Beobachter: Jeden Monat ertrinken Menschen auf dem Weg nach Europa. Hier will sie niemand haben, die Länder versuchen, sich die Flüchtlinge gegenseitig zuzuschieben. Die europäische Flüchtlingspolitik ist ein Desaster.
Susin Park: Das sehe ich nicht so, aber es gibt Verbesserungspotenzial. Fluchtsituationen sind nie organisiert. Sie sind die Konsequenzen von Verfolgung und Gewalt, die Menschen zwingen zu flüchten. Momentan sind wir mit vielen Konflikten gleichzeitig konfrontiert, Syrien, Irak, Demokratische Republik Kongo, Sudan und Südsudan, um einige zu nennen. Dazu kommen lang anhaltende Konflikte wie in Afghanistan, Eritrea, Somalia.

Beobachter: Tut die EU genug?
Park: Die EU unterstützt das UNHCR für Flüchtlinge vor Ort grosszügig. Allerdings haben viele Schutzbedürftige, die nach Europa kommen, Probleme, ein Asylgesuch zu stellen. Wir begrüssen es, dass Europa versucht, ein gemeinsames Asylsystem aufzubauen. Aber es gibt riesige Unterschiede zwischen den Staaten. Die Anerkennungsquote variiert zum Teil von fast null bis über 90 Prozent für dasselbe Herkunftsland. Flüchtlinge sollten in allen Ländern die gleichen Chancen haben.

Beobachter: Das Dubliner Abkommen steht stark in der Kritik, etwa weil es die Grenzstaaten im Unterschied zu den Binnenländern ohne Aussengrenzen stark benachteiligt.
Park: Das hat das UNHCR schon relativ früh gesagt. Positiv aber am Dublin-System ist, dass ein Staat für ein Asylgesuch verantwortlich ist. Mit Dublin III sollen die Effizienz von Asylverfahren und die Rechtsgarantien Asylsuchender gestärkt werden. Am dringendsten ist sicher der Lastenausgleich innerhalb Europas. Die aktuelle Politik verschiedener Staaten berücksichtigt noch zu wenig, dass Flüchtlinge oft ein bestimmtes Land auswählen, weil sie bereits einen Bezug dazu haben.

Susin Park, 50, arbeitet seit 1994 für das Flüchtlingswerk der Uno (UNHCR). Unter anderem war sie im Kosovo-Krieg im Einsatz.

Quelle: Bertrand Cottet

Beobachter: Was muss sich ändern?
Park: Natürlich würden wir es begrüs­sen, wenn sich die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, erhöhen würde. Generell nehmen die Nachbarländer von Krisenherden noch immer gegen 90 Prozent der Füchtlinge weltweit auf. Es sind also die ärmsten Länder, die am meisten Flüchtlinge beherbergen. Misst man die Aufnahme­kapazität am Verhältnis des Bruttonationalprodukts zur Zahl der Flüchtlinge, stehen die europäischen Länder weit hinten auf der Liste – die Schweiz auf Rang 69.

Beobachter: Wie sehen Sie die Rolle der Schweiz?
Park: Die Schweiz macht sehr viel, insbesondere bei der Unterstützung in der Hilfe vor Ort. Bei grossen Fluchtsituationen ist unser Finanzbedarf oft nur zu rund 30 Prozent abgedeckt. Wir freuen uns, dass die Schweiz bereit ist, in den kommenden drei Jahren 500 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Bei der Schutzanerkennung hingegen ist die Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weniger grosszügig. Die meisten Syrer werden hierzulande bloss als Kriegs- und Gewaltvertriebene angesehen und erhalten lediglich eine vorläufige Aufnahme. Diese ist aber nirgends als Schutzstatus definiert und stellt keine Aufenthaltsbewilligung dar.

Beobachter: In der Schweiz leben vier von fünf anerkannten Flüchtlingen von der Sozialhilfe. Warum?
Park: Die Integration ist in vielen Ländern ein heiss diskutiertes Thema geworden. Allerdings merken wir, dass die Situation von Flüchtlingen und Schutzbedürftigen in dieser Debatte oft untergeht, vielleicht weil sie nur einen sehr kleinen Teil der Ausländer generell darstellen. Das UNHCR versucht immer wieder darauf hinzuweisen, dass bei Schutzbedürftigen besondere erschwerende Faktoren hinzukommen, die berücksichtigt werden müssen.

Beobachter: Welche?
Park: Es ist anders als mit Ausländern, die aus rein wirtschaftlichen Gründen kommen und vielleicht schon ­eine Stelle in Aussicht haben. Bereits Schweizer Langzeitarbeitslose ohne sprachliche oder kulturelle Probleme haben grosse Schwierigkeiten, wieder einen Job zu finden. Schutzbedürftige waren oft über längere Zeit arbeitslos. Während des Asylverfahrens durften sie nicht arbeiten. Alle möchten das jedoch – Nichtstun ist belastend.

Seit 2009 leitet Susin Park das Büro des UNHCR für die Schweiz und Liechtenstein.

Quelle: Bertrand Cottet

Beobachter: Die Schweiz ist ein hochtechnologisiertes Land. Stellen, die keine besondere Ausbildung voraussetzen, sind rar.
Park: Viele Flüchtlinge bringen Qualifikationen und Kompetenzen mit. Diese werden aber nicht anerkannt. Manche sind Ärzte, Lehrer oder haben ein anderes Studium absolviert. Wieder andere sind weniger qualifiziert, arbeiteten aber bereits im Handel oder in handwerklichen Berufen.

Beobachter: Für das Asylwesen gibt die Schweiz im laufenden Jahr über 1,4 Milliarden Franken aus. Könnte mit diesem Geld in den Herkunftsländern nicht viel mehr geholfen werden?
Park: Letztlich braucht es beides; sowohl die Hilfe hier als auch vor Ort. Oft höre ich die Meinung, dass vor allem die Nachbarländer der Konfliktregionen Flüchtlinge aufnehmen sollten, weil die kulturellen Unterschiede nicht so gross seien. Aber stellen Sie sich vor, die Schweiz hätte in den vergangenen drei Jahren 2,5 Millionen Deutsche aufgenommen und die Welt würde sagen: «Die sollen nur da bleiben. Die haben ja eine ähnliche Kultur und Sprache», dann würden sich die Schweizer auch wehren. Im Libanon haben wir derzeit aber genau diese Situation. Mehr als jeder vierte Bewohner ist mittlerweile ein Flüchtling aus Syrien.

Beobachter: Es braucht in Europa also mehr Solidarität?
Park: Ja. Die europäischen Länder nehmen im Vergleich zu den konfliktangrenzenden Staaten sehr wenige Flüchtlinge auf. Nur vier Prozent der syrischen Flüchtlinge kommen nach Europa. Da können sich die Nachbarn von Krisenstaaten zu Recht fragen: Warum müssen wir die ganze Last tragen? Hinzu kommt: Viele Flüchtlinge sind im Erstaufnahmeland nicht sicher. Gerade für die Gefährdetsten und die Verletzlichsten braucht es das sogenannte Resettlement, bei dem Flüchtlinge Aufenthalt in einem sicheren Drittland bekommen. Amerika, Kanada und Austra­lien sind hier führend, Europa und auch die Schweiz könnten in diesem Bereich noch viel mehr tun. Dabei muss es nicht immer das Resettlement sein; es kann zum Beispiel über erleichterte oder erweiterte Familienzusammenführung gehen.

Beobachter: Was sagen Sie den Schweizern, die sich vor steigenden Asylkosten und sinkender Sicherheit fürchten?
Park: Wir stellen häufig fest, dass diejenigen, die am wenigsten Kontakt mit Flüchtlingen haben, am meisten Angst haben. Sogar in Amerika, das sich traditionell als Einwanderungsland definiert, verlief die Einwanderung nicht immer reibungslos. Es ist wichtig, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Mit globalen Trends wie dem Klimawandel ist zu erwarten, dass sowohl Flucht als auch Migration noch zunehmen werden. Migration wird weiterhin vor allem im Süden stattfinden, so wie das jetzt schon der Fall ist.

Beobachter: Die Terrororganisation Islamischer Staat publiziert Bilder und Videos ihrer Gräuel­taten. Viele Leute denken, solche brutalen Menschen wollen wir hier nicht. Können Sie das nachvollziehen?
Park: Hier ist das internationale Flüchtlingsrecht ganz klar: Die Verfolger, diejenigen, die solche Gräueltaten ausüben, haben kein Anrecht auf Asyl.

Flüchtlinge: Ein neuer Rekord

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es in diesem Jahr weltweit über 51,2 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende – über sechs Millionen mehr als 2013. Der massive Anstieg ist vor allem durch den Krieg in Syrien verursacht. Flucht und Vertreibung haben gemäss dem Flüchtlingswerk der Uno (UNHCR) im letzten Jahr auch in Afrika erheblich zugenommen – vor allem in Zentralafrika, gegen Ende 2013 auch im Südsudan. Die Fluchtbewegungen wirken sich auch auf die Schweiz aus. Von Juli bis September wurden 7825 Asylgesuche gestellt. Das sind rund 45 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Ursache für den Anstieg war die hohe Zahl von Migranten, die über den Seeweg in Süditalien eintrafen und in den Norden kamen.