag sie bei 88'000 Personen.

Weiter verlangt die Initiative, dass künftig zehn Prozent der Bundesausgaben für Entwicklungszusammenarbeit in die freiwillige Familienplanung investiert wird, also in Aufklärung und den Zugang zu Verhütungsmitteln. Die Initianten glauben, damit etwas gegen das starke Bevölkerungswachstum in Drittweltländern beizutragen.

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Mehr Hintergründe und Infos

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Quelle: Thinkstock Kollektion