Odilo Noti ist Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz und dort zuständig für den Bereich Kommunikation. Der 62-jährige Walliser ist promovierter Theologe und arbeitet seit 26 Jahren für das Hilfswerk.

Beobachter: Flüchtlinge, die in ­deutschen Bahnhöfen von ­der ­jubelnden Menge empfangen werden, als wären sie Popstars – was lösen diese Bilder bei ­Ihnen aus?
Odilo Noti: Sie bewegen mich. Sie sind ein Bürgerstatement, das Empathie und Sympathie ausdrückt. Ich habe überhaupt einen grossen Respekt davor, wie man in Deutschland mit dem Flüchtlingsdrama umgeht. Da könnte sich die Schweiz ein Stück abschneiden, gerade die politische Schweiz.

Beobachter: Der Applaus wird nicht ewig anhalten.
Noti: Das ist normal. Eins ist dabei wichtig: Migranten sind Leute wie du und ich. Da gibt es sympathische und weniger sympathische, angepasste und weniger angepasste, solche, an denen wir Freude haben werden, und solche, die uns enttäuschen. Man soll Flüchtlinge nicht überhöhen, muss sie auch nicht dauernd beklatschen, sondern ihnen helfen, weil sie in Not sind.

Beobachter: Die Welle der Hilfsbereitschaft hat auch die Schweiz erfasst, obwohl hier die Flüchtlingsströme bislang ausgeblieben sind. Woher kommt diese Anteilnahme?
Noti: Von der Macht der Bilder. Die Stimmung ist mit den Fotos der 71 erstickten Flüchtlinge im Schlepperlast­wagen und denjenigen des toten dreijährigen Buben am Strand gekippt. Das würde ich nicht kritisch beurteilen: Bilder können echte Emotionen wecken, nicht bloss oberflächliche.

Beobachter: Welche symbolische Kraft hat die ­gegenwärtige ­Solidarität?
Noti: Sie ist ein starkes moralisches Signal, das eins klarmacht: Nicht die ganze Schweiz denkt in Kategorien von Ablehnung und Ausgrenzung.

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Beobachter: Beeinflusst dies auch die Politik?
Noti: Durchaus. Ein solches Signal könnte dazu beitragen, dass sich unsere ­Politik endlich eingesteht, dass die Strategie der Abschottung von A bis Z versagt hat. In der Migrationspolitik ­agieren die Parteien, wenn nicht ablehnend, so doch sehr mutlos. Das ­Zeichen von unten kann ein Weckruf sein, zupackender und konstruktiver zu handeln.

Beobachter: Ist denn die momentane Stimmung mehr als bloss ein Hype?
Noti: Ich tue mich schwer, diese zu qualifizieren. Es wäre anmassend, hilfsbereiten Leuten zu unterstellen, sie würden nur auf einer kurzfristigen Welle mitsurfen. Es ist aber klar: Damit ein ­ehrenamtliches Engagement eine ­gewisse Beständigkeit erreicht, muss man es mit Freude machen, es muss einem liegen. Es bringt niemandem etwas, aus irgendeiner Askese heraus Freiwilligenarbeit zu betreiben.

«Mein Rat an alle, die jetzt helfen wollen: Erfindet die Welt nicht neu, sondern dockt an die existierenden Initiativen an.»

Odilo Noti

Beobachter: Welchen Stellenwert hat die Freiwilligen­hilfe im stark regulierten ­Migrationsbereich überhaupt?
Noti: Sie ist zunächst einmal Ausdruck ­einer Werthaltung, von Solidarität, Ausdruck eines bürgerschaftlichen En­gagements jenseits des Staats – das ist an sich schon wertvoll. Aber ehrenamtliches En­gagement muss immer sub­sidiär sein, soll also ein bestehendes System ­unterstützen. Das Asyl- und Flüchtlingswesen ist prinzipiell eine Aufgabe des Staats. Das kann man nicht einfach Privaten überlassen, sie wären auch schnell einmal überfordert. ­Gerade im Flüchtlings­bereich hat man es oft mit kriegs­traumatisierten Menschen zu tun. ­Damit umzugehen ist Sache von Fachleuten, nicht von Laien.

Beobachter: Das klingt nicht gerade ermutigend für alle, die jetzt helfen wollen. Wohin sollen sie mit ihrer Hilfsbereitschaft?
Noti: Es gibt bei uns ja schon lange ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge, nicht erst seit den aktuellen Ereignissen. Entsprechend bestehen bereits viele wichtige Aktivitäten, vor allem lokal in den Gemeinden – dort, wo die Flüchtlinge leben. Mein Rat an alle, die jetzt helfen wollen: Erfindet die Welt nicht neu, sondern dockt an diese existierenden Initiativen an. Und macht keine Alleingänge, ­sondern schliesst euch mit Gleichgesinnten zusammen.

Beobachter: Finden Sie es in Ordnung, wenn man ­Flüchtlingen hilft, um sich selber besser zu fühlen?
Noti: Durchaus. Man darf die Flüchtlinge aber fürs ­eigene Wohlbefinden nicht miss­brauchen.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Noti: Die Helfer müssen den Mi­granten auf Augenhöhe begegnen. Man darf Flüchtlinge nicht als naive Objekte unserer Wohltätigkeit anschauen. Wir hören Geschichten von jungen Menschen, die schon Jahre auf der Flucht sind. Da muss man sich einmal über­legen, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Diese Leute wissen wortwörtlich, wie man sich durch die Welt schlägt. Sie bringen einen Rucksack mit – im Schwierigen wie im Guten. Und sie haben eine menschliche Würde, mit der man entsprechend umgehen muss.

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«Die Flüchtlinge haben ein Anrecht ­darauf, dass man sich um sie kümmert.»

Odilo Noti

Beobachter: Darf man Dankbarkeit erwarten?
Noti: Psychologisch gesehen schon. Auf der anderen Seite: Diese Menschen sind in Not, sie haben ein Anrecht ­darauf, dass man sich um sie kümmert.

Beobachter: Was wird von der aktuellen ­Betroffenheit bleiben? Anders gefragt: Wird sich ­unsere ­Sensibilität gegenüber den Flüchtlingen ­nachhaltig ­ändern?
Noti: Ich hoffe es. Persönliche Veränderungen geschehen aufgrund von grundlegenden Erfahrungen. Durch die Szenen, die wir jetzt in Europa erleben, wird vielen die Flüchtlings­realität erstmals so richtig bewusst – und zwar über Gefühle, über den Bauch, nicht über den Kopf. An die Bilder der Menschen, die auf der Autobahn oder auf den Gleisen Richtung Österreich marschieren, wird man sich noch lange erinnern. Das ist schon ein Einschnitt. Es wird vielen klar: Die Migration wird uns weiter begleiten, sie ist ein neuer Faktor unserer Lebenswirklichkeit.

Beobachter: Gibt es einen Schlüssel, um gut damit umzugehen?
Noti: Das Verrückte an der Migration ist doch: Es kommen Leute zu uns, weil sie ein existenzbedrohendes Problem haben. Und wir machen sie zu einem Problem für uns. Von dieser schiefen Logik sollten wir wegkommen.