Daniela Broghammer: «Eine Begegnung hat mich besonders berührt: diejenige mit einer 20-jährigen Frau aus Syrien. Sie war auf der Flucht in eine Schiesserei geraten, auf Sizilien war sie allein angekommen. Und doch spürte ich bei ihr einen Lebenswillen – unbeirrbar und stark.

Für meinen Einsatz auf Sizilien habe ich vor drei Monaten meine Grenzwachtuniform mit ziviler Kleidung getauscht; es war für meine Arbeit nötig, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen. Sechs Wochen lang stand ich an der Schengen-Aussengrenze und befragte Migranten, die gerade das Mittelmeer überquert hatten. Ich bin die erste Schweizerin, die unter der neu gestarteten Opera­tion Triton als sogenannte Debrieferin gearbeitet hat. Triton steht unter der Leitung der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Meine Arbeit bestand darin, mit den Leuten zu reden, um möglichst viele Informationen über das welt­weite Handeln von Schlepperbanden zu erhalten. So erhoffen wir uns, sie gezielt bekämpfen zu können.

Wenn ein Schiff landet, wirds hektisch

Das Ganze ist natürlich zweischneidig: Die Schlepper nutzen die Not der Flüchtlinge aus. Diese Not aber bleibt, auch wenn es keine Schlepper mehr gäbe. Deshalb sind Interventionen auf vielen Ebenen nötig, damit die Leute womöglich gar nicht erst den Weg übers Mittelmeer wagen.

Während meines Einsatzes waren wir zu acht in Pozzallo im Süden der Insel stationiert. Wir arbeiteten in ­einem Auffanglager, setzten uns dort mit den Flüchtlingen an einen Tisch und führten auf freiwilliger Basis Gespräche. Wenn aber ein Schiff direkt an der Küste landet, geht alles etwas hektischer zu: Als Erstes gehen Ärzte aufs Schiff und kümmern sich um Verletzte und Geschwächte. Dann werden die Leute nach und nach auf das Festland geführt und in Auffangzentren gebracht. Männer kommen in die eine Halle, Frauen in die andere. Sie bekommen Essen, Decken und einen Schlafplatz. Vielen sieht man den schlechten Zustand nicht an – innerlich sind sie bei ihrer Ankunft aber sehr labil. Dennoch zeigten sie sich auch erfreut und dankbar, endlich festen Boden unter den Füssen zu haben.

Leer schlucken musste ich, als ­eines Tages ein sogenanntes Geisterschiff am Horizont auftauchte. Bisher hatte ich nur in den Medien von diesem Phänomen gelesen – nun sah ich es plötzlich, und je näher es kam, ­desto mehr Köpfe konnte ich erkennen. Da waren einfach unglaublich viele Menschen zusammengedrängt: Alte, Junge, Mütter mit Kindern.

Der Schlepper hatte den Frachter verlassen – erst im letzten Augenblick konnten Soldaten der italienischen Marine das Steuer übernehmen. Die meisten Passagiere kamen aus Syrien. Diejenigen, die nachher bei mir im Zimmer sassen, sagten, sie hätten keinen anderen Weg gesehen als die Flucht übers Mittelmeer, um ihr Leben zu retten. Solche Aussagen gehen ­einem schon nahe, gerade weil es uns in der Schweiz so gut geht.

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Und dennoch: Ich lernte durch meine Arbeit, innerlich Distanz zu wahren. Ich sagte mir: Du machst nun diese Arbeit – und fertig. Schliesslich kommen täglich so viele Migranten in Italien an, da kann mich gar nicht ­jedes einzelne Schicksal berühren.

Die meisten Leute erzählten uns gern, wie und weshalb sie nach Italien gekommen waren. Viele sagten, sie möchten mit ihren Schilderungen ­verhindern, dass andere das Gleiche erleben müssen.

Vergewaltigung und Misshandlung

Durch die Befragungen wurde mir klar: Das Schlepperwesen ist ein perfekt organisiertes Business – und der Mensch ist für die Hintermänner einfach eine Ware. Was diese Flüchtlinge unterwegs teils erlebten, ist schockierend: Frauen berichteten von Ver­gewaltigungen durch Schlepper, von Gewalt und Misshandlung. Manche Schlepper sagen ihnen geradewegs ins Gesicht, dass sie das Schiff aufs Meer hinausschicken – und dass es auf ita­lienischer Seite gerettet werden wird. Was muss da wohl in den Menschen vorgehen, dass sie sich auf diese un­sichere Reise einlassen?

Vor Weihnachten bastelten ein paar Flüchtlinge ein Transparent, auf dem sie sich bedankten. Sie schrieben, dass sie uns alles Gute und frohe Festtage wünschen. Das war eine schöne Geste. Mittlerweile stehe ich wieder auf Schweizer Boden, arbeite im Raum Schaffhausen als Grenzwächterin und führe Zoll- und Personenkontrollen durch. An die junge Syrerin denke ich bis heute.»