Beobachter: Die Meldungen über Schlägereien zwischen ausländischen und Schweizer Jugendlichen häufen sich. Können sich die Schweizer im eigenen Land nicht mehr sicher fühlen?
Thomas Kessler:
Tatsächlich ist die Verunsicherung im Moment sehr gross. Aber man muss das Problem trotzdem nüchtern betrachten. Es ist augenfällig, dass alle aktuellen Meldungen aus Land- oder Agglomerationsgemeinden kommen, wo die Behörden wenig Erfahrungen mit der Migrationsproblematik haben. Ausserdem gibt es dort kaum professionelle Jugendarbeit und Integrationsprojekte.

Beobachter: Warum werden denn ausländische Jugendliche immer wieder straffällig?
Kessler:
Neuste Zahlen aus dem Kanton Bern besagen, dass dort zwei Drittel der jugendlichen Straftäter Schweizer sind. Aber nach allen Erkenntnissen der Kriminologie ist der typische Gewaltkriminelle ein junger Mann mit mangelhafter Bildung und entsprechend schlechten Berufsaussichten. Diese Leute neigen dazu, ihre Minderwertigkeitsgefühle durch Gewalt zu kompensieren. Dass diese Beschreibung zum Beispiel auf Jugendliche aus dem Balkan überdurchschnittlich oft zutrifft, liegt auf der Hand.

Beobachter: Dafür können doch die Opfer nichts.
Kessler:
Natürlich nicht. Aber diese nicht integrierten Jugendlichen sind die Kinder von Menschen, die von der Wirtschaft bewusst in den ärmsten Gegenden Europas und Anatoliens als Billigarbeitskräfte rekrutiert wurden, ohne sie aktiv zu integrieren. Jetzt bekommt die Öffentlichkeit die negativen Folgen dieser kurzsichtigen Profitmaximierung zu spüren.

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Beobachter: Was kann man denn tun, um die Probleme in den Griff zu bekommen?
Kessler:
Man muss alles unternehmen, um die Bildungs- und Sprachdefizite bei den ausländischen Jugendlichen zu beseitigen. Zudem muss man die bestehenden Gesetze konsequent anwenden. Aber verhindern kann man Verbrechen nur, wenn man junge Menschen so gut ausbildet und in die Gesellschaft einbindet, dass sie nicht auf Abwege geraten.

Beobachter: Und wie soll das konkret gehen?
Kessler:
Ich denke, dass wir in Basel mit unserem Integrationsleitbild einen recht guten Weg eingeschlagen haben. In Zusammenarbeit mit Vereinen und Organisationen der ausländischen Bevölkerungsgruppen haben wir innerhalb von drei Jahren das Angebot an Deutschkursen fast verdreifacht. Das Projekt «Lernen im Park» bietet Unter-richt für Frauen an, die vielleicht sonst nie Deutsch lernen würden. Ausserdem machen wir auch den Eltern klar, wie wichtig die Schul- und die Berufsbildung für die Zukunft ihrer Kinder sind. Das ist nämlich gerade Menschen aus ländlichen Regionen keineswegs immer bewusst.

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Beobachter: Aber viele Schweizer haben das Gefühl, dass Kriminelle mit solchen Massnahmen regelrecht belohnt werden.
Kessler:
Es ist genau umgekehrt. Gerade bei Gewalttaten greift die Basler Staatsanwaltschaft wesentlich härter durch als vor einigen Jahren. Aber Repression kommt eben häufig erst im Konfliktfall zum Zug und ist sehr teuer. Ein Platz im neuen St. Galler Strafinternat kostet 150'000 Franken im Jahr. Stellen Sie sich vor, man würde diese Summe in die Einrichtung von Frühkindergärten und in Sprachkurse investieren. Der Erfolg wäre riesig.

Beobachter: Ist das nicht die verklärte Sicht des weltfremden linken Utopisten?
Kessler:
Das ist im Gegenteil die nüchterne, analytische Sicht. Immerhin können wir schon jetzt, nach nicht einmal drei Jahren, ganz konkrete Erfolge vorweisen. Wir verzeichnen in Basel einen Rückgang der Kriminalität, und der Anteil ausländischer Täter ist ebenfalls gesunken. Auf lange Sicht berechnen seriöse Untersuchungen den volkswirtschaftlichen Nutzen solcher Integrationsprojekte mit 400 Prozent. Dass heisst, dass sie der Gesellschaft in Form von Mehrwert und Einsparungen das Vierfache von dem einbringen, was sie kosten.

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