Dreihundert Freiwillige wollen ihren Wohnraum mit Asylbewerbern teilen – so viele haben sich in den vergangenen anderthalb Jahren bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) gemeldet. Doch erst bei vier privaten Gastgebern sind Flüchtlinge untergebracht. Die SFH spricht von «absolut gigantischen» ­bürokratischen Hindernissen, die der guten Idee im Weg stünden.

Ist dem tatsächlich so? Der Beobachter hat bei acht Deutschschweizer Kantonen nachgefragt, welche Hürden potenzielle Gastgeber von Flüchtlingen zu überwinden hätten. Fazit: von Bürokratie keine Spur. Zwar ist je nach Kanton eine andere Amtsstelle zuständig (mal das Sozialamt, mal die jeweilige Gemeinde, mal die Caritas), aber das Vorgehen ist im Prinzip überall gleich einfach: Die vor Ort zuständige Betreuungsperson schaut sich die Unterkunft an und prüft, ob sie sich eher für eine Einzelperson oder eine Familie eignet, dann sucht sie passende Flüchtlinge. Wenn sich Gastgeber und Gäste bei einem unverbindlichen Treffen sympathisch sind, steht dem Einzug nichts im Weg. Einzig der Kanton Bern hat dafür ein Formular kreiert.

«Eine Vermittlung kam nicht zustande, weil die Chemie zwischen den Parteien nicht stimmte.»

Florentina Wohnlich, Leiterin des Thurgauer Sozialamts

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«Wenns passt, dann passts», sagt Claudia Hänzi, Leiterin des Amts für soziale Sicherheit in Solothurn – bürokratische Hürden sehe sie keine. Es sei aber sehr wichtig, gut zu prüfen, ob Gast­geber und Flüchtlinge zusammenpassen, ergänzt ihre Thurgauer Amts­kollegin Florentina Wohnlich. «Einmal kam die Vermittlung zum Beispiel nicht zu­stan­de, weil die Chemie zwischen den Parteien nicht stimmte.» Mit Vorschriften habe das nichts zu tun.

Mit Bürokratie nicht, aber sehr wohl mit der grossen Skepsis, mit der Asylverantwortliche in den Kantonen der privaten Unterbringung begegnen. «Viele Gastgeber unterschätzen die Aufgabe und sind dann überfordert», sagt Claudia Hänzi. Die kulturellen Unterschiede seien riesig, die Flüchtlinge hätten oft andere Tagesabläufe und seien traumatisiert. Das kollidiere mit den «zum Teil romantischen Vorstellungen» der Gastgeber.

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Problematisch, wenns nur ein Bad gibt

«Da prallen Welten aufeinander», sagt auch Ruedi Fahrni, Asyl- und Flüchtlingskoordinator des Kantons Luzern. Die Asyl­bewerber hätten hohe Ansprüche, doch die Gastgeber erwarteten Dankbarkeit. «Dabei hatten die Flüchtlinge ja vorher ein ganz normales Leben, vielleicht mit einem gewissen Wohlstand», sagt Fahrni. Hinzu kommen weitere Konfliktpunkte: Einige Flüchtlinge können keinen Kochherd bedienen, bei anderen riecht das Haus nach Curry. «Es ist auch problematisch, wenn es nur ein Badezimmer gibt, denn in arabischen Kulturen sind die Lebenswelten von Männern und Frauen getrennt», sagt die Stadtbasler Asylkoordinatorin Renata Gäumann.

Basel-Stadt und Luzern haben der SFH «vorerst abgesagt» und wollen die private Flüchtlingsunterbringung erst «sorgfältig prüfen», wenn die ersten Testprojekte erfolgreich ver­laufen sind.

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Es gibt aber auch positive Beispiele, etwa aus dem Kanton Zürich, der von der Flüchtlingshilfe ausdrücklich als «wenig kooperativ» gebrandmarkt wurde: «Gerade ist die Anfrage eines Pfarrers hereingekommen, der christliche Syrer in seinem Pfarrhaus unterbringen möchte», berichtet Sozialamtsleiter Ruedi Hofstetter. Wenn die Gemeinde einverstanden ist und die Parteien harmonieren, kann eine Familie mit zwei Kindern in wenigen Wochen vom Durchgangszentrum ins Pfarrhaus übersiedeln.