Ich bin in Davos, am Weltwirtschaftsforum. Mit mir stehen ein Dutzend Manager mit Wef-Badges im Kreis. Sie sollen sich in den nächsten 20 Minuten wie ein Flüchtling fühlen. Und ich will mitfühlen. Wir schauen zu David Begbie, dem Leiter des Refugee Runs. Dieser bereitet uns auf die Simulation vor. «Ich möchte euch danken. Danken, dass ihr hier seid, danken, dass ihr gewählt habt, für diese Sache Zeit zu finden.» Dieses Jahr ist der sogenannte Flüchtlingslauf zum ersten Mal offiziell Teil des Wefs. Die Teilnehmer der ebenso illustren wie abgeschotteten Wef-Welt sollen sich dank der Inszenierung in die Haut eines Flüchtlings versetzen können.

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«Dies wird eine sehr aufwühlende Erfahrung. Ich habe schon Dutzende Männer weinen sehen. Wenn es euch zu heftig wird, dürft ihr es jederzeit sagen und rausgehen. Das ist okay», sagt Begbie väterlich. Seine Eltern haben die Hongkonger Crossroads Foundation gegründet, er ist mit ihrem Engagement für Flüchtlinge aufgewachsen. Der Flüchtlingslauf ist sein Kind.

«Alles ist voller Blut»

Im Keller der Davoser Berufsschule kauern wir in einem spärlich beleuchteten Raum, ausgelegt mit arabischen Teppichen. Begbie ist jetzt der Dorfhäuptling, sein australisches Englisch wird zum gebrochenen African English: «Hurry! Hurry! Kommt schnell!» Dramatische Musik untermalt seinen Aufruf. «My friends, wir müssen gehen, alles ist voller Blut, die Leichen unseres Volkes liegen überall.» Die Rebellen seien am Dorfeingang, wir müssten sofort flüchten, drängt er. Dann geht das Licht aus – Schüsse, Explosionen. Männer mit Sturmhauben und Gewehren dringen in den Raum ein, wir ducken uns. Dann werden wir durch Gänge in einen anderen Kellerraum bugsiert. Dort ist das Flüchtlingscamp. Immer mit dabei: Ein TV-Mann mit seiner Kamera, eine Fotografin und eine Radiofrau mit ihrem Mikrofon. 

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«Hurry! Hurry! Kommt schnell!»

Für einen akustischen Eindruck des Refugee Runs klicken Sie die Tonspur an:

Gesetze der Fairness gelten hier nicht

Wir erleben in 15 Minuten dreimal Tag und dreimal Nacht. Wir werden herumkommandiert, schikaniert und gehetzt, wir müssen essen fassen, zur Schule gehen, uns verarzten lassen. Im Sanitätszelt liegt ein abgeschnittener Finger auf einem Tablett. Das Fladenbrot ist gummig. Für alles müssen wir bezahlen, mit unserem Schmuck, unseren Handys. Manchmal bekommen wir trotzdem nichts, die Gesetze der Vorhersehbarkeit und der Fairness gelten hier nicht. Wir stolpern herum, orientierungslos, passiv, den Blick auf den Boden gerichtet.

Nie hört das Gebrüll auf, immer plagen die lauten Soldatenbefehle. Es sind unsympatische, grobe Kerle. Sie wiederholen ständig dieselben Worte: «Hey, you! Hey you, go there! You woman, no!» Im Hintergrund singt der Muezzin. Keine Sekunde Ruhe, der Tag-Nacht-Rhythmus folgt dem atemlosen Schnitt eines MTV-Videos. Nichts wirkt, immer kommt schon das Nächste. Langeweile, endloses Warten, Leere – das gibt es in diesem Flüchtlingscamp nicht. Angst habe ich keine, nichts tut weh, kein Verlust. Ich bin bloss gereizt, wie am Samstagnachmittag in einem überfüllten Supermarkt. Ich will nur noch raus. Bin ich gefühlskalt?

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Einige haben Tränen in den Augen

«The simulation ... is ... over!», sagt Begbie. Müde Gesichter, verunsicherte Blicke. Einige haben tatsächlich Tränen in den Augen. Begbie fragt, wie es uns emotional gehe. Für einige ist es maximale Intensität: «Panische Angst», habe er empfunden, sagt ein Mann. «Verzweiflung», sagt eine Frau. Was aber, wenn man nicht fühlt, was sozial erwünscht ist? Es käme einer Gotteslästerung gleich. Ich sage nichts. Ich kritisiere nicht den Pathos, nicht die Flut an Sinneseindrücken, nicht die Knalleffekte.

Darf man unberührt bleiben?

Dann berichtet ein kongolesischer Flüchtling, der zum Team von Crossroads gehört, von seiner Odyssee, mit ruhiger und leiser Stimme. Ebenso ein ehemaliger Kindersoldat aus Uganda. Nach ihm sind die Experten an der Reihe: Die Stimme der Mitarbeiterin eines Flüchtlingscamps in Syrien bricht, als sie vom Flüchtlingsbuben Kareem erzählt. Auch Sally Begbie, Gründerin der Crossroads Foundation, die den Refugee Run durchführt, hat Tränen in den Augen. Darf man unberührt bleiben, wenn die Leiter von ihrer eigenen Performance so ergriffen sind?

Und welcher CEO kann sich erlauben, kalt zu bleiben, wenn schon Dutzende andere Topmanager im Gästebuch am Eingang geschrieben haben, wie aufwühlend die Simulation war, wie dankbar sie für die Lektion in Empathie sind? Wenn sich Nestlé-Chef Peter Brabek im Namen von 43 Millionen Flüchtlingen beim Refugee Run bedankt? Und Ban Ki Moon von einer tiefgreifenden Erfahrung schwärmt?

Als die Hilfswerkmitarbeiterin zu weinen beginnt, kommen auch mir die Tränen. Es ist das Prinzip der emotionalen Ansteckung, der Spiegelneuronen im Gehirn – wie beim Gähnen.

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Erste Simulation dauerte 24 Stunden

Als die Begbies zum ersten Mal eine Simulation durchführten, dauerte sie noch 24 Stunden. Ein hoher Microsoft-Kader in Hongkong war davon so berührt, dass er die Begbies bat, seinem ganzen Team diese Erfahrung zu ermöglichen. Allerdings könne er seine Mitarbeiter höchstens zwei Stunden freistellen. Also haben die Begbies die Sache gestrafft. Heute präsentieren sie sie der Wirtschaftselite als einstündiges Häppchen. 20 Minuten dauerte die Live-Simulation, eine gute halbe Stunde die Zeugenberichte. In Davos haben alle durchgehalten.

Interview mit David Begbie: «Es wird einem flau im Magen»

Der Australier David Begbie leitet den Refugee Run und erklärt im Interview den Sinn der Simulation: «Ich selbst habe in Davos Dutzende Topmanager weinen sehen. Nicht aus Angst, sondern weil es ihr Herz berührt.»
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