Der italienische Maurer, der portugiesische Kellner, die albanische Putzfrau: Das Image der ausländischen Arbeitskräfte wird nach wie vor von der unqualifizierten Tieflohnbranche geprägt. Doch zunehmend finden sich in Kaderpositionen Einwanderer und Kinder von Immigranten, so genannte Secondos: Sie arbeiten in der Forschung oder sie gründen eigene Unternehmen. Etliche Ausländer sind vor allem in Bereichen mit hoher Wertschöpfung zu Triebkräften der Innovation geworden.

Wenn sich Zuwanderer beruflich selbstständig machen, spielt Unternehmergeist eine wichtige Rolle. Doch nicht nur, denn etliche Ausländer machen aus der Not eine Tugend. Die beiden Ökonominnen Raphaela Hettlage und Anne Juhasz, die beide einen Migrationshintergrund haben, arbeiten an einem Nationalfondsprojekt über Einwanderer als Unternehmer. Sie befragten dafür 32 Männer und Frauen ausländischer Herkunft nach ihren Motiven und Schwierigkeiten als selbstständig Erwerbende. Viele der Befragten waren früher Angestellte, erhielten die Kündigung oder befürchteten, entlassen zu werden. Die Geschäftsgründung war für sie eine Flucht nach vorn.

Zuwanderer kommen meistens in die Schweiz, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern; sie sind bereit, härter und länger zu arbeiten, unangenehme Arbeiten zu verrichten. Und die Ausländer sind eine bedeutende Stütze der Wirtschaft: Sie leisten 26 Prozent ans Bruttosozialprodukt – das ist mehr als der Ausländeranteil der Erwerbstätigen. Immigranten arbeiten weniger Teilzeit und sind – entgegen einem weit verbreiteten Klischee – weniger häufig krank: Sie fehlen 77 Stunden im Durchschnitt, bei den Schweizer Angestellten sind es 80 Stunden.

Ausländer aus sozial tieferen Schichten wünschen sich, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Dank Leistungswillen und Intelligenz schafft ein wesentlicher Teil den sozialen Aufstieg. Ein Beispiel ist der 48-jährige ETH-Professor Lino Guzzella, dessen Eltern nach dem Krieg in die Schweiz einwanderten und als einfache Arbeiter ihrem Sohn eine gute Ausbildung ermöglichten. Guzzella ist einer der weltweit führenden Forscher für Systeme zur Schadstoffreduktion und Teilhaber der Firma Wecontrol, die Geräte zur Fernsteuerung von Helikoptern entwickelt hat.

Immigranten sind oft aufstiegsorientierter, ehrgeiziger, dynamischer und unternehmerischer als Schweizer. Unter gleichen Ausgangsbedingungen, so eine aktuelle Studie des Bundesamts für Statistik (BfS), besuchen Kinder von Immigranten häufiger Universitäten und Fachhochschulen. Sind die ausländischen Eltern Akademiker, so studiert fast die Hälfte (46 Prozent) ihrer Kinder – vor allem wenn diese den Schweizer Pass besitzen. Die Kinder von Schweizer Akademikern studieren nur zu 23 Prozent.

Dank ihren Sprachkenntnissen und Netzen ins Heimatland sind Secondos und Immigranten wichtige Brücken für Handel oder die Entwicklung von Software – je länger, desto mehr. Ein Beispiel dafür ist der Mazedonier Andrej Vckovski (siehe Nebenartikel «Der Informatiker: Andrej Vckovski»). Insbesondere in den aufstrebenden Märkten Asiens geht es nicht ohne Kenntnis der lokalen Gepflogenheiten. Da können etwa Chinesen, die in der Schweiz studiert haben, für hiesige Unternehmen Gold wert sein.

Ebenso viel wert sind aber auch Ausländer oder Secondos, die in der Schweiz Unternehmen gründen – bevorzugt in der IT- oder der Biotechbranche. Beispiel Serono: Der Vater des Alinghi-Seglers Ernesto Bertarelli gründete in den siebziger Jahren ein kleines Unternehmen, das zum Pharmakonzern Serono gewachsen ist. Heute ist Serono die drittgrösste Biotechfirma mit weltweit gegen drei Milliarden Franken Umsatz. Die Familie Bertarelli zählt zu den reichsten der Schweiz.

Es begann mit einem Brei
Was aus kleinen, von Ausländern gegründeten Läden wachsen kann, zeigt auch ein Blick auf die Börse: Im 19. Jahrhundert erfand Henri Nestlé – einst als Heinrich Nestle aus Deutschland eingewandert – einen Brei für Mütter, die ihre Kinder nicht stillen konnten. Heute ist Nestlé der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt, der nur noch etwa ein Prozent des Umsatzes in der Schweiz erwirtschaftet. Zugewandert war auch der Engländer Charles E. L. Brown, der mit seinem Schweizer Partner Walter Boveri eine Fabrik für Stromerzeugungsanlagen gründete, die heute ABB heisst und weltweit tätig ist.

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist auch für Schweizer nicht einfach, für Migranten indes sind die Hindernisse noch grösser. Angefangen von Sprachschwierigkeiten, dem Papier- und Formularkrieg bis hin zu Finanzierungsproblemen und der Schwierigkeit, Bankkredite zu erhalten, brauchen selbstständige Ausländer einen langen Atem: Könnten sie sich nicht auf funktionierende Netzwerke von anderen Migranten stützen, würden sie vermutlich schnell resignieren. Für die Forscherinnen Hettlage und Juhasz steht fest: Mit Einstiegshilfen für Selbstständige und einer Beratung für Krisenphasen liessen sich viele Probleme vermeiden.

Neid und Anfeindungen
Oftmals unbemerkt von der Öffentlichkeit gründen Ausländer kleinere und mittlere Unternehmen – schaffen also dort Arbeitsplätze, wo die Schweizer Wirtschaft ihr Rückgrat hat. Fredmund Malik kam als Student aus Österreich an die Universität St. Gallen. Er machte nicht nur eine akademische Karriere, sondern gründete auch noch eine Unternehmensberatungsfirma, die heute mit 170 Beschäftigten zu den grösseren in der Schweiz gehört. Sowohl als Unternehmer wie auch als Professor mischt sich Malik immer wieder in wirtschaftspolitische Diskussionen ein, zuletzt als scharfer Kritiker der Abzocker unter den Managern. Damit machte er sich nicht nur Freunde.

Wer es als Unternehmer mit ausländischen Wurzeln schafft, kann sich am Erfolg nicht immer freuen, denn die Neider sind rasch zur Stelle: «Die Betroffenen erfahren viel Fremdenfeindlichkeit», sagen Raphaela Hettlage und Anne Juhasz. «Man verbreitet über sie Gerüchte, behauptet, sie würden mit illegalen Methoden arbeiten, Geld waschen und dergleichen.» Bei ihrer Studie stellten die Ökonominnen Gemeinsamkeiten bei den Unternehmern fest. «Viele von denen, die sich durchsetzen, haben Ausstrahlung sowie ‹soziales Kapital› – und kommen bei der Kundschaft gut an.» Die meisten von ihnen hätten den klassischen Unternehmergeist, der sich im Wunsch nach Selbstverwirklichung und sozialem Aufstieg manifestiere.

Für viele Immigranten, die sich selbstständig machen, ist die Aussicht auf sozialen Aufstieg ein wichtiges Motiv. Während viele der ersten Generation in den klassischen Einstiegsbranchen wie Gastronomie, Reinigung oder Bau einen Kleinbetrieb eröffneten, sind für deren Kinder die Perspektiven oft besser. Etliche besuchen höhere Schulen und betätigen sich als Selbstständige in Hi-Tech-Branchen wie Informatik und Biotechnologie, aber auch in gestalterischen Berufen.

Obwohl Tausende mit ausländischen Wurzeln Unternehmen gegründet haben, ist diese Spezies ein unbekanntes Wesen. Zwar weiss das BfS, wie viele Ausländer wann in die Schweiz gekommen sind und in welchen Branchen sie arbeiten. Doch über die Unternehmer ausländischer Herkunft und die von ihnen geschaffenen Arbeitsplätze fehlen Zahlen. «Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Unternehmen durch die Bevölkerung ausländischer Herkunft in der Schweiz gegründet werden», so BfS-Vizedirektor und Migrationsspezialist Werner Haug. «Ihr volkswirtschaftlicher Beitrag ist aber wichtig und hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.»

Obwohl die Unternehmer mit ausländischen Wurzeln in der Schweiz unerforschte Objekte sind, fanden Hettlage und Juhasz heraus: «Die Zahl der ausländischen Unternehmer hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelt.» Zudem gibt es – wenn man die eingebürgerten Ausländer hinzunimmt – prozentual mehr ausländische als Schweizer Unternehmer. Das wiederum zeigt, dass Ausländer häufig versuchen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – sei es, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen sind oder weil sie unternehmerischer sind als viele Schweizer.

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Pizzaiolos aus dem Iran
Doch ein zu idyllisches Bild, so warnen die zwei Wissenschaftlerinnen, soll man von den Migrantenunternehmern nicht malen. Jene, die Erfolg haben, werden beneidet. Viele andere bewegen sich oft am Rand des Existenzminimums und können sich häufig nur über Wasser halten, weil die ganze Familie mitarbeitet. Selbstständige aus Südosteuropa haben zudem mehr als andere gegen Diskriminierung zu kämpfen. So machte sich ein Serbe, dessen Name auf «ic» endete, unter einem schwedischen Namen selbstständig.

Die in den siebziger Jahren noch verfemten Italiener geniessen heute die höchste Wertschätzung aller Ausländer in der Schweiz. Doch viele Italiener, die einst mit einer Pizzeria gross geworden sind, sind längst nicht mehr in diesem Geschäft. Dafür sind viele Kurden, Serben oder Iraner Besitzer solcher Lokale, hinter denen der Gast noch immer den Pizzaiolo aus Neapel vermutet.

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Zuwanderung mehrheitlich positive Effekte hat. In Zukunft werden es – statt wie früher einfache Hilfskräfte – vermehrt hoch qualifizierte Migranten sein, die der etwas lethargischen Wirtschaft neue Impulse verleihen werden. Auch als Unternehmer.