Auf dem Handy zeigt Znarins Mann das Foto eines syrischen Mädchens. Es ist tot, letzte Woche ertrunken. Ertrunken auf der Flucht übers Meer, von der Türkei nach Griechenland. Die Mutter der Kleinen ist bei­nahe ebenfalls ums Leben gekommen, sie liegt im Koma in einem griechischen Spital. «Und wenn sie aufwacht und man ihr sagen muss, dass ihre Tochter tot ist?», fragt Znarin. Wie wird sie reagieren? Wird sie es verkraften können? Die 21-Jährige wischt sich ­eine Träne aus dem Auge und umklammert ihren Sohn Pel noch fester.

Znarin kennt die Familie des toten Mädchens; dessen Onkel stammt aus demselben Dorf im kurdischen Teil Syriens wie sie. Auch der Onkel ist in die Schweiz geflüchtet, er lebt in ­Zürich. Sie hat ihn vor ein paar Tagen besucht, sie haben zusammen getrauert. Znarins Stimme stockt. «Es ist so schrecklich.»

«Das ist es! Dentalassistentin!»

Es gibt momentan keine Normalität in Znarins Leben. Es bestehe aus der Schule, aus Pel und dem Haushalt, sagt sie. Und aus Erinnerungen. Dabei gäbe es auch Grund zur Freude, letzten Monat konnte sie erstmals Berufsluft schnuppern. Denn Znarin will weiterkommen, etwas ­erreichen. In Syrien studierte sie ein Semester Biologie. «Als Mädchen wollte ich Zahnärztin werden», erzählt sie. In den Herbstferien schnupperte sie als Dentalassistentin bei einem Basler Zahnarzt. Jetzt lächelt sie. «Das ist es, ich will eine Lehre als Dentalassistentin machen!» Im Beurteilungsblatt des Zahnarztes erreichte sie überall ein «Sehr gut», nur beim Selbstvertrauen ein «Gut». Zur Tauglichkeit schrieb er: «Znarin sollte die deutsche Sprache besser beherrschen, dann ist sie sehr gut geeignet für den Beruf.»

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Eigentlich positive Signale für die angestrebte Integration in die hiesige Gesellschaft. Doch die schwierige Gegenwart überdeckt den Blick in die Zukunft. Von den jüngsten Ereignissen ist auch Znarins Mann Nawras, 29, sichtlich mitgenommen. «Das Foto des toten Buben Aylan am Strand von Bodrum hat die Welt aufgerüttelt. Aber das passiert jeden Tag, jeden Tag! Es hört nicht auf.» Er schaut lange seine Frau an, den kleinen Sohn. Die Blicke sagen mehr als alle Worte. Dann sammelt er sich und redet weiter.

Der Sohn heisst Pel, das heisst «Welle»

Der Krieg in Syrien sei furchtbar, Amerikaner, Türken, Rus­sen, allen gehe es nur ums Geld, ums Erdöl. Die Menschen seien denen egal. Nawras sagt: «Meine Familie, sie alle kämpfen ­gegen den IS. Alle. Auch meine Schwestern. Auf Seiten des kurdischen Widerstands, der Volksverteidigungseinheiten.» Er selber könne ja nicht ­zurück, obwohl er sich eigentlich nichts sehnlicher wünsche.

Nawras floh vor sechs Jahren in die Schweiz. Er war politisch verfolgt, ihm drohte Haft oder gar die Hinrichtung, weil er auf den Rechten der Kurden ­bestand, sich nicht an die Vorschriften des Diktators Assad hielt. Auch er floh via Türkei, dann übers Meer. Über die Flucht mag er nicht reden. «Es war schlimm. Fertig.» Sein Sohn Pel, kurdisch für Welle, heisse so, weil das an die Flucht übers Meer erinnere. Jeden Tag. Nawras ist anerkannter Flüchtling, hat den C-Ausweis und arbeitet in Vollzeit als Coiffeur in Pratteln.

Znarin folgte ihrem Ehemann vor drei Jahren. Ebenfalls über die Bal­kanroute. Ihr Blick ist verschwommen, sie kann nicht darüber sprechen. Dann eine willkommene Abwechslung: Pel ruft «Uiuiui», fast hätte er ­einen Plastikball gegen den grossen Fernseher getreten. Znarins Gesicht wird weich, sie herzt den Zweijährigen, der in der Schweiz auf die Welt ­gekommen ist, und denkt an die ferne Heimat, wo sie so gern wäre, würde dort nicht Krieg herrschen.

Kein Bild erinnert an Syrien

Die junge Frau sitzt am Esstisch ih-rer Dreizimmerwohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Baselbiet. Znarin sieht müde aus, sie war den ganzen Tag in der Schule, musste dann Pel von der Tagesmutter abholen und das Abendessen kochen.

Die Wohnung ist blitzblank, karg eingerichtet, kein einziges Bild an der Wand. Die kleine Familie wohnt erst seit August hier, vorher hätten sie in ­einer Wohnung gelebt, die viel kleiner war, erzählt Znarin. Ein Erinnerungsstück aus Syrien ist nirgends zu sehen. «Auf der Flucht konnten wir nichts mitnehmen.» Fotos mag sie nicht, insbesondere keine von sich selber. Auch ihren Sohn fotografiert sie selten – als ob Bilder etwas festhalten könnten, das flüchtig ist, schnell unter­gehen kann. Wie das ertrunkene Mädchen.

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Wird der Kleine hier Freunde finden?

Znarin ist oft traurig, sie ist einsam und schüchtern. Sie kennt ihre Nachbarn nicht, sie kennt fast niemanden in der Schweiz ausser einigen anderen Exilkurden. Sie hat ihre Mitschülerinnen, natürlich, aber die haben alle ­keine Kinder und andere Interessen als sie. Sie zieht die Schultern hoch. Sie vermisst ihre Eltern und Geschwister. Und ihre Freundinnen.

Verlegen zupft sie an ihrem Rossschwanz. «Ich muss eine Lehrstelle finden, ich muss einfach», flüstert sie. Sie könne nicht gut nur daheim sein, dann falle ihr die Decke auf den Kopf. Und es kommen all die Gedanken und Sorgen: Wird Pel hier Freunde finden? Eine Heimat? Die Angst um die Angehörigen daheim, die an der Front kämpfen, ist immer da. Die Erinnerungen an die Flucht ebenfalls.

Nawras, ganz in Schwarz gekleidet, schaut seine Frau an. Er unterstützt sie, findet es gut, dass sie eine Aus­bildung machen möchte. Bis nächsten Sommer dauert die Integrationsschule noch. Und in zwei Jahren kommt Pel in den Kindergarten, dann werde es einfacher, meint er.

Znarins Klassenlehrer in der Basler Integrationsschule, Alexander Fretz, sagt: «Für Znarin gilt es besonders, ­eine Lösung zu finden, in der ihr Sohn nicht zu kurz kommt.» Das werde nicht einfach, aber er sei zuversichtlich, dass sie eine Lehrstelle finde. «Sie ist so motiviert, und auch ihr Deutsch wird immer besser.»

Beobachter-Serie

Die Integrationsklasse (Teil 2)

Der Beobachter berichtet in loser Folge über das Leben der jugendlichen Migranten Aurelio, Christian und Znarin, die die Klasse 2a der Integrationsschule Basel besuchen.

Hier werden junge Flüchtlinge, Asylsuchende oder Familiennachzügler, die zu alt sind für die Volksschule, aber zu jung für die Arbeitswelt, auf ihren späteren Weg vorbereitet. Erst lernen sie Deutsch, später kommt Berufswahlkunde hinzu. Wie geht es weiter mit ihrer Stellensuche? Wo stehen sie im Leben? Diesmal im Fokus: Znarin, 21, aus Syrien

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