Beobachter: Die Schweiz rühmt sich immer wieder als multikulturelles Land. Man müsste eigentlich meinen, wir seien gegen rassistisches Verhalten gefeit.
Mehmet Karatas:
Eine multikulturelle Gesellschaft ist ausgerichtet auf Vielfalt. Dies betrifft Lebensformen, Welt- und Menschenbilder. Ihr Ziel sind die Toleranz und die wechselseitige Anerkennung der verschiedenen kulturellen Erfahrungen. Damit ein Land multikulturell sein kann, braucht es viel. Es genügt nicht, dass viele Menschen aus verschiedenen Ländern in einem Land leben. Ob das Zusammenleben im eigentlichen Sinn stattfindet, ist entscheidend. Es ist wichtig, dass sich alle Bevölkerungsgruppen verstanden fühlen und als Teil dieser Gesellschaft erleben.

Beobachter: Haben Sie eigene Erfahrungen rassistischer Art gemacht?
Karatas:
Nicht direkt. Versteckt schon. Es sind diese Konflikte, wo man nicht sicher ist, ob jemand ablehnend oder aggressiv ist, weil man Ausländer ist oder weil er einen als Menschen unsympathisch findet. Ich versuche so oder so, sachlich zu bleiben.

Beobachter: Gibt es bestimmte Voraussetzungen, die rassistische Gefühle begünstigen?
Karatas:
Es kann sein, dass eine schlechte Erfahrung mit einem Menschen aus einer anderen Kultur ein solches Denken begünstigt. Bildung, Erziehung, das Selbstwertgefühl spielen eine Rolle. Man weiss, dass die Tendenz zur Fremdenfeindlichkeit mit dem Alter wächst; dagegen sinkt sie mit zunehmendem Bildungsniveau. Städter und Städterinnen neigen im Durchschnitt zu weniger Fremdenfeindlichkeit als Menschen in ländlichen Gegenden. Kein grundsätzlicher Unterschied besteht in diesen Belangen zwischen Mann und Frau.

Anzeige

Beobachter: Jede Volksgemeinschaft bringt eigene Regeln und Werte mit sich. Besteht nicht die Gefahr des Chaos?
Karatas:
Vergessen wir nicht, dass es universelle Werte gibt und einen gemeinsamen Nenner: Mensch sein. Das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen bringt sicher Probleme, aber nicht nur. Wir brauchen nicht mehr Gesetze. Was wir brauchen, ist Toleranz.

Beobachter: Was kann der Staat tun, um die Toleranz zu fördern?
Karatas:
Der Staat kann die Toleranz tatsächlich fördern – in der Schule, am Arbeitsplatz, im täglichen Umgang. Die Herkunft, die Folgen von Vorurteilen können bewusst gemacht werden. Zwar braucht jede Gruppe das Gefühl, einzigartig zu sein. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie andere deswegen abwerten muss. Gemeinsame Ziele fördern die Integration. Moralpredigten helfen meistens nichts.

Anzeige

Beobachter: Bei vielen Ausländern und Ausländerinnen ist eine erhöhte Empfindlichkeit feststellbar. Sie suchen ihr Umfeld nach rassistischen Signalen ab. Gibt es nicht auch auf Seiten der Ausländer Überreaktionen?
Karatas:
Wer in einer fremden Kultur lebt, ist manchmal verletzlicher – und entsprechend aufmerksam. Aber daraus müssen sich nicht zwangsläufig Aggressionen entwickeln. Wenn eine fremde Person sehr lange erfolglos eine Wohnung, eine Arbeit sucht, entwickeln sich natürlich Frustrationen. Ältere sozialpsychologische Theorien behaupten, dass aus Frustrationen Aggression wird. Das sieht man heute nicht mehr so – möglich sind durchaus Resignation oder Rückzug. Vor allem dürfen wir eines nicht vergessen: Aggression entsteht oft auch dann, wenn die andern es von einem erwarten.