Für die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland zahlt ein Flüchtling 1000 bis 2000 Euro. 2000 bis 8000 Euro – im Schlauchboot oder im Frachter – sind es von Libyen nach Italien. Hinzu kommen je nach Fluchtweg mehrere hundert oder tausend Euro für die Schlepper auf dem Landweg.

Für viele enden die letzten Meilen nach Europa tödlich. 2700 Flüchtlinge sind seit Anfang Jahr im Mittelmeer ertrunken, 430000 erreichten nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration europäische Küsten.

432'761 Flüchtlinge haben es seit Anfang Jahr über das Mittelmeer an eine europäische Küste geschafft (weiss). 2748 gelten als vermisst und sind wahrscheinlich auf der Bootsreise ertrunken (dunkelgrau). Die Dunkelziffer dürfte aber noch höher sein. (Infografik: Beobachter/Anne Seeger, Quelle: International Organization for Migration (IOM))

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Spätestens seit dem schrecklichen Fund von über 70 Leichen in einem Kühltransporter in Österreich ist klar: Flüchtlinge sterben nicht nur vor der «Festung» Europa, sondern auch drin.

Aber Flüchtlinge haben heute keine Wahl: Um überhaupt ein Asylgesuch stellen zu können, müssen sie zuerst die «Festung» Europa bezwingen.

Viele Schlepper sind selber Flüchtlinge

1420 Schleuser hat Deutschland seit Anfang Jahr verhaftet, die meisten auf Autobahnen. Das sind fast doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2014. Seit ­Ja­nuar nahm die Schweiz 50 Schlepper fest. Viele sind selber Flüchtlinge, die ihre Schulden für die eigene Reise abarbeiten müssen. Auch einfache ­Taxifahrer und Fischer lassen sich auf den Flüchtlingsrouten von hohen ­Margen verführen.

Die Hintermänner der Organisationen operieren nach Fahndererkenntnissen von Eritrea, Äthiopien, Ägypten, Griechenland und Italien aus. Das Geld aus dem Milliardengeschäft landet auch in der Schweiz. Der Profit ist laut der europäischen Grenzschutzagentur Frontex höher als im illegalen Drogen- und Waffenhandel.

Europa reagiert auf die Schlepper mit verstärkten Polizeikontrollen und Grenzzäunen in Ungarn und schon länger in Spanien. Ab Anfang Okto­ber sollen zudem bewaffnete Schiffe Schlepperboote im Mittelmeer beschlagnahmen, wie die EU-Minister am vergangenen Montag beschlossen haben. Bisher waren die Schiffe der European Union Naval Force (EU ­Navfor) nur für die Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen und zu Aufklärungszwecken im Einsatz. In einer weiteren Phase sind sogar Landeinsätze gegen Schlepper angedacht, etwa in Libyen. Dafür wäre allerdings eine Uno-Resolution nötig, die zurzeit am Veto von Russland scheitern dürfte. Das eidgenössische Aussendepartement versichert, dass die Schweiz in keiner Weise in Navfor-Einsätze involviert sei.

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«Noch mehr Tote und mehr Gewinn»

Flüchtlingsorganisationen kritisieren die militärische Aufrüstung. Sie sei blauäugig. «So lassen sich Migranten nicht aufhalten. Schlepper werden einfach noch unsicherere und teurere Wege nach Europa anbieten. Die Folgen ­wären noch mehr Tote und steigende Gewinne für die Schlepper, die man eigentlich bekämpfen will», sagt Balthasar Glättli, grüner Nationalrat und ehemaliger Generalsekretär von Solidarité sans frontières. Die Botschaft «Flüchtlinge willkommen» bekommt jedenfalls eine zynische Note.

«Aufrüsten ist blauäugig. Die Schlepper bieten dann einfach noch unsicherere Wege an.»

Balthasar Glättli, Nationalrat der Grünen

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Für Glättli wäre es viel sinnvoller, wenn Flüchtlinge Asylanträge bereits in Herkunftsländern und Krisenregionen stellen könnten, auch in Flüchtlingslagern. «Wer nach einer Vorabklärung Chancen auf Asyl hat, würde dann ein Visum erhalten, mit dem er legal in ein europäisches Land einreisen könnte.» So hätten auch ärmere Flüchtlinge die Chance, ein Gesuch zu stellen. «Ein definitiver Entscheid kann immer noch von weiteren Abklärungen im Zielland abhängig gemacht werden», so Glättli.

Kritik an Schweizer Alleingang

Vergangene Woche scheiterte Glättlis Vorstoss zur Botschaftsasyl-Wiedereinführung an der bürgerlichen Mehrheit im Nationalrat. Weniger weil ­Asylabklärungen vor Ort umstritten ­wären, sondern weil Kritiker einen Schweizer Alleingang für unsinnig halten. «Ursprünglich habe ich das Botschaftsasyl als ergänzende Möglichkeit begrüsst», sagt SVP-Nationalrat Hans Fehr. Denn die Leute würden vor Ort bleiben, bis die Schweiz einen Entscheid fälle. «Nachdem aber alle andern Länder diese Möglichkeit vor einigen Jahren abgeschafft hatten, wollten in der Folge des Irak-Kriegs Zehntausende über unsere Botschaften in Kairo, Amman und Damaskus in die Schweiz kommen. Damit brach das System zusammen», so Fehr. Im Juni 2013 kippte auch die Schweiz als letztes Land das Botschaftsasyl.

«Zehntausende wollten nach dem Irak-Krieg über die Botschaften in die Schweiz.»

Hans Fehr, SVP-Nationalrat

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Ein koordiniertes europäisches Vorgehen für Abklärungen vor Ort ist aber auch für Bürgerliche kein Tabu. Fehr: «Die Schweiz könnte durchaus eine aktivere Rolle für eine Wieder­einführung im europäischen Rahmen spielen. Ich zweifle allerdings am Erfolg einer solchen Massnahme.» Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ist gegen einen Alleingang. Es brauche jetzt «keine nationalen Lösungen, sondern europäische Antworten, die entwickelt und entschieden werden müssen», sagte sie im Nationalrat zum Pilotprojekt im westafrikanischen Niger.

Ende Jahr soll dort ein Zentrum ­eröffnet werden, in dem Flüchtlinge nicht nur geschützt, sondern auch ­realistisch über ihre Migrations- und Asylchancen aufgeklärt werden sollen. Ob dort irgendwann auch Asylanträge eingereicht und behandelt werden, ist unklar. Laut dem Staatssekretariat für ­Migration ist die Schweiz am Projekt nicht be­teiligt. Man wolle «die Erfahrungen in Ruhe abwarten».

«Die EU-Staaten sind am Anschlag»

Balthasar Glättli stört sich an der passiven Schweizer Haltung. In einer Anfrage will er jetzt wissen, wie sich der Bundesrat für Asylgesuche in Krisenregionen einsetzen will – allein oder mit anderen Ländern. «Die EU-Staaten sind bereits am Anschlag, wenn es um die Verteilung der aktuell einreisenden Flüchtlinge geht.» Es brauche jetzt Initiativen, die weitere Flüchtlingsdramen entschärfen können. «Gerade die Schweiz als Nicht-EU-Land könnte mit ihrer humanitären Tradition eine konstruktive Rolle spielen», so Glättli.

Einen Partner hätte die Schweiz. Der österreichische Aussenminister Sebastian Kurz (ÖVP) verlangt neben Schutzzonen in Krisengebieten auch Aufnahmezentren, in denen Flüchtlinge Asylanträge im Herkunftsland oder in sicheren Nachbarländern stellen können.

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Vorteile gebe es gleich mehrere. Asylbewerber könnten nach einer ­positiven Vorprüfung mit einem ­Visum legal und ohne Schlepper nach Europa reisen. Und manche, die keine Chance auf Asyl haben, werden vielleicht auf die gefährliche, illegale ­Reise verzichten.

Abklärungen vor Ort könnten ein weiteres Problem entschärfen: welches Land für das Verfahren eines Asylbewerbers zuständig ist. Das müsste dann nicht ausgehandelt werden, wenn die Menschen schon in ­Europa sind.