Die erste Etappe war die kürzeste. Am 5. Februar 1990 verliess Loges (zum Schutz des Informanten wurden Namen und einige Details geändert) zusammen mit seinem Cousin Lurden seine Heimat Sri Lanka. Sein Bruder arbeitete an der Nordküste, er kannte Fischer. «Du kannst mit ihnen gehen», hatte er gesagt. Loges ging, er war 17 Jahre alt. Es war seine Mutter gewesen, die ihn gedrängt hatte, Sri Lanka zu verlassen, das im Bürgerkrieg versank. Ihr dritter Sohn lebte da schon seit einigen Jahren als Asylbewerber in Rom. Es sollte eine lange Reise werden.

Loges und Lurden bestiegen den Trawler der unbekannten Schlepper. 100 Dollar pro Person kostete die nächtliche Überfahrt aufs Festland. Am nächsten Morgen landeten sie in einem Dorf im indischen Teilstaat Tamil Nadu. Ohne Pass, ohne ID. Mit nichts ausser etwas Bargeld. Und mit Angst. «Ich hatte mein Heimatdorf vorher kaum je verlassen», sagt Loges.

Heute, im Büro eines Basler Kleinbetriebs, muss Loges nicht lange nach Worten klauben oder im schütteren Haar mit Erinnerungen raufen. Seine Geschichte ist auch nach 15 Jahren noch präsent. Er erzählt sie in leisen, unaufgeregten Worten. Immer wieder muss er schmunzeln – über die Absurdität der Situationen, über seinen Fatalismus damals, über seine Odyssee.

Bürgerkrieg, prekäre Menschenrechtslage, instabile politische Verhältnisse und Perspektivlosigkeit sind laut Fachleuten klassische Push-Faktoren für Migranten. «Das Streben nach Verbesserung der Lebensumstände liegt in der Natur des Menschen. Ist der gewünschte Fortschritt nicht im eigenen Land zu erzielen, so wird das Glück fern der Heimat gesucht, auf legalen oder illegalen Wegen», schreibt dazu das Bundesamt für Migration (BFM) in einer Analyse. Und weiter: «Illegale Wanderung liesse sich auf Dauer nur zum Versiegen bringen, wenn das bestehende Wohlstands- und Demokratiegefälle zwischen den Herkunfts- und Zielstaaten ausgeglichen werden könnte. Dies wird in absehbarer Zukunft nicht der Fall sein.»

Laut Schätzungen wandern jährlich über 50'000 Menschen illegal nach Westeuropa ein (siehe Nebenartikel «Illegale Routen: Wege ins gelobte Land»). Es ist ein einträgliches Geschäft: Fachleute gehen davon aus, dass in Westeuropa mit Menschenschmuggel Jahresumsätze zwischen 8 und 13 Milliarden Franken erzielt werden – mehr als mit Drogenhandel. Und erst noch mit erheblich tieferem Risiko. Denn: Fliegt beim Schmuggel von Menschen die «Ware» auf, ist die Dienstleistung in der Regel längst bezahlt.

Netzwerke aller Art
«Wir gehen nach London. Das war unser Ziel. Das sagten wir uns immer wieder», erinnert sich Loges. Vom kleinen Bergdorf in Sri Lanka in die britische Metropole – man muss Träume haben im Leben. Der Bruder von Lurden hatte in England Asyl gefunden, er wusste, wie man eine Reise nach Westeuropa organisiert. Doch sein Tipp erwies sich als veraltet: Der Schlepper, mit dem Lurdens Bruder die Reise angetreten hatte, war inzwischen umgezogen. Als sie das herausfanden, waren Loges und Lurden bereits zwei Wochen in Indien unterwegs gewesen. Unterwegs in einem grossen, unbekannten Land. «Wir kannten niemanden, wir kamen nicht vorwärts. Natürlich haben wir uns überlegt, heimzukehren. Aber wir kannten ja nicht einmal den Rückweg», erzählt Loges. Er hält inne.

Das Vorhandensein einer Diaspora oder eines Netzwerks, eine günstige Wirtschaftslage und der Fürsorgestandard gelten als wichtigste Pull-Faktoren – Gründe, weshalb ein Land als Zielort gewählt wird. Vor allem die Netzwerke haben grosse Bedeutung: Es gibt private Netzwerke wie Familien, Klans und Nachbarn, deren Hilfestellung meist unentgeltlich ist, und kommerzielle Netzwerke wie Agenturen und Reisebüros, die illegale oder halblegale Reisen ermöglichen. Weiter existieren kriminelle Netzwerke, die ihre Kunden meist mit falschen Versprechen ködern und betrügen, politische Netzwerke, die Rückzugsraum anbieten, und humanitäre Netzwerke, die aus politischer Überzeugung Menschen in Not helfen. Laut BFM hat jeder Migrant, der sich im Schweizer Asylverfahren befindet, irgendwann im Lauf seiner Migration die Dienste eines dieser Netzwerke in Anspruch genommen.

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Falsche Papiere und Tausende Dollars
«Der Schlepper komme bald nach Bombay, hiess es. Wir mussten warten», fährt Loges fort. Sie warteten bis Ende April. In der Zwischenzeit hatte er seinen Goldring, den einzigen Reichtum, verhökert und mit seinem Cousin eine Wallfahrt zur Marienkirche in Bharanganam unternommen. Dann fuhren sie mit dem Zug in den Norden, standen zwei Tage auf dem Trittbrett, sie hatten kein Ticket: «Es war der reinste Horror.» Aber Bombay sollte noch schlimmer sein. Zu fünft bewohnten sie in der Metropole ein kleines Zimmer. Rumsitzen, Radio hören, Zeitung lesen, Briefe schreiben – eingesperrt, monatelang.

«Erst im September hatte der Schlepper eine Reisemöglichkeit organisiert. Nach Tansania. Das war nicht London. Wir gingen trotzdem», sagt Loges. Sie waren 14 Leute, als sie Indien verliessen. Für die Kosten – 10'000 Dollar pro Kopf bar auf die Hand – kam Loges’ Bruder in Rom auf. Alles ging gut, die Ausreise war problemlos, aber nach der Passkontrolle in Daressalam waren sie nur noch 13. Der Schlepper wurde verhaftet.

Doch auch Loges und die anderen durften nicht in das ostafrikanische Land einreisen. Wegen fehlender Impfausweise wurden sie zurückgeschickt. Glück im Unglück: Der Rückflug mit Umsteigen in Nairobi hatte Verspätung. Bei der Ankunft in der Hauptstadt von Kenia war der Flug nach Bombay schon weg, der nächste ging erst in zwei Tagen. Also versuchte die desperate Reisegruppe, den Flughafen illegal zu verlassen. Schliesslich hatten sie One-Way gelöst. Sie wollten in den Westen. «Ein Kollege des Schleppers versprach, etwas zu organisieren», erzählt Loges. Kostenpunkt: 100 Dollar pro Person. In der Not passt der Mensch durch jedes Schlupfloch. Es klappte. Ein pakistanischer Kleiderhändler und ein Kenianer brachte die Gruppe bis April in einem kleinen Hotel in Nairobi unter. Wieder hiess es: Warten. Eingesperrt sein. Ungewissheit.

Dann wagte Loges einen Ausfall. Er versuchte es mit manipulierten Papieren. Im April 1991, 14 Monate, nachdem er die Heimat verlassen hatte, flog er mit einem gefälschten Pass für 3'000 Dollar nach Amsterdam. Kurz vor der Landung zerstörte er den Ausweis und suchte als Papierloser in Holland Asyl. Kaum gelandet, kontaktierte er einen Cousin in Deutschland. Dieser riet ihm, in die Schweiz weiterzureisen. «Er sagte, er würde etwas organisieren», so Loges. «Etwas organisieren» – das war längst zum Leitmotiv geworden. Wenige Tage später kam ihn jemand abholen. Ein paar Tage verbrachte er bei irgendwem in einem Haus irgendwo in Deutschland. Dann kam wieder jemand und fuhr ihn nach Kreuzlingen. 1'500 Dollar kostete der Trip von Holland in die Schweiz. Dann war Loges am Ziel. Und allein. «Allein mit meinem Talent», meint er heute lachend. Damals war es nicht lustig. Die Odyssee, die ihm auch heute noch ins Gesicht geschrieben steht, war längst noch nicht vorbei.

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Acht Mal im Gefängnis
Die folgenden Wochen verbrachte er in einem Übergangsheim für Flüchtlinge in der Ostschweiz. Dann wurde er in die Zentralschweiz verlegt. Dort arbeitete er vier Jahre als Hilfskraft in einem Restaurant. Bis der abschlägige Asylbescheid eintraf. Am 6. Februar 1995, fast auf den Tag genau fünf Jahre, nachdem Loges Sri Lanka verlassen hatte, sollte er dorthin zurückkehren. Das Flugticket hatten die Behörden bereits gebucht. Wieder kontaktierte Loges jemanden, der etwas organisierte. Diesmal sollte es Deutschland sein. Doch beim illegalen Grenzübertritt in Basel, im Taxi eines Schleppers, wurde er von der deutschen Polizei aufgegriffen und zwei Tage später in die Schweiz zurück- und von dort nach Sri Lanka ausgeschafft. Nur dank der Intervention einer Bekannten, die zufälligerweise auf demselben Flug war, wurde Loges nicht schon bei der Einreise verhaftet. In der Folge sass er acht Mal im Gefängnis. Als Tamile steht man in Sri Lanka unter Generalverdacht, zu den Liberation Tigers of Tamil Eelam zu gehören.

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«Das war eine teure Reise. Vor allem wenn man am Schluss nicht ankommt», meint Loges. Es war klar, dass er die nächste Chance zu gehen packen würde. Als im April 1995 der Waffenstillstand brach und die Situation für die jungen Tamilen noch prekärer wurde, kontaktierte Loges wieder jemanden, der «etwas organisierte». Diesmal nach Paris. Doch die Reise klappte nicht. Am Schluss half das Glück: Im September 1995 heiratete Loges in Sri Lanka eine Schweizerin, mit der er vier Jahre zusammen war. Heute lebt er in Basel. Er wird demnächst den Betrieb übernehmen, in dem er vor fünf Jahren als Lehrkraft angefangen hat. Am Schluss ist Loges doch angekommen. Fast sechs Jahre, nachdem er sich das erste Mal aufgemacht hat.