Beobachter: Was passiert bei der Simulation «Refugee Run»?
David Begbie
: Wir simulieren möglichst realitätsnah die Si­tua­tionen, die Flüchtlinge er­leben. Etwa 20 Teilnehmer sind in einem Raum. Dann fällt der Strom aus, man hört Explosionen und Schüsse. Im Dunkeln stürmen Soldaten mit Sturmhauben und Maschinengewehren den Raum. Die Teilnehmer werden zu einem Checkpoint geschleppt, wo ihnen Handy und Schmuck genommen werden. Dann werden sie in ein Lager gebracht und erleben den Flüchtlingsalltag.

Beobachter: Kann man eine solch harte Realität überhaupt künstlich erzeugen?
Begbie: Nein. Das ist nicht mög­lich. Unsere Simulation ist unzulänglich, aber sie hat einen gewaltigen Effekt. Im Kopf wissen die Teilnehmer, dass es gespielt ist, aber es wirkt auf den Körper und die Emo­tionen. Es wird einem sehr flau im Magen. Am Schluss reden die Teilnehmer mit Flücht­lingen und ehemaligen Kindersoldaten. Das Bedürfnis zu ­reden ist sehr gross. Viele wollen gar nicht mehr gehen.

Beobachter: Es sind Flüchtlinge vor Ort?
Begbie: Ja, am Konzept und der Umsetzung arbeiten viele Flüchtlinge mit. Sie spielen unter anderem die Polizisten und Soldaten während der Simulation.

Beobachter: Warum lassen Sie sich vom WEF – der Organisation, die symbolisch für skrupelloses Geldscheffeln steht – vor den Karren spannen?
Begbie: Wir wollen Verständnis und Mitgefühl erzeugen. Wer Fische fangen will, muss dorthin gehen, wo die Fische sind. Die Grossen sind am WEF. Das Uno-Flüchtlingskommissariat bat uns, nach Davos zu kommen. Es ist logistisch nicht möglich, alle Leaderfiguren der Welt in echte Flüchtlingscamps zu bringen. Aber wir können die Botschaft dorthin bringen, wo sich die Entscheidungsträger treffen. Die CEOs und Manager melden sich direkt via WEF an. Vorher war unser Programm unabhängig, nun gehört es offiziell zum WEF.

Beobachter: Topmanager sind reich und mächtig. Flüchtlinge haben nichts. Da sind doch Welten dazwischen.
Begbie: Auch Geschäftsmänner sind Menschen. Sie können sich durchaus vorstellen, wie es sich anfühlen würde, wenn ihr Haus zerstört, ihr Bruder getötet, ihre Kinder weggenommen würden. Ich selbst habe in Davos Dutzende Topmanager weinen sehen. Nicht aus Angst, sondern weil es ihr Herz berührt.

Beobachter: Vergessen die Leute im Alltag den Effekt nicht schnell wieder?
Begbie: Das Programm hat schon viele reale Initiativen zum Leben erweckt. Zum Beispiel gab es ein Team von Microsoft, das angefangen hat, eine Schule in Nepal zu unterstützen. Es haben schon Leute ihren Job gekündigt, um in einer NGO zu arbeiten. Und gewisse Firmen haben danach ihr soziales Engagement massiv ausgebaut.

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David Begbie

Quelle: Crossroads Foundation LTD 2010

Erlebnisbericht: Einmal im Leben Flüchtling sein

Am «Refugee Run» in Davos sollten sich Wef-Manager in die Haut eines Flüchtlings versetzen. Das Martyrium dauert 20 Minuten. Beobachter-Redaktorin Yaël Debelle war dabei.
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