Die zweijährige Dakshajaa sitzt auf dem Teppichboden. Vor dem tamilischen Mädchen stehen ein Formkasten und farbige Holzklötze: Kugeln, Würfel, Sterne. Die Hausbesucherin Prema Vigneswaran nimmt eine Kugel und legt sie dem Mädchen in die Hand. «Das ist eine Kugel», sagt sie. Das Mädchen sucht im Formkasten die richtige Öffnung – und schwups, landet die Kugel im Loch. «Super», lobt Vigneswaran. Mutter Subosini Prabashantiran und Brüderchen Pranawan verfolgen das Geschehen neugierig.

«Ich zeige den Müttern neue Wege auf, wie sie die Entwicklung ihres Kindes spielerisch fördern können», sagt Prema Vigneswaran. Die 36-jährige Tamilin ist selbst Mutter dreier Kinder. Im Rahmen einer Initiative der Stadt Bern zur Förderung von Kindern im Vorschulalter besucht sie einmal pro Woche die Familie Prabashantiran in Bern Bethlehem, um sie bei der Erziehung ihres Töchterchens zu unterstützen. Das Frühförderungsprogramm nennt sich «schritt:weise». Es startet, wenn die Kinder 18 Monate alt sind, und wird fortgeführt, bis sie im Alter von drei Jahren in die Spielgruppe wechseln.

Immer mehr Kinder sind im Rückstand

Mutter Subosini Prabashantiran ist froh um die Tipps und Unterstützung ihrer tamilischen Landsfrau. Sie hat schon mit dem vierjährigen Pranawan am Programm teilgenommen – und es habe ihm geholfen: «Er war früher sehr scheu. Heute spielt er mit den anderen Kindern in der Spielgruppe.» Normalerweise wird eine Familie nur einmal unterstützt – Prabashantirans wurden noch einmal berücksichtigt, weil die Kinder nach einem Brand in der früheren Wohnung sehr verängstigt waren.

Der Auslöser für das Programm sind Beobachtungen, die in den letzten Jahren in Bern wie auch in anderen Schweizer Städten gemacht wurden: Immer mehr Kinder fallen beim Schuleintritt durch Entwicklungsrückstände im Verhalten, in der Sprache, der Bewegung oder der Wahrnehmung auf. Betroffen sind je nach Entwicklungsbereich 12 bis 25 Prozent.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat der Gesundheitsdienst der Stadt Bern vor fünf Jahren ein Pilotprojekt zur Frühförderung gestartet. Das Programm «schritt:weise» ist eine von verschiedenen Massnahmen, die sich in Holland und Deutschland bewährt haben. Die Haus­besuche – an­fangs wöchentlich, später 14-täglich – sind das eigentliche Herzstück von «schritt:weise». Die Hausbesucherinnen sind Mütter mit ähnlichem kulturellem Hintergrund wie die zu unterstützenden Kinder. Sie sind für diese Aufgabe ausgebildet und werden von Koordinatorinnen aus dem sozialpädagogischen Bereich gecoacht. In 14-täg­lichen Gruppentreffen wird ausserdem der Erfahrungsaustausch zwischen den Müttern gepflegt. Coach und Hausbesucherinnen informieren die Eltern dort über die kindliche Entwicklung und die Bedeutung der Förderung.

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«Wie ist es, wenn die Kinder schreien?»

Die Berner «schritt:weise»-Koordinatorin Beatrice Kriwanek verteilt im Kindertreff Tscharnergut Blätter, auf denen sie Fragen rund um das Thema Trotzphase zusammengetragen hat: «Wie fühlt ihr euch, wenn die Kinder schreien? Wie ist eure Reaktion?» Nachdem die Mütter aus der Türkei, Eritrea und Mazedonien mit ihrer Hausbesucherin ihre Erfahrungen besprochen haben, setzen sie die Diskussion in der grossen Runde fort. Einige Mütter berichten von­einander, dass es manchmal schwierig sei, in der Grossfamilie und gegenüber den Schwieger­eltern die eigenen Erziehungsvorstellungen durchzusetzen.

Die Mazedonierin Edlira Baftijari, seit 17 Jahren in der Schweiz, erzählt: «Meine Tochter ist offener geworden, sie hat sich mit den Kindern hier im Gruppentreffen angefreundet, aber auch mit Florije, unserer Hausbesucherin.» Selber habe sie als Mutter mehr Ideen, sie wisse auch besser darüber Bescheid, was im Quartier laufe und welche Angebote es gebe. Ihre Schwägerin werde aufgrund ihrer positiven Erfahrungen die «schritt:weise»-Frühförderung mit ihrem Kind ebenfalls besuchen.

Das Programm wird nicht nur in Bern angeboten: An 14 weiteren Standorten in der Deutschschweiz, darunter Basel, Zürich, Winterthur, lief oder läuft ein Pilotprogramm. Bisher haben rund 660 Fami­lien verschiedener Nationen davon profitiert, aber einzig die Gemeinde Ostermundigen hat «schritt:weise» definitiv ins Früh­­förderungsprogramm aufgenommen.

St. Gallen hat «schritt:weise» Ende 2011 vorläufig eingestellt. «Wir wollen bis im Sommer prüfen, ob wirklich Bedarf besteht oder ob die heutigen Angebote ausreichen. Schliesslich geht es darum, Steuergelder gezielt einzusetzen», begründet Claudia Wiedemann Zaugg vom zuständigen Amt für Gesellschaftsfragen den Entscheid. Die St. Galler «schritt:weise»-Projektleiterin Amadea Thoma bedauert die vorläufige Absage. «Dass ein Bedarf besteht in St. Gallen für diese spezielle Zielgruppe, steht für uns ausser Zweifel.» Verschiedene Standorte sind derzeit dabei, «schritt:weise» langfristig ins Förderangebot der Gemeinde aufzunehmen. Ausserdem kommen stetig neue Gemeinden hinzu: 2012 starten etwa Birsfelden und Pratteln BL.

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«Die Finanzierung von präventiven Projekten ist oft schwierig, obwohl der Nutzen eines solchen Ansatzes erwiesen ist», sagt Co-Geschäftsführerin Gabriela Frei vom Winterthurer Verein «A:primo», dem Anbieter von «schritt:weise». Um günstiger zu werden, prüft «A:primo» verschiedene Sparmassnahmen, die die nachhaltige Wirkung nicht beeinträchtigen, darunter eine bessere Personalauslastung durch grössere Gruppen oder ein Modell mit weniger Hausbesuchen.

Da «schritt:weise» seit Beginn wissenschaftlich begleitet wird, kann die nachhaltige Wirkung durch Evaluationen verdeutlicht werden. «Die Niederschwelligkeit und Flexibilität des Programms scheint ein wirksamer Weg zu sein, weniger privilegierte Familien und ihre Kinder zu unterstützen und dadurch einen Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten», hält das Zürcher Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in einem Zwischenbericht fest.

Die Teilnehmerzahl steigt kontinuierlich

In Bern läuft das Pilotprojekt Ende 2012 aus. Bis Ende letzten Jahres haben 91 Familien das Hausbesuchsprogramm durchlaufen; die Teilnehmerzahl steigt kontinuierlich. Über die definitive Aufnahme des Programms wird demnächst im Gemeinderat entschieden.

Die Kosten für das Gesamtprojekt Frühförderung, das neben «schritt:weise» auch Weiterbildungsmodule in Kita- und Spielgruppen sowie eine Vernetzung in Wohnumfeld und Quartier umfasst, beliefen sich in den letzten sechs Jahren auf vier Millionen Franken. Dieser Betrag wurde zu fast drei Vierteln fremd­finanziert, durch den Bund, den Kanton und verschiedene Stiftungen. Die Kosten für die Stadt Bern beliefen sich auf 1,1 Millionen Franken.

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Mona Baumann vom Berner Gesundheitsdienst zieht eine positive Bilanz: «Der Schlüssel zum Erfolg ist die Kommunika­tion und Vernetzung zwischen den verschiedenen Stellen – Spielgruppenleiterinnen, Quartierarbeit, Kindertagesstätten –, die heute viel besser funktioniert.»

Infos zum Förderprogramm: www.aprimo.ch