Beobachter: Was bedeutet der europäische Fussball für junge Spieler in Afrika?
Raffaele Poli: Es gibt in Afrika eine völlig überhöhte Erwartung an den Fussball. Millionen von jungen Afrikanern glauben an den Mythos, dass alle, die es nach Europa schaffen, dort bei einem grossen Klub Karriere machen können.

Beobachter: Sie sprechen in Ihrem neusten Buch von einem «Fussballermarkt». Sind die Spieler bloss eine Ware?
Poli: In einem gewissen Sinn schon. Ein Spieler hat einen Gebrauchswert und einen Tausch­wert. Sein Klub versucht also, ihn einerseits für die eigenen Ambitionen in der Meisterschaft zu nutzen, andererseits aber auch, ihn aufzuwerten, um ihn wieder verkaufen zu können. In diesem Sinn, und das ist nicht metaphorisch gemeint, ist ein Spieler eine Ware in einer Wertschöpfungskette. Dabei sind nicht nur die Klubs involviert, sondern immer häufiger auch private Investoren, die Transferrechte an einem Spieler besitzen. Die Schweizer Super League dient für sie als Schaufenster und Sprungbrett.

Beobachter: Und wie funktioniert dieses «Sprungbrett»?
Poli: Die Schweiz ist für afrikanische Spieler interessant, weil das Niveau der Liga zwar gut ist, aber nicht ganz so hoch wie etwa in Italien, Spanien oder England. Umfeld und Ausbildung sind gut, und so kann ein Spieler sich verbessern, sich an den europä­­ischen Fussball gewöhnen – und gesehen werden. Unter den Ländern, die die meisten Spieler in die fünf grössten europäischen Ligen exportieren, rangiert die Schweiz mittlerweile auf Rang vier – gleich hinter Brasilien, Argentinien und Portugal. Man weiss also, dass es in der Schweiz sehr gutes «menschliches Kapital» gibt, und das ermutigt die Agenten natürlich, Spieler in der Schweiz zu platzieren, um so die Wertschöpfungskette in Gang zu bringen.

Beobachter: Und wie viele Spieler schaffen den Sprung in die Spitzenklubs tatsächlich?
Poli: Weniger als zehn Prozent aller afrikanischen Spieler schaffen den Sprung von der Schweiz in eine stärkere Liga in Europa. Die übrigen bleiben noch einige Jahre in der Welt des Fussballs, ohne tatsächlich den Lift nach oben zu erwischen – und verschwinden dann irgendwann von der Bildfläche.

Beobachter: Profitieren auch die Herkunftsländer der ­Spieler von diesem Handel?
Poli: Die Länder profitieren kaum, hingegen die Klubbesitzer und die sogenannten Fussballakademien. Viele Verbandsfunktionäre in Afrika kontrollieren eines oder mehrere dieser Ausbildungszentren, und sie haben auch keine Skrupel, minderjährige Talente nach Europa zu verschachern. Die lokalen Eliten sind so oftmals die Komplizen bei der Ausbeutung von jungen afrikanischen Spielern.

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Beobachter: Und wie beurteilen Sie die Tatsache, dass ­immer mehr europäische Klubs in Afrika solche Akademien unterhalten?
Poli: Ein paar hunderttausend Franken in ein Trainingszentrum zu investieren und ab und zu hinzufliegen, wie dies die Berner Young Boys machen, reicht nicht. Man muss vor Ort präsent sein und kompetente Trainer haben, die es auch verstehen, Kontakte zu den wichtigen Leuten zu knüpfen. Aber Fussball ist ein sehr kurzfristiges ­Geschäft, langfristige Projekte funktionieren sehr selten. Partnerschaften zwischen europäischen und afrikanischen Klubs ­dauern deshalb auch selten länger als drei oder vier Jahre.

Kommt hinzu, dass die afrikanischen Partnerzentren oft keine Sekunde zögern, andere Klubs mit Spielern zu bedienen, wenn die Bedingungen stimmen. Euro­päische Vereine, die darauf setzen, ihren Nachwuchs längerfristig aus einer afri­kanischen Fussballakademie zu rekrutieren, handeln meiner Meinung nach ziemlich naiv.