Im Prinzip ja. Wer in seinem Heimatland an Leib und Leben bedroht ist, hat Anrecht darauf, in der Schweiz aufgenommen zu werden – zumindest vorübergehend. Natürlich sind in einem Verfahren die besonderen Umstände jedes Einzelfalls massgebend, doch als grobe Richtschnur gilt: Wer Teil eines Unterdrückerregimes war und deshalb jetzt von Aufständischen bedroht ist, kann in der Schweiz bleiben – davon ausgenommen sind nur die obersten Verantwortlichen.

Diese Frage kann niemand beantworten. Experten sind sich allerdings einig, dass entscheidend sein wird, wie sich die Situa­tion in Libyen entwickelt. Versinkt das Land weiter im Chaos, könnte es zu einer Massenflucht kommen. Und diese Flüchtlinge hätten auch Anspruch darauf, aufgenommen zu werden, da sie ja nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen fliehen.

Für diesen Fall rechnen viele Experten nicht mit einer eigentlichen Flüchtlingswelle. Zudem dürfte die Schweiz für viele nicht erste Wahl sein. Denn hier leben gerade einmal 20'000 Menschen aus Ägypten, Tunesien, Marokko, Algerien und Libyen. Und häufig gehen Flüchtlinge dorthin, wohin schon Landsleute und Angehörige geflüchtet sind. 2010 stellten knapp 1000 Personen aus Nord­afrika in der Schweiz einen Asylantrag. Anerkannt wurden laut Schweizer Flüchtlingshilfe nicht einmal 50.

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Quelle: Mohamed Messara, Keystone

Wenn Flüchtlinge in Italien aufgegriffen werden, müssten die italienischen Behörden diese registrieren. Gestützt auf das Dublin-Abkommen, wäre Italien dann zuständig – als erster europäischer Staat, in dem ein Asylbewerber eingereist ist. Doch das ist die Theorie. Italien hat Europa bereits gewarnt, dass es einen Massenansturm nicht bewältigen könnte. Sollte sich Europa über eine Verteilung nicht ­einig werden, könnte Italien etwa neue Flüchtlinge einfach unregistriert weiterreisen lassen. Dann würde es für die Schweiz schwierig bis unmöglich, diese nach Italien zurückzuschicken.

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Der direkte Handel mit den nordafrikanischen Ländern ist nicht sehr bedeutend. Selbst Libyen, woher die Schweiz noch im Jahr 2008 Erdöl für mehr als drei Milliarden Franken einführte, ist heute kein bedeutender Handelspartner mehr. Weitaus härter treffen könnten die Schweizer Wirtschaft aber die indirekten Folgen einer längeren Krisensituation in Libyen, weil als Folge der Ölpreis in die Höhe schnellen könnte.

Quelle: Mohamed Messara, Keystone
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Der wichtigste Absatzmarkt ist Ägypten. Dorthin verkaufen Schweizer Unternehmen vor allem Medikamente und Chemikalien. An zweiter Stelle folgen mit grossem Abstand Maschinen und Apparate. Drittwichtigstes Exportgut sind Uhren und Präzisionsinstrumente. Trotzdem warnt die Organisation für Schweizer Aussenwirtschaftsförderung (Osec) davor, die nordafrikanischen Länder wirtschaftlich zu unterschätzen. Sollte sich die Lage stabilisieren, rechnen die Osec-Experten vor allem für Ägypten mit seinen über 80 Millionen Einwohnern mit einem grossen Potential für die Schweizer Wirtschaft.

Beim Import fällt tatsächlich Öl am stärksten ins Gewicht. So importierte die Schweiz aus Libyen und Algerien fast ­ausschliesslich Erdöl. Aus Marokko und Ägypten führen wir hingegen vorwiegend Nahrungsmittel ein, etwa Erdnüsse, Tomaten, Bohnen und Reis.

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Da sich bei diesen Aufständen kaum je Gewalt gegen Touristen richtete, rechnen Reiseexperten damit, dass sich die Nachfrage schon bald wieder auf Vorjahresniveau einpendelt. Grosse Schweizer Reisebüros schicken bereits ab März wieder Charterflüge in ägyptische Badedestina­tionen. Wenn sich die Lage nicht plötzlich wieder verschlechtert, wollen sie ab April zum Normalbetrieb übergehen. Denn Ägypten zählt zu den zehn wichtigsten Reisezielen von Schweizern überhaupt.

Quelle: Mohamed Messara, Keystone
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Sollte sich Ägypten zu einer Demokratie entwickeln und stabil bleiben, vermuten Fachleute, dass die Destination weiter zulegen wird. Denn jene Leute, die bisher aus politischen Gründen fernblieben, könn­ten zumindest mittelfristig für einen Wachstumsschub sorgen. In den touristisch bisher unbedeutenden Ländern Algerien und Libyen würden selbst stabile und demokratische Verhältnisse kaum ­einen Boom auslösen. Erst wenn auch die tou­ristische Infrastruktur steht, könnte ge­schehen, was heute unvorstellbar scheint: Wir finden im Briefkasten die erste Postkarte mit «Liebe Grüsse aus dem erholsamen Libyen».