Am 26. April veröffentlichte das Bundesamt für Statistik die neuesten Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz. Danach hat die Einwohnerzahl der Schweiz 2011 um mehr als 82'000 Personen zugenommen. Eine Stadt in der Grösse St. Gallens.

Das Thema beschäftigt die Schweiz mehr als viele andere Themen.
Jeder, der sich auf den Strassen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Online-Foren umhört, weiss, was für Sätze man dazu zu hören kriegt.

Es gibt Ängste vor einem Verlust der Identität, vor einer Zubetonierung der Landschaft, vor zu viel und zu günstiger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, vor Lohndumping.

Fast die Hälfte der Führungskräfte in der Schweiz sind heute Ausländer, und die sieben grössten Schweizer Industriekonzerne werden heute alle von Ausländern geführt.

Das alles hat im Einzelfall seine Gründe. Nur die Besten und Klügsten, die Innovativsten und Einsatzfreudigsten bringen die Schweiz weiter und garantieren unserem Land auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten eine solide Zukunft. Und ja: Wir sind auf Ausländer angewiesen, in fast allen Bereichen, vom Gesundheitswesen bis zur Hotellerie. Dennoch darf und muss die Frage nach dem Mass dieser Entwicklung gestellt werden.

Das meistdiskutierte Thema der Schweiz

Das hat man selbst in Ausbildungsinstituten erkannt. Dort wächst die Besorgnis unter Studierenden, die Zukunft werde nicht nur im Hörsaal noch enger. Wegen der starken Nachfrage vorab aus Deutschland gilt in der Hochschule St. Gallen seit Jahrzehnten schon eine Höchstquote von 25 Prozent für ausländische Studierende. Nun haben die beiden ETH in Zürich und Lausanne, wo heute jeder dritte Studierende aus dem Ausland kommt, beim Bundesrat den Antrag nach einer Zulassungsbeschränkung gestellt.

Das Thema Bevölkerungswachstum und Zuwanderung ist damit in vielerlei Hinsicht das aktuellste und meistdiskutierte Thema der Schweiz.

Dennoch tun wir uns seltsam schwer damit, dieses Thema sachlich, ruhig und ohne gegenseitige persönliche Anwürfe zu diskutieren. Das neueste Beispiel lieferte die Winterthurer SVP-Nationalrätin Natalie Rickli unlängst auf «TeleZüri». Sie sagte dem Sender «die Leute regen sich in der Schweiz auf, weil wir zu viele Deutsche im Land haben», was zu einem riesigen Druck auf den Schweizer Arbeits- und Wohnmarkt führe. Rickli meinte weiter, der Bundesrat hätte gut daran getan, die Ventilklausel bereits im Jahr 2009 anzurufen.

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Sie löste damit heftige Reaktionen aus. Der Grünliberale Martin Bäumle, aber auch Radiopionier Roger Schawinski zeigten sich fassungslos und empört, bezeichneten Ricklis Äusserungen als «ganz miese Tour» und als «dümmlich». Deutsche Medien reagierten umgehend. Die deutsche «Welt» titelte «Wie eine Schweizer Politikerin gegen Deutsche hetzt». Das Nachrichtenmagazin «Focus» wertete Ricklis Aussage als «bizarren Auftritt».

Zuwanderung soll frei von Polemik diskutiert werden

Was sagen diese Reaktionen aus? Offenbar wurde hier ein wunder Punkt getroffen. Etwas, was die Schweiz seit Jahren beschäftigt und das Volk bewegt, nämlich die Zahlen der Zuwanderung und die mögliche künftige Entwicklung, wird noch immer nur auf die dumme «für oder gegen Ausländer»-Frage reduziert. Als ginge es hier um ein moralisches Bekenntnis.

Das ist nicht zufällig so. Seit Jahren verwedelt eine alles justierende politisch korrekte Mitte alle konkreten Zahlen und Aussagen zum Thema Migration. Auf die drängende Frage, wie sich die Schweiz mit Blick auf die Zukunft aufstellen will, streitet man um die Plausibilität von Szenarien statt um die Ziele.

Dabei ist die Zukunftsfrage mehr als legitim. Sie wird in zahlreichen andern demokratischen Ländern von Australien über Frankreich und Dänemark bis hin zu den USA ganz offen, wenn auch dort nicht frei von Polemik thematisiert. Die Frage heisst: Welche und wie viel Zuwanderung wollen und brauchen wir im bestmöglichen Interesse  unsere Landes?

Doch genau dieser Frage, die die Schweizer Bevölkerung seit Jahren am stärksten bewegt, geht man nicht etwa präzise auf den Grund, sondern man weicht ihr möglichst aus.

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Weil man Angst hat davor, die Diskussion könnte gefährlich werden, sie könnte rassistische Tendenzen fördern.

Aus Angst will man es allen recht machen und hilft am Ende niemandem. In Verhandlungen mit der EU dominiert ein lavierender Hin- und Herkurs wie bei der Ventilklausel, obwohl diese explizit ein Teil der bilateralen Verträge war. All das hinterlässt in Bevölkerung den Eindruck, die Politik nähme ein zentrales Thema überhaupt nicht ernst.

Genau damit aber schafft man ein Klima, in dem eine permanente Spannung herrscht.

Wir sollten das Thema Zuwanderung endlich entspannter diskutieren. Was hat denn Rickli schon so rasant Spektakuläres gesagt? Sie hat als Politikerin lediglich ausgesprochen, was im Volk längst diskutiert wird. Sicher war das auch effekthascherisch und unsensibel, weil sich Rickli nur auf die Deutschen bezogen hat. Also auf genau jene Zuwanderer, die uns in Sachen Ordnung und Arbeitsdisziplin am nächsten sind. Aber war das schon Hetze?

Wäre es nicht besser, wir würden über die Frage der Zahlen der Zuwanderung - und nur darum geht es! - ganz friedlich und sachlich diskutieren, statt darüber, ob man eine solche Frage stellen dürfe?

Welches Wachstum will die Schweiz?

Wir wissen alle, dass die Schweiz auf Zuwanderer angewiesen ist, dass wir alle davon profitieren, dass wir uns gegenseitig weiter bringen können. Wir schätzen die Ausländer, die heute hier in der Schweiz tätig sind und grade auch die Zuwanderer aus Deutschland, mit denen wir vieles, wenn auch nicht alles gemeinsam haben.

Aber wir wissen auch, dass ganz Europa wegen der Eurokrise im Umbruch ist, dass die Schweiz bei weitem nicht allein ist mit ihren Sorgen vor allzu offenen Grenzen, mit ihren Ängsten, einem eventuellen plötzlichen Anschwellen der Zuwanderung in allernächster Zeit hilflos gegenüber zu stehen.

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Ist es da nicht legitim, die Frage zu stellen, welches Bevölkerungswachstum die Schweiz für die nächsten zehn Jahre im Interesse unseres Landes läge? Wäre es nicht an der Zeit, mögliche Steuerungsmassnahmen sorgfältig auf ihre Realisierbarkeit zu prüfen?

Wir brauchen endlich eine offene, entkrampfte Debatte dazu, wir brauchen sie sachlich und ruhig. Aber wir brauchen sie schnell. Denn eines ist sicher: je später sie kommt, desto heisser wird sie geführt und desto grösser werden die Spannungen in der Gesellschaft.