Dätwyler geht es wie vielen in der Industrie. Der Urner Zulieferer hat eben erst den Schock über den starken Franken verdaut. Dafür hat er sein Geschäft neu sortiert, einen Konzern­bereich verkauft, andere dazugekauft. Aus dem einstigen Gemischtwarenladen ist ein fokussiertes Unternehmen geworden – ­«eines mit Zukunft», wie Konzernchef Paul Hälg feststellt. Man verfüge nun über Produktions­standorte in Europa, Amerika und Asien, die 7000 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von 1,4 Milliarden Franken. Keine Kleinigkeit für eine Firma hier in der tiefsten Innerschweiz.

In jedem zweiten Auto Gummi aus Uri

Das Gummiwerk in Schattdorf ist eines der modernsten in Europa. Man sieht ihm den radikalen Umbau an. Das Materiallager sieht noch etwas nach Ikea aus. Hinten in den Produktionshallen aber wird aus Kunst­stoff­kautschuk Hightechgummi geformt. 150 Geheimmischungen aus bis zu 15 Komponenten stellt Dätwyler aktuell her. Das Kilo Gummi kostet bis zu 30'000 Franken. Die zähe Teigmasse, die aus der Mischmaschine kommt, wird auf voll­automatisierten Werkinseln zu Spezialdichtungen verarbeitet.

Es sind Hochpräzisionsdichtungen, für Autobremsen, Katalysatoren, ABS-Systeme zum Beispiel, die in Schattdorf gefertigt werden. «In jedem zweiten Auto weltweit steckt auch ein Stück Dätwyler», sagt Werkleiter Christian Gisler stolz. Weltspitze sein gelinge aber nur, wenn die oben von der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eng mit denen unten vom Formenbau und von der Produktion zusammenarbeiten.

Oben im Büro eins – ein zweckmässig eingerichteter Raum mit perfekter Aussicht auf Gotthardautobahn und Bristen – arbeiten «ein Quotenschweizer», wie der lachend anfügt, und fünf Deutsche. Ohne sie gehe das nicht, sagt Gisler in breitem Urner Dialekt. Denn: «Eine Ausbildung zum Kautschuk-Materialwissenschaftler fehlt in der Schweiz. Die gibt es nur in Deutschland, wo die grossen Hersteller zu Hause sind.» Auch wenn man 60 Lehrlinge ausbilde und jährlich fünf, sechs Angestellte in die Technikerschule schicke, komme man um ­Spezialisten aus Deutschland einfach nicht herum.

Hätte die Schweiz schlechtere Karten?

Das genau ist die grösste Sorge der grossen Schweizer Konzerne: dass sie im inter­national geführten «war for talents», dem Kampf um die besten Leute, plötzlich mit schlechten Karten dastehen. Das zeigt die Exklusivumfrage über die SVP-Zuwanderungsinitiative, die der Beobachter bei den 30 grössten Schweizer Firmen, die an der Börse in Zürich kotiert sind, durch­geführt hat.

Die Frage, welche konkreten Auswirkungen ein Ja auf ihr Unternehmen und die Arbeitssituation hätte, wollten nur 18 detailliert beantworten. Die anderen zogen es vor zu schweigen. Das hat einen guten Grund, wie mehrere auf Nachfrage bestätigen. Man will sich nicht in die Politik einmischen. Und sich – wie der Uhrenkonzern Swatch – erst recht «nicht im Sinne von ‹Was wäre, wenn›» äussern.

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«Auf offenen Arbeitsmarkt angewiesen»

Andere formulieren etwas vornehmer. Nestlé etwa will «weder zu hypothetischen Folgen einer potenziellen Annahme oder Ablehnung von Volksinitiativen spekulieren noch zur Einwanderungspolitik Stellung nehmen». Eine klare Meinung hat der Nahrungsmittelriese trotzdem: «Für wei­tere Fragen bezüglich der Folgen für den Wirtschaftsstandort bitten wir Sie, sich an Economiesuisse zu wenden.» Dort anzuklopfen braucht man nicht. Denn der Wirtschaftsdachverband deckt die Öffentlichkeit fast täglich mit Meinungen, Berichten und neuen Studien ein, die alle das Gleiche sagen: Die SVP-Initiative ist gefährlich, sie setzt das Schweizer Erfolgsmodell aufs Spiel.

Andere Firmen, die vom Beobachter angefragt wurden, nehmen dagegen kein Blatt vor den Mund. Auch die Grossbank UBS nicht: «Als international tätiges Unternehmen sind wir auf einen offenen Arbeitsmarkt angewiesen. Sollte es zu einer Aufkündigung der bilateralen Verträge kommen, wäre mit sehr negativen ökonomischen Effekten zu rechnen, da für verschiedene Branchen der Marktzugang eingeschränkt würde und die Personenfreizügigkeit verlorenginge.» Und ohne Personenfreizügigkeit mit der EU würde die Schweizer Wirtschaft weniger rasch wachsen, weil ihr viele Fachkräfte fehlten, so die Grossbank weiter.

Die grössten Einschränkungen befürchten die Konzerne beim Engagement von Topleuten. Das hätte Konsequenzen für ­ihre Standorte in der Schweiz. So beispielsweise bei Novartis: «Sollte es zu Retor­sionsmassnahmen der EU oder der Kündigung der Bilateralen kommen, würde dies mittel- bis langfristig den Produktions­standort Schweiz insgesamt gefährden.» Ob ganze Bereiche ins Ausland verlagert würden, hänge auch von der konkreten Umsetzung der Initiative ab. «Je restriktiver das Quotenregime, umso grösser die Konsequenzen für die Aktivitäten in der Schweiz», so der Pharmamulti.

Das ist eine freundliche Umschreibung dafür, dass mit einer Beschränkung der ­Zuwanderung eine Abwanderung von Schweizer Jobs ins Ausland droht. «Falls wir bestimmte Spezialisten nicht in der Schweiz rekrutieren können, müssten wir auch Aufgaben vermehrt dorthin ver­lagern, wo die Spezialisten sind», so die Swisscom. Und wenn der Saatgutkonzern Syngenta nicht die besten Experten für Forschung und Entwicklung in der Schweiz anstellen oder an ausländische Standorte entsenden kann, verliere er an Innova­tionskraft. Die Folge: «Die entsprechenden Einrichtungen und Leute wandern ins Ausland ab.»

Sorgen macht man sich auch bei Dätwyler in Altdorf: «Es ist schlicht falsch, wenn die Initianten uns Schweizer Unternehmen Masslosigkeit  unterstellen», sagt Dätwyler-Chef Paul Hälg am Konzernsitz, auf halbem Weg zwischen Telldenkmal und dem Tellmuseum in Bürglen. «Es geht um den Standort Uri und die Arbeitsplätze meiner Leute.» Ohne Spezialisten aus dem Ausland könne seine Firma ihren Innova­tionsvorsprung gegen die internationale Konkurrenz nicht halten, befürchtet Hälg. Und ohne Innovation könne man nicht weiter ins Gummiwerk in Schattdorf investieren. Der weitere Ausbau zum Kompetenzzentrum «wäre nicht mehr möglich».

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Hälg, mit Anzug und eleganter Hornbrille das Gegenteil eines Hinterwäldlers, will das verhindern. Sein Herz schlage für die Schweiz, aber auch für die Industrie, in der er sein Leben lang gearbeitet hat. «Wir ­haben gerade – auch dank massiven Interventionen der Nationalbank – den Ein-Franken-zwanzig-Schock überwunden. Und jetzt kommt man und will uns den Zugang zum europäischen Markt wegnehmen, ohne dass man mit dieser Initiative ein Problem lösen würde.»

Der Export würde leiden, insbesondere die in Altdorf angesiedelte Dätwyler Cabling Solutions, fürchtet Hälg. Fast die Hälfte der Kabelproduktion gehe heute ins europäische Ausland, vieles an Flug­häfen, Bahnhöfe, Rechenzentren oder Spitäler; oft aus Aufträgen, die öffentlich ausgeschrieben werden. Ein Ende der Bilateralen hätte Konsequenzen. «Wir hätten hier keinen gleichberechtigten Zugang mehr und bekämen höchstens noch in Ausnahmefällen den Zuschlag.» Hälg rechnet deshalb mit einem Rückgang des Auftragsvolumens um bis zu 20 Prozent. Dann aber sei das Altdorfer Kabelwerk kaum mehr zu halten. Er jedenfalls sehe im Moment keine Lösung.

Kontingentsystem ist «schwerfällig»

Unsicherheit ist Gift fürs Geschäft – und Bürokratie das Schreckgespenst, das es zu bekämpfen gilt, bestätigt die Beobachter-Umfrage bei den grossen Firmen. Das gilt insbesondere für das von der Initiative geforderte Kontingentsystem. «Schwerfällig, bürokratisch», urteilt der Pharmazulieferer Lonza über dieses Verfahren, bei dem letztlich Beamte über die Zuteilung von Fachkräften entscheiden würden. Das erzeuge Unsicherheit. Und wenn keine Planungssicherheit mehr gewährleistet sei, «besteht die Gefahr, dass Investitionen und die Weiterentwicklung des Unternehmens in Regionen gemacht werden, in denen derartige wirtschaftliche Nachteile nicht bestehen», so Lonza. Der Industriestandort Schweiz stehe bereits unter Druck, man solle sich nicht «freiwillig noch weitere Probleme schaffen».

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Bank Bär warnt vor falschen Hoffnungen

Was Firmen beklagen, kann für Arbeitnehmer ein Vorteil sein. Denn wo es wenig Konkurrenz gibt, steigen automatisch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Zumindest die Löhne von Topleuten dürften «tendenziell ansteigen», wenn auch nur kurzfristig, heisst es beim Versicherer Swiss Life. Aber «ein sinkendes Wirtschaftswachstum – zurückzuführen auf Fachkräftemangel und strukturelle Veränderungen – kann mittelfristig zu einer Verlang­samung des Lohnwachstums und sogar zu einer Lohnsenkung führen», ergänzt Konkurrent Bâloise.

Kein Verständnis haben die befragten Konzerne dafür, dass die SVP-Initiative die Bilateralen leichtfertig aufs Spiel setze. Die Bank Julius Bär warnt ausdrücklich vor falschen Hoffnungen an Nachverhandlungen, wie sie die SVP anstrebt. «Es muss davon ausgegangen werden, dass neue Vertragswerke deutlich vorteilhafter für die EU-Staaten ausfallen würden und sich dadurch unsere Position schwächen würde.» Auch für einen weltweit tätigen Vermögensverwalter wie Bär sei es leider nicht möglich, das Europageschäft «durch Drittlandgeschäfte zu kompensieren».

Solche Argumente, die Medienstellen gern in schlagzeilenträchtige Slogans gies­sen, sind Dätwyler-Chef Paul Hälg dann doch etwas zu abstrakt. Viele Menschen draussen im Land könnten kaum nachvollziehen, was das Ende der Personenfreizügigkeit für eine Firma konkret bedeute. Denn das Kontingentsystem, mit dem man bis 2002 grosse Erfahrungen habe sammeln können, habe nie gut funktioniert. Gute Kautschukspezialisten etwa seien ­international gesucht, sie können immer zwischen mehreren Arbeitgebern wählen. Wenn nun wie unter dem alten Kontingentsystem Anstellungen um ein halbes Jahr und mehr verzögert werden, zögen viele ihre Bewerbung zurück, befürchtet Paul Hälg.

Er jedenfalls habe damals nie die Leute bekommen, die er eigentlich wollte. «Wir brauchen aber die Besten, um unseren ­Innovationsvorsprung halten zu können, und nicht diejenigen, die verzweifelt einen Job suchen», sagt Hälg. Wenn nach dem Willen der SVP auch noch der Familiennachzug erschwert werde, wirke das zusätzlich abschreckend.

«Dätwyler als internationaler Konzern stünde nach einem Ja zur SVP-Initiative genauso strahlend da wie heute. Aber unsere zwei Standorte im Kanton Uri würden leiden», sagt deshalb Hälg. «Es geht um die Jobs hier in Altdorf und Schattdorf.»

Was Fachleute zu den Auswirkungen der Zuwanderungsinitiative sagen

Jan-Egbert Sturm, steigen bei einem Ja zur Zuwanderungsinitiative die Löhne hierzulande, insbesondere die von Fachkräften?

Kurzfristig dürfte ein Rückgang des Arbeitsangebots zu einem Anstieg des Lohnniveaus führen. Längerfristig dürfte aber die Verknappung des «Faktors Arbeit» dazu führen, dass Arbeitnehmer zu teuer werden, was zu Verlagerungen ins Ausland und/oder zu vermehrten Investitionen in Maschinen führen könnte. Eine reduzierte Migration würde zudem den Fachkräftemangel verschärfen, der im Zuge der demografischen Alterung generell zunehmen wird. Grös­serer Fachkräftemangel hat auch negative Auswirkungen auf Personen, die in Bereichen arbeiten, die Stellen ergänzen, die nicht besetzt werden können. So könnten auch die Beschäftigungschancen von Bauarbeitern sinken, wenn die nötigen Ingenieure nicht gefunden werden. Zudem erhöht der verschärfte Fachkräftemangel generell die Kosten. Dadurch dürfte die Wettbewerbsfähigkeit des Innovations­standorts Schweiz sinken, was sich negativ auf unsere langfristige Produktivitäts- und ­damit Einkommens­entwicklung auswirkt.

Es gibt zwar gewisse empirische Befunde, die zeigen, dass eine Beschränkung der ­Migration das Lohn­niveau von Hochqualifizierten und früher Zugezogenen kurzfristig geringfügig verbessert. Langfristig würde sie allerdings mit einem – wenn auch äusserst moderaten – Rückgang des Lohnniveaus von Einheimischen einhergehen.

Jan Egbert Sturm leite die Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH Zürich

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George Sheldon, wie würde sich ein Ja zur Zuwanderungsinitiative auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirken?

Es hätte keinerlei Auswirkungen. Denn Kontingente haben nie ­eine starke Zuwanderung verhindert. Im Gegenteil: Der starke Zustrom von Arbeitskräften aus der EU setzte Mitte der neun­ziger Jahre ein und ­erreichte 2002 seinen Höhepunkt. Das alles geschah unter dem Kontingentsystem. Seit die Personenfreizügigkeit gilt, steigt zwar der Anteil der ausländischen Bevölkerung weiter. Aber es kommen nicht etwa mehr Zuwanderer, sie bleiben bloss länger. Dazu kam es, weil die erstmalige ­Aufenthaltsbewilligung für ­EU-Angehörige von einem Jahr auf fünf Jahre erhöht wurde. Die Initiative fusst auf einer ­falschen Diagnose. Was die SVP als Rettung bezeichnet, ist also die Ursache für die starke ­Zuwanderung. Auch die höhere Arbeitslosigkeit unter Zugewanderten ist eine Altlast des alten Kontingentsystems, unter dem zu viele Tiefqualifizierte einwanderten. Die Ängste der Wirtschaft vor ­einem Mangel an Fachkräften sind dagegen übertrieben. Unter dem Druck der Firmen bemässe der Bundesrat grosszügige Kontin­gente, insbesondere diejenigen für Fach­kräfte. Daher ist es eine Illusion, zu glauben, dass der Lohndruck ­abnähme und die Löhne der Schweizer stiegen. Gefährlich ist die Initiative aus einem anderen Grund: Sie gefährdet die bilateralen Abkommen. Bei einer Kündigung nähme die Wirtschaft beträchtlichen Schaden.

George Sheldon ist emeritierter Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Uni Basel

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Nicole Wagner, werden durch ein Nein zur Zuwanderungsinitiative die Ausgaben für die Sozialhilfe steigen?

Aus Sicht der Sozialhilfe Basel kann diese Befürchtung nicht belegt werden. Denn trotz hoher Arbeitslosenquote in einzelnen EU-Staaten stellen wir keine spürbare respektive überproportionale Zunahme der Sozialhilfequote dieser Staats­angehörigen fest. Sowohl die individuellen Notlagen, die Menschen zur Sozialhilfe zwingen, als auch die gesellschaft­liche Wirklichkeit sind komplexer und vielschichtiger: Armut bildet in aller Regel einen Lebensweg ab, der von schlechten Startbedingungen, Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt oder/und persönlichen Zwangslagen geprägt ist.

Armutsbekämpfung erfolgt ­daher in erster Linie über ­arbeitsmarktliche und soziale Integration. Diese ist aber nur durch ein gesundes wirtschaft­liches Wachstum möglich, das wesentlich zu einer hohen Beschäf­tigungsrate beiträgt und damit zur Integration aller in der Schweiz Wohnhaften. Die Folge: eine gute Lebensqualität für die gesamte Bevölkerung und sozialer Friede. Die Initiative, die eine Rückkehr zum System der staatlichen Kontingentierung von Arbeitsbewilligungen vorsieht, würde die Sozialhilfequote kaum senken, unter Umständen sogar durch unpassende Kontingente das Gegenteil bewirken. Insbesondere lenkt die Initiative von den aktuellen gesellschaftlichen Fragen und Problemen ab und sondert die armutsbetroffene Bevölkerung aus.

Nicole Wagner ist Leiterin der Sozialhilfe Basel-Stadt

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Christian Schwick, wird mit einem Ja zur Zuwanderungsinitiative verhindert, dass die Schweiz weiter zersiedelt wird?

Die drohende Zersiedelung der Schweiz wird von den Befürwortern der Zuwanderungs­initiative zunehmend als Argument gebraucht. Die Gleichung «weniger Zuwanderung = weniger Zersiedelung» ist so jedoch nicht richtig. Sicher benötigen mehr Einwohner mehr Siedlungsfläche. Wie stark die Zersiedelung zunehmen wird, hängt ­jedoch stärker von anderen Faktoren ab. Bei steigendem Wohlstand wird mehr Wohnfläche pro Kopf verbraucht. Geänderte soziale Umstände wie der höhere Anteil an Singlehaushalten und die hö­here Lebenserwartung führen ebenfalls zu steigenden Wohnflächen pro Person. Zudem verstärken die zunehmende Mobilität und das Pendeln über weite Distanzen die Zersiedelung.

Einer der wichtigsten Treiber ist aber die ungenügende Raumplanung in den meisten Kantonen. Dass es anders geht, zeigt sich im Kanton Genf. Hier hat eine strenge Raum­planung dazu geführt, dass seit 1980 die Zersiedelung um 30,1 Prozent abnahm, obwohl im selben Zeitraum die Anzahl der Einwohner im Kanton um 29,6 ­Prozent stieg. Das war möglich durch mass­volle Verdichtung und konsequenten Schutz der Kulturflächen. Wenn also die Zersiedelung wirksam bekämpft werden soll, muss das in erster Linie über eine konsequente Handhabung einer strikten Raumplanung auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene erfolgen.

Christian Schwick ist Geograf und Mitinhaber der Planungsfirma «die Geographen schwick+spichtig»

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Jürg Dietiker, ändert ein Ja zur Zuwanderungsinitiative etwas an der Überlastung der Verkehrsinfrastruktur?

Leider nein, so einfach ist eine Lösung nicht zu haben. Wohl sind die Symptome klar: Ja, wir haben volle Züge. Ja, wir stehen öfter im Stau. Ja, wir zahlen hohe Mieten. Doch was steckt dahinter? Als Planer ziehe ich vorerst die wissenschaftlichen Statistiken bei. Sie zeigen: Natürlich trägt auch die Einwanderung zu diesen Effekten bei, aber nicht entscheidend. Quantitativ massgebend für die Verkehrszunahmen sind die gestiegenen Mobilitätsbedürfnisse der gesamten Bevölkerung. So sind die mit dem Auto gefahrenen Kilometer pro Kopf seit 1960 um den Faktor 3,4 gestiegen. Ein Grund dafür ist: Wir sind das reichste Land der Welt. Und wir können und wollen uns diese Mobilität leisten. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, lassen sich die Verkehrsprobleme nicht mehr mit den traditionellen Angebotsplanungen und Weiterausbauten lösen. Das grundsätzliche Dilemma drückte der deutsche Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald bereits 1912 so aus: «Wir sind im Begriff, auf einer endlichen Grundlage ein unendliches Konsumexperiment durchzuführen.» Man wird nicht darum herumkommen, mit der heutigen Verkehrs­situation zu leben. Es sei denn, man packt das Problem mit ­einer konsequenten Siedlungs- und Mobilitätspolitik an der Wurzel an. Doch dafür ist, f­achlich gesehen, die Initiative kein taugliches Rezept.

Jürg Dietiker ist emeritierter Professor für Verkehr und Städtebau an der ZHAW

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Fredy Hasenmaile, würde ein Ja zur Zuwanderungsinitiative die Preisexplosion auf dem Wohnungsmarkt stoppen?

Gemäss unseren Berechnungen beschert das der Schweiz ­langfristig geringere Zuwanderungszahlen zum Preis eines tieferen Wirtschaftswachstums. Beschränkungen der Zuwanderung griffen erst nach rund drei Jahren, weil der Initiativtext ­eine Übergangszeit ­gewährt. Kurzfristig wäre ein empfindlicher Rückgang des Beschäftigungswachstums zu erwarten. Unsicherheiten über das Verhältnis zu Europa wären Gift für Investitionen; dazu zählen auch Personaleinstellungen. Der Arbeitsmarkt würde mit ­etwa einem Jahr Verzögerung auf die Zuwanderung durchschlagen und die Nachfrage nach Wohnraum senken. Davon wäre vorab der Mietwohnungsmarkt betroffen. Auswirkungen auf den Markt für Wohneigentum dürfte es nur sehr ein­geschränkt geben. Die Preise sind hauptsächlich von den ­tiefen Zinsen beflügelt worden, und darauf hätte die Abstimmung keine Auswirkung. Am ehesten ­hätten die Verunsicherung und die Eintrübung der Beschäftigungssituation einen dämpfenden Effekt auf die Nach­frage. Zu der erfolgten Zinswende und der verschärften Regulierung würde sich damit ein dritter Bremsfaktor gesellen, so dass Ende 2014 ein leichtes Minus bei den ­Eigentumspreisen resultieren könnte. Solange die Zinsen aber weit unter ihren historischen Mittelwerten notieren, dürfte das hohe Preisniveau ­solide verankert sein.

Fredy Hasenmaile ist Leiter Immobilien-Analyse der Credit Suisse

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Felicitas Huggenberger, hilft ein Ja zur Zuwanderungsinitiative gegen steigende Mieten?

Die Annahme würde den Trend zu immer höheren Mieten nicht brechen. Drei Faktoren waren in Zürich verantwortlich: die Ausrichtung des privaten Wohnungsbaus auf Eigentums- und über­dimensionierte Mietwohnungen, die hohe Zahl von Luxussanierungen sowie die massiven Aufschläge bei der Weitervermietung von (Alt-)Wohnungen.

Wenn wir die Zuwanderung noch stärker auf hochqualifizierte und zahlungskräftige Arbeitnehmer ausrichten, wie das die Initiative fördert, wird es mit den Mieten weitergehen wie bisher. Andere Massnahmen wirken deutlich besser gegen die Mietexplosion:

  • Statt teurer Eigentumswohnungen, die sich nur Doppel­verdiener ohne Kinder leisten können, müssen viel mehr ­kleinere und bezahlbare Wohneinheiten erstellt werden.
  • Wer Mieter aus der Wohnung wirft, um einen höheren Ertrag zu erzielen, darf vom Gesetz nicht mehr ­geschützt werden.
  • Schlägt der Eigentümer beim Einzug neuer Mieter auf, muss er den Nachweis erbringen, dass er keinen übersetzten Ertrag erzielt.


Wirksam wäre auch, die Bodenspekulation einzudämmen. Indirekte Immobilienanlagen treiben die Bodenpreise in die Höhe. Mietern hilft die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus, der auf spekulative Mieterhöhungen verzichtet. Bauland für Genossenschaften muss darum prioritär werden.

Felicitas Huggenberger ist Geschäftsleiterin des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich

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