Beobachter: Ausländer beziehen überproportional häufig Arbeitslosengelder, IV-Renten sowie Sozialhilfe. Mutig von der Caritas, zu behaupten, Einwanderung sei ein Gewinn für unsere Sozialversicherungen.
Hugo Fasel
: Nein, das ist nicht mutig, sondern schlicht eine Tatsache. In den letzten Jahren drehte sich die öffentliche Diskussion über Ausländer um den Missbrauch von Sozialhilfe. Politiker schürten bewusst Emotionen, um von echten Problemen abzulenken, nach dem Motto: «Ausländer sind für alles verantwortlich, was in der Schweiz schiefgeht.» So entstand ein völlig falsches Bild, denn tatsächlich sind Ausländer ein Gewinn für uns.

Beobachter: Ein Gewinn?
Hugo Fasel
: Ja. Ausländer zahlen mehr in unser Sozialsystem ein, als sie am Ende daraus beziehen. Sie nehmen zwar überdurchschnittlich häufig Arbeitslosengelder oder Sozialhilfe in Anspruch – weil viele zu den untersten Einkommensschichten zählen. Dort ist das Risiko am grössten, arbeitslos zu werden. Sobald wir aber auch die Altersrenten berücksichtigen, müssen wir das Bild korrigieren.

Beobachter: Wer frisch einwandert, arbeitet in der Regel ein paar Jahrzehnte und zahlt AHV-Beiträge. Wird sich nach der Pensionierung das Blatt nicht wenden? Wird aus dem Gewinn von heute längerfristig ein Verlust?
Hugo Fasel
: Das stimmt aus drei Gründen nicht. Erstens sterben statistisch gesehen Ausländer aus unteren Einkommensschichten früher, beziehen also weniger lang AHV. Zweitens ist ihre Rente markant tiefer, weil sie es auf weniger Beitragsjahre bringen. Und drittens gehen viele nach der Pensionierung zurück in ihr Heimatland. Sie verlieren damit ihren Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Unter dem Strich ist die Rechnung für unsere Sozialversicherungen deshalb positiv.

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Beobachter: Wie verhält es sich mit der neuen Gruppe von Einwanderern, den gutausgebildeten EU-Bürgern?
Hugo Fasel
: Durch sie verändert sich nur die Verteilung innerhalb der Sozialversicherungen. Hochqualifizierte wie deutsche Ärzte werden kaum je Arbeitslosengelder oder Sozialhilfe beziehen. AHV-Renten natürlich schon. Trotzdem sind auch sie ein Gewinn: Sie kommen fertig ausgebildet zu uns. Damit sparen wir im Bildungswesen Milliarden.

Beobachter: Bei der grossen Leserbefragung des Beobachters sagten zwei Drittel, sie wollten die Zuwanderung beschränken.
Hugo Fasel
: Das hat mich schockiert. Wenn wir das täten, würden wir gegen eine Wand fahren. Wo sollten wir anfangen zu beschränken? Ehrlich gesagt, manchmal habe ich gar keine Lust, dagegen anzureden. Wir könnten es ja einmal testen, dann sähen wir, wie sehr wir auf die Ausländer angewiesen sind – in der Landwirtschaft, im Tourismus, im Gastgewerbe oder in der Pflege. Würden wir die Einwanderung morgen stoppen, müssten wir Pflegeheime schliessen und unsere Eltern wieder selbst pflegen.

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