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MigrationDie Herausforderung

Die Herausforderung
Szenen, die aufrütteln: Tausende Flüchtlinge mussten im Budapester Keleti-Bahnhof ausharren. Bild: Mauricio Lima/«The New York Times»

Menschen strömen aus Krisenregionen ins Europa der Hoffnung. Die Politik offeriert keine schnelle Lösung. Es braucht einen Kraftakt der Bevölkerung.

von Andres Büchi

Seit Generationen nimmt der Westen für sich in Anspruch, eine Art Blaupause für eine bessere, eine demokratischere Welt zu sein, in der sich jeder seine eigenen Ziele setzen darf, seine Träume finden kann. Das Modell erwies sich als äus­serst ­erfolgreich: Es hat die Produktivität ­erhöht, Innovationen hervorgebracht, den Fortschritt zugunsten der ganzen Welt exponentiell beschleunigt, uns selber über lange Jahre stets grösseren Wohlstand beschert und die Reichsten der Reichen noch reicher gemacht.

Um diese vermeintlich ideale liberale Welt zusammenzuhalten und vor Zerreissproben zu schützen, genügte es, sie in unserem überschaubaren, unmittelbaren Einflussbereich so austariert zu halten, dass ein soziales Netz diejenigen auffängt, die weniger Chan­cen haben. Das hielten wir für unser überlegenes Modell, dem andere nur nachzueifern hätten, damit alles gut kommt. Doch ein grosser Teil der Welt blieb bis heute weit zurück. Die Bilder aus dieser andern Welt kamen bis vor wenigen Jahren bestenfalls per TV-Schirm allabendlich in unsere Stuben. Ein Thema für den Polittourismus und hochtrabende, kaum je resultatorientierte Konferenzen – wenn überhaupt.

Doch im Zuge der Globalisierung, spätestens aber mit der Verbreitung von Smartphones und Youtube-­Videos flimmerten die Bilder unserer Vor­zeigewelt mit Vollkaskoschutz in die korruptionsgeschädigten Länder Afrikas, in die staubigen Städte im kriegsversehrten Mittleren Osten, in die strukturbröselnden Regionen der einstigen Ostblockstaaten im Süden Russlands, in die Elendsviertel überforderter Millionenmetropolen.

Der Traum vom westlichen Glück

Diese Bilder von Alltagsglück – millionenfach geteilt – haben eine Inflation von Ansprüchen ausgelöst, die wir nie werden einlösen können. Wir wissen das, und wir wissen es seit vielen Jahren. Wir wissen auch, dass wir unsere Privilegien von jeher nicht nur harter Arbeit und eigener Kraft verdanken, sondern zum Teil auf Kosten von Niedriglohnländern gesichert haben. Und wir wissen natürlich, dass nie ­jeder Weltbürger auf so grossem Fuss wird leben können, wie wir im Westen das seit Jahrzehnten so selbstverständlich tun. Auch deshalb gab es Grenzkon­trollen und Visumzwang für Länder, aus denen zu viele Menschen zu kommen drohten.

Doch wir befeuerten den Anspruch weiter wie ein religiöses Mantra, es möge sich jedem Menschen auf der Welt das globale Kaufhausparadies ­eröffnen, weil so die Wirtschaft weiterwächst und neue Märkte auch für uns erschliesst. Natürlich kann die Rechnung nicht aufgehen. Länder, die bevölkerungsmässig so rasch wachsen wie diejenigen im Nahen Osten und in Afrika, bräuchten selbst ohne Kriege Jahrzehnte, um ihren Einwohnern über den Besitz eines Smartphones ­hinaus tragende Perspektiven zu schaffen. Dazu kommt, dass viele ihrer Eliten korrupt, zerstritten oder schlicht un­fähig sind.

«Wir haben eine Inflation von Ansprüchen ausgelöst, die wir nie werden einlösen können.»

Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter

Es ist nur zu verständlich, dass insbesondere junge Menschen nichts als wegwollen, wenn sie sehen, dass es anderswo besser ist, die individuellen Chancen grösser sind und Freunde oder Verwandte es bereits ins ersehnte Land der Träume geschafft haben. Erst recht, wenn sie vor Krieg im eigenen Land flüchten müssen, wie dies momentan in Syrien der Fall ist.

So fühlen wir uns irgendwie verantwortlich, wenn auch nicht direkt schuldig am Migrationsdrama, das weit mehr ist als ein Zug von Kriegsflüchtlingen. Uns schwant, dass jetzt die Rechnung auf uns zukommt, die wir zu bezahlen haben für eine gerechtere Welt.

In unser prall gefülltes Warenhaus des Westens drängt ein Strom von Menschen, die ebenfalls berechtigte Ansprüche anmelden. Sie wollen nicht nur vor dem Krieg in ein sicheres Land flüchten, sie wollen in ein Land, das ihnen Perspektiven bietet. Und sie ­fordern diese Chance ein.

Die Utopie der Chancengleichheit

Wir realisieren, dass unser Idealbild offener Grenzen in ganz Europa und gerne propagierter Chancengleichheit von Kiruna bis Port Eliza­beth, von ­Seattle bis Schanghai nicht mehr ist als eine ferne Utopie, die stets den ­eigenen wirtschaftlichen Nutzen zuvorderst anvisierte und nie wirklich für alle gedacht war.

Jetzt steht Europa vor der grössten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Denn die Aufgabe, so vielen Menschen Unterkunft und Zukunftschancen zu bieten, wird jedem Aufnahmeland auf eine längere Zeit hi­naus ökonomisch, politisch, aber auch kulturell viel abverlangen. Leider ist kaum ein Land auf den Ansturm vorbereitet.

Europa droht eine Zerreissprobe

Viel zu lange war die EU einzig damit beschäftigt, Griechenland mit Ach und Krach voranzubringen, ohne den mit mehr politischem Willen als ökonomischem Verstand vorschnell lancierten Euro zu gefährden. Das Resultat: verletzte EU-Verträge, kaum je ­rückzahlbare Milliardenverpflichtungen, eine innereuropäische Abwanderung aus strukturschwachen in ökonomisch starke Regionen und nach wie vor dramatische Unterschiede der Euroländer bei Löhnen, Steuern und Sozialleistungen. All dies lastet auf den einzelnen Ländern und belastet das politische Klima in Europa.

Nicht jeder hat so viel Glück: Flüchtlinge erreichen Griechenland.
Quelle: Mauricio Lima/«The New York Times»

Europa steht vor einer gefährlichen Zerreissprobe: Man appelliert an die humanitäre Tradition, baut zugleich innereuropäische Grenzzäune, redet sich Mut zu («Wir schaffen das», Bundeskanzlerin Angela Merkel), will Zigtausende Flüchtlinge halbherzig umverteilen (wie soll das konkret funktionieren?), will Schlepperbanden das Handwerk legen und vermehrt Asyl­abklärungen in oder nahe den Herkunftsländern ermöglichen.

Machen wir uns nichts vor: Die ­Politik wird keine schnellen Lösungen anzubieten haben. Zu unterschiedlich sind die Standpunkte selbst innerhalb Europas, und der Strom der Hoffnungsuchenden aus Kriegs- und Elends­regionen wird, was immer wir tun, ­allein aufgrund der Wohlstandsunterschiede nicht so schnell abflauen.

Wir werden uns also arrangieren müssen. Wir werden uns einstellen müssen auf sehr grosse Veränderungen, die wir – unserer humanitären Tradition verpflichtet – möglichst anständig und gesellschaftsverträglich zu bewältigen haben.

Willkommensgrüsse reichen nicht

Was Hoffnung gibt, ist die Reaktion von Zehntausenden von Menschen in Europa, in der Schweiz, die helfen ­wollen. Es ist erfreulich, dass sich so viele Menschen solidarisieren mit den Kriegsflüchtlingen aus Syrien, dass sie Geld sammeln, Hilfe anbieten. Aber die Willkommensgrüsse, die Euphorie über die jetzt plötzlich so einfach möglichen guten Taten wie das Herzeigen eines «Flüchtlinge willkom­men»-Transparents werden nicht genügen. Sicher: Wir werden ermuti­gende Geschichten hören von Flüchtlingen, die alles zu geben bereit sind für ihr Gastland und es weiter vorwärtsbringen. Wir werden aber Rückschläge erleben, Geschichten hören von Menschen, die uns enttäuschen, unser System ausnutzen. Wir werden damit leben müssen.

Kurz: Wir werden einen langen Atem brauchen, weit über die ersten Willkommensbotschaften hinaus. Wir werden grosse Anstrengungen unternehmen müssen, um die arabisch geprägte muslimische Zuwanderung mit teils anderen Lebensvorstellungen zu integrieren. Wir werden zeigen müssen, dass wirs ernst meinen mit unseren Werten, dass wir die Menschen aufnehmen, die in akuter Not sind, ihnen in unserer Gesellschaft Perspektiven bieten, damit sich keine Parallelgesellschaften entwickeln können.

Die vielen Helden, die sich kümmern

Während die Politik zaudert, packt die Bevölkerung an: viele Schweizerinnen und Schweizer beteiligen sich aktiv an ehrenamtlichen Hilfsprojekten für Flüchtlinge. Was Sie selbst tun können, um das Leid der Flüchtlinge zu lindern, lesen Sie in unserer grossen Titelgeschichte.

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Hiesige Bedürftige nicht abdrängen

Und wir werden gleichzeitig alles dafür tun müssen, dass die jetzt geforderten Hilfeleistungen nicht zulasten einheimischer, ebenfalls anspruchsberechtigter Gruppen gehen, die auch auf genügend subventionierten Wohnraum, auf Sozialhilfe und Jobangebote angewiesen sind, sonst kann die Stimmung schnell kippen.

Das alles kann aber nur klappen, wenn wir uns nicht in politischen Grundsatzdebatten über ferne theoretische Lösungen verheddern, sondern zuallererst die akute Krise meistern, indem wir unaufgeregt und ohne politische Schuldzuweisungen pragmatische Lösungen suchen. Dafür ist jetzt jede erdenkliche Hilfe aus der Bevölkerung gefragt: Es braucht Angebote für Unterkünfte, Integrationsangebote, finanzielle Hilfe. Zeigen wir die Stärken unserer westlichen Gesellschaft. 

Veröffentlicht am 2015 M09 15