Es war ein «Chügeler», den wir zurückschaffen mussten, ein Kokaindealer, etwa 25 Jahre alt. Wir ­flogen über Brüssel nach Westafrika, nach Cona­kry, Hauptstadt Guineas. Am Flug­hafen über­gaben wir ihn den Behörden und gingen ins Hotel, unser Job war erledigt.

Doch da der Rückflug erst in anderthalb Tagen stattfand, hatte ich Zeit, mich in der Stadt umzuschauen – und was ich sah, ging mir unter die Haut: Conakry ist über weite ­Teile ein einziger Slum, bevölkert von Menschen, die nichts besitzen als die Kleider, die sie auf dem Körper tragen. Vor dem Rückflug packte ich ein paar T-Shirts aus und schenkte sie auf der Strasse Jugend­lichen, die ungefähr meine Grösse hatten.

Als ich nach Hause kam, fragte mich mein damals siebenjähriger Sohn, was ich mitgebracht hätte. Ich antwortete: «Diesmal nichts, nur einen Haufen Eindrücke.» Ich beschrieb, was ich gesehen hatte. Vor der nächsten Ausschaffung kam er zu mir, in der Hand ein Spielzeugauto und eine Zehnernote aus seinem Sackgeld. Er sagte: «Nimm das mit für die Kinder dort.»

Der Hausbesitzer drohte mit Rausschmiss

Das war 2007, und von da an nahm ich bei Einsätzen in Afrika immer etwas mit. Mindestens einmal im Monat flog ich beruflich dorthin. Ich lieferte die Ausgeschafften ab, ging dann raus in die Elendsviertel, ver­teilte Filzstifte und Notizblöcke an die Kinder. Später auch Spielzeug oder Kleider.

Ich bezahlte das alles selbst. Irgend­wann begannen andere Polizisten, mir Dinge mitzugeben, Kinderkleider zum Beispiel. Von einer befreundeten Schulzahnpflegerin erhielt ich Dutzende Zahnbürsten und Zahnpastatuben. Mein Keller sah zeitweise aus wie ein Lager für Hilfsgüter.

2008 flog ich privat nach Conakry. Eine Hotelangestellte hatte mich auf ein Waisenhaus aufmerksam gemacht, das dringend Unterstützung nötig habe. Also ging ich hin, mit 4000 Franken und vier Kisten ­Material im Gepäck. Die Bedingungen dort waren prekär: Das Haus war herunter­gekommen, den gut 30 Kindern fehlte es an allen Ecken und Enden. Und vor allem: Der Hausbesitzer drohte mit dem Rausschmiss, weil er seit zwei Jahren keine ­Miete mehr bekommen hatte.

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Aber bloss Geld und Hilfsgüter abladen und dann wieder verschwinden, das wollte ich nicht. Ich wollte mithelfen, das Waisenhaus längerfristig betriebsfähig zu halten.

Es dauerte seine Zeit, bis ich so weit war. Die Afrikaner haben eine andere Art, die Dinge anzugehen, Abmachungen zu treffen, kommunizieren anders. Das musste ich lernen. Ich ging mehrmals wieder hin, versuchte, Leute zu finden, die sicherstellten, dass die Hilfe richtig eingesetzt würde. Als es zu funktionieren begann, tat ich dasselbe in einem Waisenhaus in ­Douala, der grössten Stadt Kameruns, die ich ebenfalls von Ausschaffungen kenne.

Für die Waisenkinder haben sich die Bedingungen seither verbessert: Sie bekommen regelmässig Essen und sind eingekleidet. In Conakry konnte ich ein neues Haus für sie mieten, in Douala wird eine Toilettenanlage gebaut. Gewährsleute vor Ort halten mich auf dem Laufenden. Aber wann immer ich kann, gehe ich selber hin.

Letztes Jahr wuchs mir die Sache langsam über den Kopf. Ich bekam plötzlich Spenden. Kripo-Kollegen traten zu mir ins Büro, drückten mir ein Nötli in die Hand, solche Sachen. Das wurde mir zu heikel, zu intransparent. Also gründete ich einen Verein mit Statuten und allem, mit Kollegen. Sie fanden, der Verein müsse rocConakry heissen – ein Wortspiel aus meinem Übernamen Rocco und Conakry. Drei Mitglieder des Vorstands sind Polizisten, die Revisorenstelle leitet der Chef der Fachgruppe Wirtschaftsdelikte der Luzerner Polizei.

Respekt bringt mehr als Prügel

Aber wir wollen kein Hilfswerk sein. Wir unterstützen zwei Waisenhäuser, mehr nicht. Reisen dorthin bezahlen wir aus dem eigenen Sack, Spesen gibts keine. Aus­serdem bin ich gern Polizist, ich will gar nichts anderes sein. Obwohl man auf Ausschaffungsflügen unschöne Szenen erlebt. Manche wehren sich mit Schlägen, Bissen und Geschrei gegen die Rückschaffung, andere versuchen sich die Pulsadern aufzuschneiden. Ich verstehe sie. Ich kenne die Zustände in ihren Ländern, ich würde auch nicht dorthin zurückwollen.

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Manchmal werde ich gefragt, wie das für mich aufgehe, einerseits afrikanische Kinder unterstützen, anderseits Afrikaner in ihre verarmten Staaten zurückschaffen. Aber das hat überhaupt nichts miteinander zu tun. Ein vier Monate altes Kind, das in einer Schachtel vor einem Waisenhaus ausgesetzt wird, braucht Hilfe. Ein junger Afrikaner dagegen, der bei uns mit Drogen dealt, der hat seine Chance auf ein Leben in der Schweiz verwirkt.

Die meisten von ihnen sind junge Männer, die auf der Suche nach einem besseren Leben in der Schweiz gelandet und hier auf die schiefe Bahn geraten sind. Meistens finde ich einen guten Draht zu ihnen. Ich mache ihnen klar, dass sie gehen müssen, dass ich ihnen ihr Leben aber nicht zusätzlich schwermachen will. Ich rede anständig mit ihnen, bringe auch mal ein Päckli ­Zigaretten ins Ausschaffungsgefängnis. Die Ausschaffungen versuche ich ohne Gewalt und Fesseln durchzuführen. Es geht nicht immer, aber in der Regel kommt man mit Respekt weiter als mit Prügel. Ich habe ­jedenfalls noch fast jede Ausschaffung ­erfolgreich über die Bühne gebracht.