Es sah aus wie in einem Krimi. Vier Räuber stürmten an einem wie üblich belebten Samstagvormittag schwerbewaffnet das Uhren- und Juweliergeschäft Türler am Zürcher Paradeplatz. Sie bedrohten die Angestellten, schlugen die Vitrinen ein, stahlen Luxusuhren und Schmuck im Wert von mehreren hunderttausend Franken.

«Schengen ist für uns ein Gewinn»

Mit der Beute stiegen die Räuber in einen grauen Audi RS6 und brausten davon. Die Polizei fand den Sportwagen später verlassen in einem Hinterhof, wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Das war Mitte April 2013. Von der Bande fehlt jede Spur.

Die Täter sprachen mit slawischem ­Akzent. Die Zürcher Stadtpolizei vermutet, dass sie sich mit der Beute ins Ausland abgesetzt haben. Trifft das zu, wäre der Raub ein besonders krasses Beispiel von Kriminaltourismus: Ausländische Täter reisen ­in die Schweiz ein, stehlen, rauben und machen sich nach verübter Tat über die Grenze aus dem Staub.

Das Phänomen hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschärft. 2012 wurden 12 800 Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz einer Straftat beschuldigt. Ein Erfolg der Strafverfolgungsbehörden. Sie hatten 1780 Täter mehr erwischt als im Vorjahr. Besonders ausgeprägt war der Trend bei den Einbruchdiebstählen. Hier stieg die Zahl der Beschuldigten im Jahr 2012 gegenüber dem Vorjahr um 610 auf 1990.

Bei der Eidgenössischen Zollverwaltung, zu der auch das Grenzwachtkorps gehört, ist man deshalb von der Tauglichkeit des Schengener Abkommens überzeugt. «Schengen ist für uns ein Gewinn. Es ermöglicht den Zugriff auf die inter­nationale Fahndungsdatenbank SIS und verbessert die Zusammenarbeit mit den Partnerbehörden. Fahndungserfolg und Fahndungsqualität konnten so deutlich gesteigert werden», sagt Sprecherin Stefanie Widmer.

Weil die Schweiz nicht Mitglied der EU-Zollunion sei, habe man an der Grenze weiterhin die Möglichkeit, die Ein- und Ausreisenden zu kontrollieren. Davon machen die Grenzwächter rege Gebrauch. Gemäss Zollverwaltung wurden vor Einführung des freien Personenverkehrs 30 von 1000 Personen kontrolliert, heute sind es 25 von 1000 Personen. Die Kontrollhäufigkeit ist damit nur leicht gesunken.

«Bewachte Grenzstationen schrecken ab»

Die Grenzwächter nahmen im vergangenen Jahr rund 13'700 Per­sonen fest. Das sind über 3000 mehr als im Vorjahr, wie die im Februar veröffentlichte Bilanz der Zollverwaltung zeigt. Davon waren 3850 zur Verhaftung ausgeschrieben. Auch die Zahl der beschlagnahmten Waffen stieg 2012 gegenüber dem Vorjahr um 600 auf insgesamt 1930.

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Schengen-Befürworter interpretieren diese Zahlen als Erfolg bei der Verfolgung von Straftätern. Für SVP-Nationalrat Hans Fehr dagegen zeigen sie bloss, dass die Kriminalität angestiegen ist. «Das Schengen-System der offenen Scheunentore kann nicht funktionieren, solange es in der Schweiz etwas zu holen gibt», sagt Fehr. Er fordert eine Kontrolldichte von 15 Prozent. Den Unterschied zur 3-Prozent-Quote der Zollverwaltung erklärt Fehr damit, dass ­darin die «erfolgreiche Gesichtskontrolle durch erfahrene Grenzwächter» fälschlicherweise nicht eingerechnet worden sei. Nur so würden Grenzkontrollen abschreckend wirken und Kriminelle alleine durch die Befürchtung, kontrolliert zu werden, von einem Grenzübertritt abgehalten.

Bewachte Grenzstationen hätten eine abschreckende Wirkung, sagt André Eicher, Zentralsekretär von Garanto, der Gewerkschaft des Zoll- und Grenzwachtpersonals. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten mit Fehr. «Das Konzept Schengen stimmt. Systematische Grenzkontrollen schränken die Flexibilität ein, die wir brauchen, um gleichzeitig das organisierte Verbrechen mit Schwerpunktkontrollen und die grenzüberschreitende Kriminalität zu bekämpfen», sagt Eicher. Verbesserungsbedarf sieht der Garanto-Chef an einem anderen Ort. Die Zollverwaltung sei zu dünn besetzt. Das Parlament habe dieses Anliegen aufgenommen und im April einer Erhöhung des Bestandes um 100 bis 200 Grenzwächter mit grosser Mehrheit zugestimmt. Die Vorlage ging auf eine Motion von Hans Fehr zurück.

«Polizei muss mehr Präsenz zeigen»

Für Jean-Marc Widmer reichen zusätzliche Grenzwächter nicht. Er will auch mehr ­Polizisten. Der Präsident des Verbands Schweizerischer Polizeibeamter sieht einen Bedarf von mehreren tausend Polizeistellen. «Schengen hat sich negativ auf die Sicherheit ausgewirkt. Das zeigen die Statistiken ganz klar. Wir müssen auf der Strasse mehr Präsenz zeigen und die Kontrollintensität verstärken.» Im europäischen Vergleich habe die Schweiz einen sehr tiefen Polizeibestand. «Nur die skandinavischen Länder und Island haben noch weniger Polizistinnen und Polizisten im Vergleich zur Einwohnerzahl.»

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