Beobachter: Auf der Strasse und im Tram hat man den Eindruck, es herrsche eine gewisse Angst vor allzu schneller Einwanderung. Teilen Sie diese Befürchtung?
Ueli Mäder: Diese Ängste sind offensichtlich. Man spürt sie, wenn man mit Leuten redet. Ob die Bedrohung real ist, ist eine andere Frage. Ich habe den Eindruck, dass sich Verunsicherungen, die andere Gründe haben, mit zweifellos verschärfter Konkurrenzerfahrung am Arbeitsplatz vermischen.

Beobachter: Welche anderen Gründe?
Mäder: Eine halbe Million Menschen in der Schweiz lebt in Haushalten von Working Poor: Sie arbeiten voll und sind dennoch unter dem Existenzminimum. Seit den neunziger Jahren hat die Jugendarbeitslosigkeit zugenommen, und die unterste Einkommensklasse verfügt wegen des Kaufkraftverlustes über 18 Prozent weniger Einkommen. Während viele Löhne stagnieren, haben sich die Vermögen der Reichen vervierfacht. Hinter der Angst vor Immigranten stecken auch solche Erfahrungen.

Beobachter: Aber es herrscht der Eindruck vor, der Kampf um Wohnungen und Jobs sei nicht zuletzt wegen der Einwanderung härter geworden.
Mäder: Dass Einwanderer als Bedrohung empfunden werden, liegt nahe. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Einwanderung zum Hauptproblem machen. Der Kern der Unzufriedenheit ist diese zunehmende, ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen. Was die Leute aber auch spüren: Leistung zahlt sich nicht mehr automatisch aus. Sie arbeiten, kommen aber kaum auf einen grünen Zweig. Noch in den neunziger Jahren waren die Leute eher bereit, alles auf die eigenen Schultern zu nehmen, sie gaben sich selber die Schuld, dass sie wenig verdienten. Das hat sich geändert. Heute empören sich die Leute. Sie sagen: «Das ist doch nicht okay, einerseits diese hohen Managerlöhne und anderseits unsere Tochter, die gute Noten heimbringt und kaum eine Lehrstelle findet.» Das macht die Leute wütend.

Beobachter: Erstmals fühlt sich auch der Mittelstand durch Einwanderer konkurrenziert. Welche Folgen hat das für die Gesellschaft?
Mäder: Überall wird dem Mittelstand gesagt: «Sei flexibel, sei mobil.» Doch dieser Rat wird oft Lügen gestraft. Früher hat jemand sein Einkommen erhöht, indem er den Job gewechselt hat. Damit ist es teilweise vorbei. Heute muss er sogar mit einer Einkommenseinbusse rechnen. Und gerade die obersten zehn Prozent sind beruflich überhaupt nicht mobil, dort ist das Beharrungsvermögen am grössten. Das merken die Leute. Die soziale Brisanz nimmt zu. Und ein Teil dieser vom Abstieg bedrohten Leute wird anfälliger für populistische Parolen und sucht Halt im Autoritären.

Beobachter: Schläft die Politik? Nimmt sie zu wenig ernst, was in der Bevölkerung vorgeht?
Mäder: Die Mittelschichtsfrage wurde wahrscheinlich vernachlässigt. Was man aber auch sagen muss: Bisher arbeiteten Einwanderer eher in Niedriglohnbereichen, Schweizer eher in besseren Anstellungen. Hier findet jetzt ein gewisser Ausgleich statt in der Zusammensetzung der Migrationsbevölkerung. Dass die jetzt auch gute Jobs in Verwaltung und mittlerem Kader übernehmen, ist relativ neu. Es kommen wohl auch Leute, die zu schlechteren Konditionen bereit sind, sogar mehr zu leisten. All das bricht jetzt ein und ruft Widerstand hervor. Wir müssen uns verabschieden von der Vorstellung, dass Einwanderer kommen, um uns die Dreckarbeit abzunehmen.

Beobachter: Wer profitiert denn vom vielzitierten Wirtschaftswachstum?
Mäder: In der Nachkriegszeit profitierten breiteste Bevölkerungskreise vom Boom. Alle Schichten fuhren mit dem Lift nach oben. Seit den siebziger Jahren ist das nicht mehr so, die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen nimmt zu. Das Wachstum schlägt sich nicht automatisch in höheren Löhnen nieder.

Beobachter: Besteht nicht sogar die Gefahr des Lohndumpings?
Mäder: Ja, wir müssen Lohndumping verhindern, und dafür haben wir die flankierenden Massnahmen wie Gesamtarbeitsverträge und Mindestlöhne. Vielleicht kann man die auf andere Branchen ausweiten. Alle Lehraufträge in unserem Institut für das nächste Semester könnten wir mit Leuten aus Deutschland besetzen. Die würden sogar gratis arbeiten, weil die das für ihr Curriculum brauchen. Aber da machen wir nicht mit. Das wäre Dumping.

Beobachter: Aber andere Arbeitgeber werden wohl nicht so edelmütig auf diese günstigeren Arbeitskräfte verzichten. Das Wirtschaftswachstum geht über alles.
Mäder: Sie haben recht, zurzeit dominiert die wirtschaftliche Sichtweise, wenn es um die Personenfreizügigkeit geht. Selbst wirtschaftsfreundliche Soziologen wie Ralf Dahrendorf sagen aber: Es braucht ein politisches Korrektiv, andernfalls entsteht Verunsicherung und droht die Gefahr eines totalitären 21. Jahrhunderts. Schauen wir auf das Deutschland der dreissiger Jahre: Im Mittelstand waren die Verletzungen am grössten, weil die eine privilegierte Erwartungshaltung hatten, die dachten, es gehe immer so weiter. Die haben eine gewisse Anfälligkeit für autoritäre Haltungen. Im Frankreich der neunziger Jahre waren die Verletzungen am grössten für Jugendliche mit qualifizierter Ausbildung, die keine Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf bekamen. Da gibt man schnell einmal den Ausländern an allem die Schuld. Um das zu verhindern, muss die Politik korrigieren.

Beobachter: Wird es also für die Abstimmung über die Weiterführung der Personenfreizügigkeit entscheidend sein, wie gut die Politik die Abstiegsängste zerstreuen kann?
Mäder: Ja, ich finde es ganz wichtig, dass man Transparenz schafft und mögliche negative Begleiterscheinungen der Personenfreizügigkeit nicht tabuisiert. Man muss die Probleme ansprechen. Und es ist nötig, dass diese Mittelstandsdebatte geführt wird.

Beobachter: Was raten Sie, um Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen?
Mäder: Wir müssen die unteren Löhne anheben, allen Jugendlichen eine Ausbildung ermöglichen und die soziale Absicherung ausweiten.